Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeits­störung): Therapie

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (19. April 2016)

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) eingesetzte Therapie zielt darauf ab, ein größtmögliches Wohlbefinden und eine Stabilisierung der Betroffenen zu erreichen. Ob eine gelungene Integration der Teilidentitäten die Voraussetzung hierfür bildet, gilt als umstritten: Viele Menschen, die eine multiple Persönlichkeit haben, lehnen dies als Ziel der Behandlung ab.

Bei Bedarf ist es möglich, die dissoziative Identitätsstörung durch Medikamente (Antidepressiva und Beruhigungsmittel) zu behandeln. Dies wirkt sich allerdings ausschließlich auf die Symptome aus – die Ursachen für die multiple Persönlichkeitsstörung bleiben durch die medikamentöse Behandlung unangetastet.

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten für die dissoziative Identitätsstörung gestaltet sich häufig schwierig. Zum einen haben viele multiple Persönlichkeiten schon schlechte Erfahrungen mit Behandlungen aufgrund falscher Diagnosen gemacht. Zum anderen fällt es Menschen, die eine multiple Persönlichkeitsstörung haben, häufig schwer, Vertrauen zu fassen. Dies ist aber notwendig, um sich auf die Therapie einlassen zu können.

Wenn Sie eine dissoziative Identitätsstörung haben, empfiehlt es sich, einen Therapeuten aufzusuchen, der auf die Traumatherapie (d.h. die Behandlung von traumatisierten Personen) spezialisiert ist. Meistens ist es sinnvoll, die multiple Persönlichkeitsstörung über mehrere Jahre zu behandeln – eine Dauer, die die Krankenkassen oft nicht vollständig bezahlen.

Behandlungsphasen

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung angewendete Therapie besteht aus verschiedenen Phasen. Die einzelnen Behandlungsphasen sind individuell unterschiedlich lang und finden unter Umständen wiederholt statt:

  • Zunächst steht der Aufbau der therapeutischen Beziehung im Vordergrund, die es Ihnen ermöglichen soll, sich auf die Therapie einzulassen. Daneben stellt Ihre Stabilisierung ein wichtiges erstes Behandlungsziel dar: Dazu erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Therapeuten, wie sich Ihr Alltag besser bewältigen lässt. Zusätzliche belastende äußere Umstände (z.B. unzureichende Tagesstruktur, ungünstige Wohnsituation) sind nach Möglichkeit zu verändern.
  • In der zweiten Phase geht es hauptsächlich darum, die Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten untereinander zu fördern. Dazu gilt es, die verschiedenen Teilpersönlichkeiten (sog. Alters) kennenzulernen, jede einzelne ernst zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander zu klären und eine gegenseitige Unterstützung (z.B. im Umgang mit Erinnerungsbildern) aufzubauen.
  • In der anschließenden Behandlungsphase empfiehlt es sich, das für die dissoziative Identitätsstörung verantwortliche Trauma schonend zu bearbeiten. Dies erfordert ein besonders vorsichtiges Vorgehen: Due Therapie soll Sie darin unterstützen, sich den belastenden Erinnerungen zu stellen, ohne zu dissoziieren. Ziel ist es, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass alte Auslösereize immer weiter die belastenden Erinnerungsbilder hervorrufen.
    Eine wirksame Technik zur Traumabearbeitung ist das Eye Movement Desensitization Reprocessing (EMDR): Der Therapeut leitet Sie an, von dem traumatischen Erlebnis zu berichten, während Sie schnelle Augenbewegungen ausführen. Diese Kombination von Augenbewegung und Konfrontation mit dem Trauma erleichtert es, das Erlebte zu verarbeiten: Die Augenbewegung regt das Gehirn so an, dass sich die Blockaden lösen können.
  • Die abschließende Behandlungsphase zielt ab auf die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten. Dadurch sollen Sie sich wieder als eine einzelne Person erleben können und lernen, Ihre Vergangenheit als Teil Ihres Lebens zu akzeptieren. Dabei stellt sich aber die Frage, ob Sie diese Integration als Therapieziel anstreben – gegebenenfalls sollte der Therapeut Ihre Wahl, die Identitätsvielfalt beizubehalten, respektieren.

Wenn die dissoziative Identitätsstörung auf rituellen Missbrauch zurückzuführen ist, sind in der Therapie eventuell auch Techniken zur Bewusstseinskontrolle zu berücksichtigen: Diese kommen zum Beispiel in Kulten zum Einsatz, um Opfer zum Dissoziieren zu programmieren. Dann ist eine Deprogrammierung hilfreich, um diese Kontrollmuster zu löschen.

Beim Vorgehen gegen die dissoziative Identitätsstörung ist es wichtig, dass in allen Behandlungsphasen die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Betroffenen im Vordergrund stehen. So kann es im Sinne Ihrer größtmöglichen Stabilisierung beispielsweise sinnvoll sein, darauf zu verzichten, die für Ihre multiple Persönlichkeitsstörung verantwortlichen traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten, wenn Sie sich dadurch dauerhaft überfordert fühlen.


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