Asperger-Syndrom: Milde Form des Autismus

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (03. Juli 2017)

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Menschen mit Asperger-Syndrom sind kaum in der Lage, Beziehungen zu knüpfen, geschweige denn, Freundschaften zu schließen. Sie können weder Gestik, Mimik, Tonfall und Blickkontakt ihres Gegenübers einordnen noch die dahinter stehenden Gefühle nachempfinden.

Wann spricht man laut, wann leise – und wann lieber gar nicht? Woran erkenne ich, dass jemand verärgert ist? Und warum sollte man manchmal mit seiner Meinung lieber hinter dem Berg halten? Für Menschen mit Asperger-Syndrom ist es nicht leicht, diese Fragen zu beantworten – trotz normaler oder sogar überdurchschnittlicher Intelligenz. Sie können sich von klein auf nicht in andere Menschen hineinversetzen und wissen nicht, wie man sich in sozialen Situationen angemessen verhält. Betroffene mit Asperger-Syndrom haben häufig sehr spezielle Interessen, mit denen sie sich exzessiv befassen.

Was ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom ist eine Entwicklungsstörung aus dem autistischen Formenkreis und wird auch Asperger-Autismus genannt. Menschen mit Asperger-Syndrom leiden, ähnlich wie beim sogenannten frühkindlichen Autismus, an einer ausgeprägten Kommunikations- und Kontaktstörung. Benannt ist das Asperger-Syndrom nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger. Asperger beschrieb 1943 das Syndrom zum ersten Mal.

Das Asperger-Syndrom gehört zur Gruppe der sogenannten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zählen neben dem Asperger-Syndrom insbesondere:

  • frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom): Wenn man im allgemeinen Sprachgebrauch das Wort "Autismus" verwendet, ist meist der frühkindliche Autismus gemeint. Er macht sich bei den Betroffenen schon als Baby bemerkbar und die Beeinträchtigungen sind schwerer als beim Asperger-Syndrom. Viele Menschen mit frühkindlichem Autismus sind geistig eingeschränkt und benötigen lebenslange Unterstützung. Die Symptome des Asperger-Autismus ähneln zum Teil dem frühkindlichen Autismus, sind jedoch schwächer ausgeprägt.
  • Rett-Syndrom: Bei dieser nur bei Mädchen auftretenden Erkrankung bilden sich bereits erworbene Fähigkeiten wieder zurück.
  • atypischer Autismus: Der atypische Autismus ähnelt dem frühkindlichen Autismus. Menschen mit atypischem Autismus zeigen jedoch nicht alle Symptome des frühkindlichen Autismus oder aber die Erkrankung tritt erst nach dem dritten Lebensjahr auf.

Alle tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zeichnen sich durch Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion und eingeschränkte, sich wiederholende Interessen und Verhaltensmuster der Betroffenen aus.

Die einzelnen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen sind nicht immer leicht voneinander abzugrenzen. Mediziner verwenden heute auch den Oberbegriff "Autismus-Spektrum-Störung" (ASS), welcher inhaltlich alle Formen von Autismus umfasst.

Wie häufig ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom tritt vorwiegend beim männlichen Geschlecht auf. Jungen / Männer leiden achtmal häufiger darunter als Mädchen und Frauen. Schätzungen zufolge sind etwa 2 bis 3 von 10.000 aller Kinder betroffen.

Asperger-Syndrom: Symptome

Die Symptome des Asperger-Syndroms lassen sich in drei Bereiche unterteilen:

Bei sehr kleinen Kindern sind häufig noch keine Symptome sichtbar – lediglich eine verzögerte motorische Entwicklung kann einen ersten Hinweis auf das Asperger-Syndrom geben. In der Regel zeigen sich die ersten Symptome bei Kindern nach dem dritten Lebensjahr in ganz unterschiedlicher Ausprägung.

Während einige Betroffene kaum auffällig sind und auf Außenstehende allenfalls ein wenig skurril oder sonderlich wirken, sind andere in ihrem Alltag stark eingeschränkt und auch später nicht in der Lage, einem Beruf nachzugehen.

Kinder mit Asperger-Syndrom sind meist normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent, sie können häufig gut logisch denken und abstrahieren. Sie weisen jedoch in bestimmten anderen Bereichen Defizite und spezifische Symptome auf.

Trotz ihrer Intelligenz sind viele Asperger-Kinder eher schlechte Schüler, denn ihre Aufmerksamkeit ist gestört. Sie sind vor allem mit sich selbst beschäftigt und werden sozusagen durch sich selbst abgelenkt.

Bei Kindern mit Asperger-Syndrom fällt auf, dass diese häufig introvertiert, humorlos und egozentrisch wirken. Sie haben meist schon in der Schule Probleme, sich zu integrieren. Auch im Erwachsenenalter bleiben die Symptome von Asperger bestehen, allerdings häufig weniger ausgeprägt als im Kindesalter.

Manche Menschen mit Asperger-Syndrom fallen durch Symptome wie motorische Ungeschicktheit und mangelnde Koordinationsfähigkeit auf. Das Asperger-Syndrom tritt häufig zusammen mit ZwängenADHS oder Tics auf.

Ein in sich gekehrter Junge sitzt auf einem Stuhl und schaut zu Boden. © iStock

Schon als Kind verhalten sich Asperger-Betroffene häufig sehr introvertiert.

Auf einen Blick: Menschen mit Asperger-Syndrom …

  • … sind meist durchschnittlich oder sogar überdurchschnittlich intelligent
  • … können sich nur schwer oder gar nicht in andere Menschen hineinversetzen
  • … können Gestik, Mimik und Tonfall anderer Menschen nicht intuitiv richtig deuten
  • … sprechen monoton und zeigen nur wenig Mimik, sind aber oft sehr wortgewandt
  • … entwickeln oft sehr spezielle oder seltsam erscheinende Interessen, mit denen sie sich intensiv und lange befassen
  • … bevorzugen regelmäßige, starre Abläufe und Tagesgewohnheiten
  • … haben häufig motorische Probleme

Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion

Menschen mit Asperger-Syndrom fällt es schwer, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Sie zeigen deutlich weniger Mimik und Gestik als andere Menschen und nehmen selten Blickkontakt auf.

Auch, wenn es für Außenstehende so wirkt: Menschen mit Asperger-Syndrom wollen nicht unbedingt zurückgezogen leben – sie sind aber nicht in der Lage, soziale Situationen und Signale einschätzen zu können und sich entsprechend zu verhalten, sodass sie nur schwer Beziehungen aufbauen. Allerdings haben sie nur wenig Freude daran, ihre Interessen mit anderen zu teilen. Asperger-Betroffene können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen. Die Emotionen anderer – zum Beispiel Wut, Trauer, Ärger – können sie nicht nachvollziehen. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erfassen, also Empathie zu zeigen und Mitgefühl zu entwickeln. Dadurch machen sie oft einen rücksichts- und distanzlosen Eindruck und verhalten sich unangepasst.

Ein Junge steht einsam und mit verschränkten Armen auf einer Wiese, im Hintergrund eine Gruppe Kinder. © Jupiterimages/Digital Vision

Kontakte können Asperger-Betroffene nur schwer knüpfen.

Personen mit Asperger-Syndrom versuchen – im Gegensatz zu Menschen mit frühkindlichem Autismus – durchaus, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Allerdings können sie nicht einschätzen, ob sie sich einer Situation angemessen verhalten oder wie jemand auf eine Äußerung reagieren wird. Tiefe Freundschaften entwickeln sie in der Regel nicht.

Auffälligkeiten in Kommunikation und Sprache

Während beim frühkindlichen Autismus – einer Entwicklungsstörung, die dem Asperger-Syndrom ähnelt – die Sprachentwicklung stark verzögert ist, fangen Kinder mit Asperger-Syndrom häufig schon sehr früh an zu sprechen. Oft ertönen bereits die ersten Worte, bevor das Kind laufen kann. Asperger-Betroffene verfügen häufig über einen großen Wortschatz und eine wandlungsfähige Sprache. Die Stimme wirkt dabei allerdings eher monoton. Das Sprechen ist nicht an die Situation angepasst: Die Betroffenen können die Reaktionen ihrer Mitmenschen nicht deuten und wissen auch nicht, in welchen Situationen sie laut, leise, ruhig oder zum Beispiel gar nicht sprechen sollten. Vielmehr reden sie, wenn sie gerade dazu Lust haben, anstatt sich nach ihrem Gegenüber zu richten. Häufig führen sie auch Selbstgespräche. Nonverbale Signale können sie nicht richtig interpretieren: Die Mimik und Gestik oder der Tonfall ihres Gegenübers ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensmuster

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom entwickeln Interessen, mit denen sie sich sehr intensiv, nahezu besessen beschäftigen oder die besonders außergewöhnlich und speziell sind. Manche lernen zum Beispiel Fahrpläne auswendig, andere beschäftigen sich mit mathematischen Aufgaben, wieder andere faszinieren geschichtliche Fragen oder Daten. Asperger-Kinder beschäftigen sich möglicherweise durchaus auch mit Dingen, die Gleichaltrige interessieren – etwa Dinosaurier oder eine Zeichentrickfigur –, jedoch in einem viel stärkerem Ausmaß als andere Kinder. Oder sie spezialisieren sich auf einzelne Details.

Durch diese Spezialisierung und ihren Drang, ihrem Hobby in besonderem Ausmaß nachzugehen, können Personen mit Asperger-Syndrom bisweilen herausragende Leistungen auf ihrem Gebiet hervorbringen. Die Kehrseite: Trotz manchmal erstaunlicher Fähigkeiten oder Wissenspotenziale können Asperger-Betroffene ihre Fertigkeiten nicht in einem sozialen Kontext nutzen, also nicht in größere Zusammenhänge einbetten. So können einige Betroffene zwar große Datenmengen abrufen, diese aber nicht sinnvoll verwenden. Ihre Interessen nehmen einen so großen Raum ein, dass Alltagsaktivitäten bisweilen unmöglich werden.

Ein junger Mann sitzt mit Büchern am Tisch, auf der Tafel hinter ihm mathematische Formeln. © Jupiterimages/AbleStock.com

Manche Menschen mit Asperger-Syndrom fasziniert Mathematik , andere lernen gerne Dinge auswendig.

Asperger-Betroffene neigen zu Stereotypien, das heißt, sie verspüren den Drang, bestimmte Tätigkeiten immer nach dem gleichen Muster auszuführen. So halten sie etwa schon als Kind an bestimmten Ritualen fest, richten sich nach festgelegten Abläufen oder Uhrzeiten oder fahren stets denselben Weg. Plötzliche Veränderungen überfordern sie und werfen ihren Alltag aus der Bahn – sie brauchen Routine.

Unterschied zum frühkindlichen Autismus

Die Symptome beim Asperger-Syndrom ähneln zum Teil dem frühkindlichen Autismus, sind jedoch schwächer ausgeprägt. Während sich der frühkindliche Autismus bereits in der frühesten Kindheit bemerkbar macht, fallen Kinder mit Asperger-Syndrom meist erst im Kindergarten- oder Schulalter auf. Ihr nonverbales Verhalten gleicht dem frühkindlicher Autisten, auch sie zeigen Symptome wie stereotypes Verhalten und eingeschränkte Aktivitäten und Interessen.

Auch wenn Asperger-Betroffene einige Ähnlichkeiten zu Autisten aufweisen, gibt es doch deutliche Unterschiede zwischen den beiden Erkrankungen.

Unterschiede zwischen Asperger-Syndrom und frühkindlichem Autismus

Menschen mit Asperger-Syndrom … Menschen mit frühkindlichem Autismus …
… sind durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent … sind unterdurchschnittlich intelligent
… fallen meist erst im Kindergarten oder Schulalter auf … fallen schon in der frühesten Kindheit auf
… lernen schon früh das Sprechen und verfügen oft über eine besonders wandlungsfähige Sprache … haben erhebliche sprachliche Defizite und können oft gar nicht sprechen
… empfinden ihre Umgebung als störend … empfinden die Umgebung als nicht existent

Asperger-Syndrom: Ursachen

Man nimmt an, dass mehrere Faktoren ein Asperger-Syndrom begünstigen. Die genauen Ursachen sind jedoch bislang nicht abschließend geklärt.

Eine große Rolle spielt eine genetische Komponente: Das Asperger-Syndrom tritt in einigen Familien gehäuft auf. Wissenschaftler vermuten, dass bis zu 20 Gene an der Entstehung von tiefgreifenden Entwicklungsstörungen wie das Asperger-Syndrom beteiligt sind. Darüber hinaus haben wahrscheinlich noch andere Faktoren Einfluss an der Entstehung des Asperger-Syndroms, so insbesondere hirnorganische und biochemische Auffälligkeiten, die das Verhalten von Asperger-Betroffenen teilweise erklären.

Woher kommt das mangelnde Einfühlungsvermögen?

Die Fähigkeit, jemandem eigene Bedürfnisse und Gefühle zu vermitteln, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gedanken und Gefühle nachvollziehen zu können, wird von Neurowissenschaftlern auch als Theory of Mind bezeichnet.

Personen, die von einem Asperger-Syndrom betroffen sind, weisen hier erhebliche Defizite auf. So können sie beispielsweise Mimik, Gestik oder Tonfall einer anderen Person nur schwer oder gar nicht deuten. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, sich vorzustellen, dass andere Personen eigene Gedanken und Gefühle haben – und entsprechend können sie die Gedanken und Gefühle anderer nicht nachvollziehen (mangelnde Empathiefähigkeit). Offenbar spielen hier verschiedene Hirnareale eine Rolle. So ist die Aktivität in bestimmten Bereichen des sogenannten präfrontalen Cortex, die für die Empathiefähigkeit wichtig sind, bei Asperger-Patienten vermindert.

Aber auch eine andere Region im Gehirn scheint für das mangelnde Einfühlungsvermögen von Asperger-Betroffenen mitverantwortlich zu sein: der Mandelkern (Amygdala). Der Mandelkern befindet sich im sogenannten limbischen System des Gehirns und reguliert unter anderem emotionale Reaktionen. Der Mandelkern zeigt bei Menschen mit Asperger-Syndrom Auffälligkeiten, ebenso ein Bereich im Temporallappen, der die Wahrnehmung und Erkennung von Gesichtern steuert.

Darüber hinaus sind die sogenannten Spiegelneuronen von Bedeutung: Spiegelneuronen werden spontan aktiv, wenn eine Person eine andere bei einer Tätigkeit beobachtet. Im Hirn des Beobachters werden Nervenzellen (Neuronen) erregt, die die gleichen Reize auslösen, als würde der Beobachter selbst die Tätigkeit ausüben. Vermutlich ist das Spiegelneuronen-System bei Personen mit Asperger-Syndrom beeinträchtigt.

Warum können Betroffene nur schwer Zusammenhänge herstellen?

Die Fähigkeit, Dinge in einen Gesamtzusammenhang einzubetten, bezeichnen Psychologen auch als zentrale Kohärenz. Menschen mit Asperger-Syndrom haben Probleme damit: Sie können die Umwelt nicht als Ganzes wahrnehmen.

Vielmehr neigen die Betroffenen zu einer selektiven, detaillierten Wahrnehmung, das heißt, sie interessieren sich sehr für Details und fokussieren sich auf einzelne Objekte oder Situationen – können aber keinen Zusammenhang herstellen. Sie sehen sprichwörtlich "den Wald vor lauter Bäumen nicht". Die genauen Ursachen für dieses Phänomen sind bisher allerdings unbekannt.

Warum sind Betroffene so wenig flexibel?

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom haben Probleme damit, Handlungen zu planen und umzusetzen (sog. exekutive Funktionen). Sie sind nicht flexibel, das heißt: Passiert etwas Unvorhergesehenes, können sie darauf nicht angemessen reagieren und spontan nach einer anderen Lösung suchen, sondern halten stur an ihren Regeln fest. Möglicherweise liegt die Ursache in Veränderungen im präfrontalen Cortex im Gehirn.

Asperger-Syndrom: Diagnose

In der Regel fallen die ersten Symptome eines Asperger-Syndroms etwa nach dem dritten Lebensjahr auf. Die Symptome kommen besonders dann zutage, wenn es darum geht, dass sich das Kind sozial integrieren muss, etwa im Kindergarten oder in der Schule.

Es gibt keine körperlichen Auffälligkeiten, anhand denen man ein Asperger-Syndrom nachweisen könnte. Bei Verdacht auf Asperger-Syndrom verweist der Kinderarzt die Eltern häufig an einen Kinder- und Jugendpsychiater. Insbesondere die Vorgeschichte, aber auch die Beobachtung des Kindes in verschiedenen Situationen helfen dem Experten dabei, eine Diagnose stellen zu können.

Der Arzt ermittelt, auf welchem Entwicklungsstand sich das Kind befindet und welche intellektuellen Fähigkeiten es aufweist. Dabei verwendet er unter anderem spezielle Beurteilungsskalen (z.B. Marburger Beurteilungsskala, MBAS).

Bestimmte Erkrankungen können mit ähnlichen Symptomen einhergehen, so zum Beispiel Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Bindungsstörungen, SchizophrenieADHS, aber auch andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie der atypische Autismus. Daher ist es wichtig, dass der Arzt bei der Diagnose andere Krankheiten ausschließt.

Asperger-Syndrom bei Erwachsenen

Erwachsene mit Asperger-Syndrom haben oft ein hohes Bildungsniveau. Jedoch fällt es ihnen schwer, Freundschaften zu schließen und viele haben Schwierigkeiten in ihrem Beruf oder sind arbeitslos. Es kann vorkommen, dass eine Person erst als Erwachsener mit der Diagnose Asperger-Syndrom konfrontiert wird – obwohl die Symptome bereits seit der Kindheit bestehen. Ein möglicher Grund: Viele Betroffene sind überdurchschnittliche intelligent und schaffen es, ihre Defizite jahrelang zu überspielen. Hinzu kommt, dass das öffentliche Interesse an Störungen aus dem autistischem Formenkreis zugenommen hat, sodass die für Asperger typischen Symptome sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen oder Ärzten eher auch als "autistisch" wahrgenommen werden.

Erwachsene mit Asperger-Syndrom leiden häufig unter psychischen Erkrankungen, so etwa unter Depressionen oder Angststörungen, was die Diagnose erschwert. Um herauszufinden, ob ein Erwachsener am Asperger-Syndrom leidet, gibt es spezielle Fragebögen für Erwachsene (z.B. "Adult Asperger Assessment" (AAA), Autismus-Spektrum-Quotient (AQ)). Darüber hinaus wird der Arzt den Patienten ausführlich untersuchen und nach seiner Krankengeschichte fragen. Geschwister und Eltern können Auskunft über die Kindheit des Betroffenen geben, denn häufig kann sich dieser nur lückenhaft an diese Zeit erinnern. Der Arzt kann unter anderem auch anhand des Verhaltens auf eine mögliche Asperger-Erkrankung schließen: Asperger-Patienten meiden meist den Blickkontakt und haben in ihren Erzählungen Probleme damit, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Humor oder ein Lächeln erwidern sie oft nicht.

Asperger-Syndrom: Therapie

Nicht jede Person mit der Diagnose Asperger-Syndrom muss in Therapie. Viele Betroffene sind auch ohne Behandlung in der Lage, später einem Beruf nachzugehen und sich sozial anzupassen. Sie mögen für Außenstehende vielleicht sonderbar erscheinen, haben jedoch keine Probleme damit, ihren Alltag zu meistern.

Sind die Symptome jedoch sehr ausgeprägt, ist eine frühe Therapie besonders wichtig – am besten bereits im Kindesalter. In der Regel handelt es sich um eine Langzeittherapie.

Das Asperger-Syndrom ist zwar nicht heilbar, jedoch kann man mithilfe eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes die Symptome lindern und das Kind besser zu integrieren, um ihm zu einem weitgehend selbstständigen Leben zu verhelfen.

Eine verhaltenstherapeutische Maßnahme bietet die Möglichkeit, die individuellen Fähigkeiten des Kindes gezielt zu fördern und bestehende Defizite zu verringern. Der Therapeut berücksichtigt bei seiner Arbeit den Entwicklungsstand und die bereits vorhandenen Kompetenzen des Kindes und baut darauf auf. So lernt das Kind in der Therapie Schritt für Schritt, seine sozialen, kommunikativen und lebenspraktischen Fähigkeiten zu verbessern und die soziale Wahrnehmung zu trainieren.

Ein Bestandteil der Therapie könnte beispielsweise sein, dass ein Kind auf Fotos erkennen lernt, wie sich die dort abgebildete Person fühlt. Wichtiges Element der Therapie ist, dass das Kind oder der Jugendliche in der Lage ist, sich an soziale Situationen anzupassen. Dies ist beispielsweise wichtig, um einen Schulbesuch zu ermöglichen oder eine Ausbildung machen zu können. Meist ist eine länger andauernde sozialpädagogische Betreuung erforderlich.

Die Eltern / Betreuer spielen in der Therapie eine wichtige Rolle, denn sie können das Kind in seiner Entwicklung fördern. Daher sollten die Erziehungsberechtigen während der Therapie entsprechend begleitet und betreut werden.
Medikamente kommen zur Therapie des Asperger-Syndroms nur in seltenen Fällen zum Einsatz, so zum Beispiel der Wirkstoff Risperidon. Einige Kinder leiden im Rahmen des Asperger-Syndroms auch an Störungen der Aufmerksamkeit leiden (ADHS). In diesem Fall kann der Arzt entsprechende Medikamente verordnen.

Asperger-Syndrom: Verlauf

Der Verlauf des Asperger-Syndroms kann sehr unterschiedlich sein: Einige Menschen mit Asperger-Syndrom finden als Erwachsener eine berufliche Nische, in der sie ihre speziellen Interessen anwenden können und lernen, wie man Kontakt zu anderen Menschen aufbaut. Insbesondere bei hoher Intelligenz können Betroffene ihre Defizite gut kompensieren. So lesen sie beispielsweise Bücher über Mimik und versuchen, einzelne Gesichtsausdrücke auswendig zu lernen, um diese richtig deuten zu können. Andere hingegen haben am Arbeitsplatz Probleme, weil sie beim Kontakt mit Kollegen oder Kunden nicht angemessen reagieren können und bisweilen unhöflich wirken. Wieder andere sind nicht in der Lage, einer Arbeit nachzugehen. Obwohl das Bildungsniveau von Menschen mit Asperger-Syndrom häufig hoch ist, ist ein großer Teil von ihnen arbeitslos.

Der Verlauf der Erkrankung hängt unter anderem davon ab,

  • wie ausgeprägt das Syndrom ist,
  • wie gut sich die Person trotz ihrer Defizite sozial integrieren kann,
  • welche Betreuungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und
  • wie intelligent der Betroffene ist.

Aber auch die Bereitschaft des Umfelds, die Betroffenen zu integrieren, spielt eine Rolle.

Das Asperger-Syndrom ist nicht heilbar, sondern verläuft chronisch. Jedoch ist es möglich, vorhandene Defizite mithilfe einer Therapie in gewissen Grenzen zu kompensieren.

Ein Mann schaut nachdenklich aus dem Fenster eines Hochhauses. © Jupiterimages/Comstock Images

Die Symptome des Asperger-Syndroms bleiben lebenslang bestehen, können sich jedoch mit der Zeit abschwächen.

Mit dem Alter lernen die Betroffenen, sich besser an Situationen anzupassen. Dennoch bleiben die Kommunikationsprobleme, die eingeschränkte Kontaktfähigkeit und die eingeschränkten Interessen lebenslang bestehen. Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom haben weniger soziale Kontakte als andere Menschen und gehen auch seltener eine Partnerbeziehung ein. Häufig schaffen sie es nicht, einen Partner zu finden, da sie nicht in der Lage sind, in angemessener Weise Kontakte zu knüpfen. Viele von ihnen leben zurückgezogen. In einer Partnerschaft haben die Betroffenen häufig Probleme, da es ihnen schwerfällt, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Zudem empfinden sie es häufig als anstrengend, sich intensiv mit einer Person auseinanderzusetzen und Anteilnahme zu zeigen. Sie wirken auf den Partner bisweilen egoistisch und distanziert.

Das Risiko für psychotische Störungen, AngststörungenZwangsstörungenAufmerksamkeitsstörungen oder Tic-Störungen ist bei Asperger-Betroffenen leicht erhöht. In der Pubertät wird sich der Betroffene zunehmend darüber bewusst, dass er anders ist als andere Menschen. Daher ist das Risiko erhöht, im Jugendlichen- und Erwachsenenalter eine Depression zu entwickeln.

Asperger-Syndrom: Vorbeugen

Vorbeugen kann man einem Asperger-Syndrom nicht. Aber: Mit einer frühzeitigen Therapie können Betroffene lernen, besser mit der Erkrankung umzugehen und ihre Kommunikationsdefizite auszugleichen.

Die ersten Symptome von Asperger zeigen sich in der Regel nach dem dritten Lebensjahr. Sollten Sie bei Ihrem Kind Anzeichen von Asperger entdecken, scheuen Sie sich nicht, einen Arzt aufzusuchen. Er kann mit Ihnen besprechen, ob und inwiefern eine Therapie erforderlich ist.

Bereits erwachsene Menschen mit Asperger-Syndrom können durch eine Therapie möglichen Folgeerkrankungen vorbeugen, so insbesondere einer Depression. Daher gilt auch für Erwachsene: Wenn Sie vermuten, am Asperger-Syndrom zu leiden, wenden Sie sich an einen Arzt!

Asperger-Syndrom: Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Asperger-Syndrom":


Onmeda-Lesetipps:

Buchtipps:

Anders sein: Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter

buch_vogeley_anders.jpg Kai Vogeley

192 Seiten BELTZ 2012

Haben Sie schon seit Ihrer Kindheit das Gefühl, „irgendwie anders“ zu sein? Konnten Sie sich schon immer besser allein beschäftigen als das Miteinander mit anderen zu genießen? Gelten Sie im beruflichen Umfeld oder in freundschaftlichen Beziehungen eher als Sonderling oder Außenseiter, weil Sie sich sozial ungeschickt verhalten, oft „anecken“ oder arrogant wirken? Menschen mit Hochfunktionalem Autismus oder Asperger-Syndrom beantworten solche und ähnliche Fragen oft mit einem klaren Ja. Während ihnen intellektuelle und technische Aufgaben meist leicht von der Hand gehen, leiden sie unter ihren Problemen im zwischenmenschlichen Bereich. Kai Vogeley erklärt für Betroffene und Angehörige verständlich die Hintergründe, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des Hochfunktionalen Autismus und gibt Ratschläge für einen sicheren Umgang mit den Mitmenschen im privaten und beruflichen Umfeld.

Asperger: Syndrom zwischen Autismus und Normalität: Diagnostik und Heilungschancen

buch_joergensen_asperger.jpg Ole Sylvester Jörgensen

108 Seiten BELTZ 2012

Das Buch fasst den Stand unserer heutigen Kenntnisse vom Asperger-Syndrom zusammen und vermittelt ein anschauliches Bild von den Verhaltenseigentümlichkeiten, Stärken und Schwächen betroffener Menschen, auch in Abgrenzung gegenüber anderen psychischen Störungen. Allen, die mit Asperger-Patienten zu tun haben, bietet es darüber hinaus wertvolle Hinweise auf Therapie und Heilungschancen. Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom mögen sonderbar erscheinen, in ihrer Persönlichkeit und mit ihren speziellen Begabungen oder Interessen sind sie aber meist faszinierend und attraktiv. Wie bei "abnormen" Persönlichkeiten die Regel, verschwimmen nicht selten die Grenzen zwischen Störung und Variabilität des so genannten Normalen. Der Autor zeigt anhand einer Reihe von Fallstudien und auf Grund psychiatrischer Überlegungen die Eigenheiten und Übergänge einer Entwicklungsstörung, die zwar mit dem Autismus verwand ist, aber näher bei der normalen psychischen Entwicklung angesiedelt ist. "Dieses Buch ist in hervorragender Weise praxisorientiert und vermittelt ein außerordentlich anschauliches Bild von den Verhaltensproblemen, den Stärken und Schwächen der betroffenen Menschen.

Memorix Psychiatrie und Psychotherapie

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474 Seiten Thieme 2011

Das Alphabet der Psychiatrie für Ärzte zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Fort- und Weiterbildung sowie Studenten Schnellinformation für Psychiater, Neurologen, Internisten und Allgemeinärzte

Asperger-Syndrom

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237 Seiten Trias 2010

Das Asperger-Syndrom ist schwer zu diagnostizieren. Diese Form von Autismus bei Kindern zeigt sich z.B. durch geringes Einfühlungsvermögen, monologisieren und die intensive Beschäftigung mit speziellen Interessen. Dieses Buch hilft, die richtige Diagnose zu stellen. Denn nur auf dieser gesicherten Grundlage kann das gezielte Trainingsprogramm greifen. Spiele und Übungen fördern die emotionale Wahrnehmung und die Integration in den Alltag. Speziell für Eltern, Lehrer und Psychologen bietet dieser bewährte Band viel nützliches Wissen.

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buch_preissmann_asperger.jpg Christine Preißmann

189 Seiten Trias 2012

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Kinder- und Jugendpsychiatrie: Eine praktische Einführung

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576 Seiten Thieme 2011

Das Buch bietet eine umfassende und gut verständliche Einführung in das Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie für alle, die mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Es beschreibt die normale und abweichende kindliche Entwicklung, die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, Ursachen, Diagnostik und Behandlung der einzelnen Erkrankungen und Störungen sowie rechtliche und organisatorische Fragen. Die Neuauflage wurde um zahlreiche Kapitel zu Krankheitsbildern und therapeutischen Verfahren erweitert. Abbildungen und Fallbeispiele tragen zur Anschaulichkeit der Beschreibungen bei.

Quellen:

Asperger-Syndrom. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 18.4.2017)

Online-Informationen Berufsverband Deutscher Neurologen e.V. (BDN): www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de (Abrufdatum: 21.03.2016)

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V.: Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/018 (Stand: 23.2.2016)

Kerbl, R., et al.: Checkliste Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2015

Möller, H., Laux, G., Deister, S.: DUALE Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Hoffmann, G., et al.: Pädiatrie. Springer, Heidelberg 2014

Lehnhardt, F., et al.: The investigation and differential diagnosis of Asperger syndrome in adults. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 110, Heft 45, S. 755-63 (8. November 2013)

Gortner, L., Meyer, S., Sitzmann, F.: Duale Reihe Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2012

Remschmidt, H. (Hg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie. Thieme, Stuttgart 2011

Laux, G.; Möller, H.: Memorix Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2011

Lohaus, A., Vierhaus, M., Maass, A.: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Springer, Berlin 2010

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Aktualisiert am: 3. Juli 2017

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