Akutes Nierenversagen (ANV): Definition, Stadieneinteilung & Funktion der Niere

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (01. Juli 2015)

Der Begriff "akutes Nierenversagen" (ANV) beschreibt eine vorübergehende, akut auftretende, unzureichende oder völlig ausgefallene Nierenfunktion. Die Nieren können dann das Blut nicht mehr ausreichend reinigen, sodass sich Schadstoffe beziehungsweise Abbauprodukte des Stoffwechsels anreichern.

Akutes Nierenversagen äußert sich oft dadurch, dass der Körper keinen Harn mehr bildet – die Betroffenen scheiden wenig (Oligurie) oder keinen Urin (Anurie) mehr aus. Akutes Nierenversagen zeigt sich aber nicht immer durch eine verminderte Harnmenge. Manchmal ist die Urinausscheidung auch normal (Normourie) oder sogar zeitweise gesteigert (Polyurie).

Abzugrenzen vom akuten Nierenversagen ist eine irreversible, also dauerhafte und durch eine Behandlung nicht mehr rückgängig zu machende Abnahme der Nierenfunktion, welche Mediziner als chronisches Nierenversagen bezeichnen.

Akutes Nierenversagen tritt oft im Rahmen schwerer Erkrankungen (z.B. Schock) auf. Schätzungsweise erleiden mehr als 10 Prozent aller Patienten auf der Intensivstation ein akutes Nierenversagen. Eine herabgesetzte Nierenfunktion, ob akut oder chronisch, wird auch als Niereninsuffizienz bezeichnet.

Stadieneinteilung

Noch vor einigen Jahren gab es für das akute Nierenversagen keine einheitliche Definition. Es fehlte an klinischen Messgrößen, die eine Beurteilung der Nierenfunktion zuließen, um so das akute Nierenversagen bestimmten Stadien zuordnen zu können. Erst 2004 wurden von der Acute Dialysis Quality Initiative (ADQI) verschiedene Kriterien vorschlagen, die bei der Einteilung von Nierenfunktionsstörungen in verschiedene Schweregrade helfen – die sogenannten RIFLE-Kriterien. Der Begriff RIFLE steht dabei für die Anfangsbuchtstaben der einzelnen Stadien 

  • Risk,
  • Injury,
  • Failure,
  • Loss und
  • End stage renal disease (ESRD). 

Auf Grundlage der RIFLE-Kriterien hat das Acute Kidney Injury Network im Jahre 2007 eine weitere Definition vorschlagen, anhand derer man das akute Nierenversagen in drei Stadien unterteilen kann. Bei der Zuordnung der Patienten in die AKIN-Stadien eins bis drei achtet der Arzt auf zwei Messwerte: zum einen auf den Anstieg des Kreatinins im Blutserum und zum anderen auf die Verminderung der Urinproduktion

Stadien der akuten Nierenschädigung

RIFLE-StadiumAKIN-StadiumSerum-KreatininUrinmengeDialysepflichtig
Risk 1 1,5- bis 2-facher Kreatininanstieg
oder Kreatininanstieg von mehr als 0,3 mg/dl
< 0,5 ml/kg pro Stunde für 6 Stunden nein
Injury 2 2- bis 3-facher Kreatininanstieg < 0,5 ml/kg pro Stunde für 12 Stunden nein 
Failure 3 mehr als 3-facher Kreatininanstieg 
oder Kreatininanstieg von mehr als 0,5 mg/dl
< 0,3 ml/kg pro Stunde für 24 Stunden
oder fehlende Urinausscheidung für 12 Stunden
nein
Loss * Dauerhaftes Nierenversagen für mehr als 4 Wochen  ja
ESRD * Dauerhaftes Nierenversagen für mehr als 3 Monate  ja

Die RIFLE- und die AKIN-Kriterien haben allerdings den Nachteil, dass sie keine Rückschlüsse auf die Ursachen des akutes Nierenversagens und die allgemeine Prognose zulassen. Im Klinikalltag ziehen es viele Ärzte daher vor, zwischen einer prä, intra- und postrenalen Nierenschädigung zu unterscheiden – je nachdem, ob die Ursachen für das Nierenversagen vor, nach oder im Nierengewebe selbst liegen. 

Funktion der Niere

Die Nieren sind paarig angelegte Organe, die sich beidseits der Wirbelsäule etwa in Höhe der unteren Rippen befinden. Zusammen wiegen die Nieren etwa 300 Gramm.

Die Nieren erfüllen folgende Funktionen:

  • Sie regulieren den Flüssigkeitshaushalt, den Elektrolyt- und den Säure-Basen-Haushalt,
  • sie kontrollieren den Blutdruck und
  • sie bilden bestimmte Hormone, wie z.B. Erythropoetin.

Erythropoetin ist ein körpereigenes Hormon, welches die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert.

Die Nieren sind stark durchblutet – vor allem der äußere Teil, die Nierenrinde. In der Nierenrinde befinden sich viele kleine Blutgefäßknäuel, die sogenannten Glomeruli. In den Glomeruli ist die Blutgefäßwand für verschiedene Bestandteile des Bluts durchlässig. Während Blutzellen, beispielsweise rote und weiße Blutkörperchen sowie Bluteiweiß (Plasmaalbumin), nicht aus dem Blutgefäß austreten können, passieren Blutzucker (Glukose), Harnstoff, Elektrolyte und Wasser die Gefäßwände und werden in sogenannten Tubuli (lat. tubulus = Röhre) aufgefangen. Die in den Tubuli gesammelte Flüssigkeit bezeichnen Mediziner als Primärharn. Pro Minute bilden sich auf diese Weise etwa 125 Milliliter Primärharn. Dies entspricht fast 180 Litern pro Tag.

Die Tubuli verlaufen geschlängelt durch die Nierenrinde und durch das zur Nierenmitte angrenzende Mark. Auf diesem Weg werden viele Bestandteile des Primärharns und fast die gesamte Flüssigkeit wieder von den Zellen aufgenommen (resorbiert), aus denen die Tubuli bestehen. Der Großteil der gefilterten Stoffe bleibt dem Körper damit erhalten. Dies führt zu einer Konzentrierung des Primärharns, aus dem dadurch der eigentliche Harn (Urin) wird. Statt 180 Litern scheidet der menschliche Körper nur etwa 1,5 Liter Urin pro Tag aus

Zusätzlich werden in den Tubuli weitere Substanzen in den Harn abgegeben. Dadurch kann zum Beispiel der Säure-Basen-Haushalt des Organismus reguliert werden. Substanzen, die der Körper mit dem Urin ausscheiden muss, um eine zu hohe Konzentration im Organismus zu verhindern, werden als harnpflichtige Substanzen bezeichnet. Wichtige harnpflichtige Substanzen sind Kreatinin und Harnstoff.


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