Agoraphobie: Was sind die Ursachen?

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (26. Januar 2017)

Eine Agoraphobie ist in der Regel nicht auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen – vielmehr sind es mehrere Einflüsse, die im Zusammenspiel die Angststörung auslösen.

Angst ist ein Gefühl, das jeder kennt – und das ist auch gut so, denn Angst ist überlebenswichtig: Sie bewahrt Menschen davor, sich zu überschätzen und zu leichtsinnige Entscheidungen zu treffen. Bei der Agoraphobie ist die Angst aber so übersteigert, dass sie aus objektiver Sicht nicht nachvollziehbar ist, das heißt, es gibt eigentlich keinen Grund, vor der jeweiligen Situation Angst zu haben.

Personen mit Agoraphobie weisen eine gewisse Anfälligkeit für die Erkrankung auf. Das hat teilweise genetische Ursachen. Zum anderen können sich auch Ereignisse in der individuellen Lebensgeschichte auf das Risiko auswirken, etwa, wenn die Mutter besonders ängstlich ist und dieses Verhalten vom Kind übernommen wird. Hinzu kommen auslösende FaktorenBelastende Ereignisse oder Lebensphasen – zum Beispiel der Tod einer nahestehenden Person, eine Erkrankung oder Arbeitslosigkeit – können bei entsprechend anfälligen Personen den Ausbruch der Angststörung begünstigen.

Nach Ansicht von Lerntheoretikern führt ein mehrstufiger Prozess zu einer Phobie. Zunächst "erlernt" eine entsprechend anfällige Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation, weil sie eine schlechte Erfahrung damit gemacht hat. 

Ein Beispiel: Eine Frau hat an einem heißen Sommertag nur wenig gegessen und ist ohnehin anfällig für Kreislaufprobleme. In einem vollen Kaufhaus merkt sie, dass ihr schwindlig ist – und bekommt Angst. Wird die körperliche Missempfindung mit der Situation, also dem Aufenthalt im Kaufhaus, verknüpft, kann eine Agoraphobie entstehen: Die vorher neutrale Situation ist nun mit Angst besetzt. Beim nächsten Kaufhausbesuch befürchtet die Frau, es könne ihr erneut schlecht gehen. Die Angst davor führt erneut zu Symptomen wie etwa Schwindel, was die Frau in ihrer Befürchtung bestätigt. In Zukunft beginnt sie, Kaufhäuser zu meiden.

Dieses Vermeidungsverhalten kann dazu führen, dass die Angststörung aufrechterhalten wird – denn die Person kann nicht die Erfahrung machen, dass die Angst eigentlich unbegründet ist. Auch die Wahrnehmung körperlicher Symptome spielt bei der Aufrechterhaltung der Angst eine wichtige Rolle. Hat eine Person Angst, führt dies bei ihr zu körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel HerzrasenSchweißausbrüchen oder Zittern. Diese Beschwerden deutet die Person als Gefahr, was die Angst wiederum noch verstärkt. Durch die damit verbundene Stressreaktion verschlimmern sich die körperlichen Symptome. Auf diese Weise bildet sich ein Teufelskreis der Angst, der dazu führt, dass die Angst weiter zunimmt.

Teufelskreis © iStock

Angst führt zu körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und Schwindel. Diese Symptome sieht der Agoraphobiker als Bestätigung, dass ihm tatsächlich etwas passieren könnte und dass seine Angst somit begründet ist – was die Beschwerden noch verstärkt. Ein Teufelskreis ist entstanden.

Neurobiologische Aspekte

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Personen mit Angststörungen eine gewisse neurophysiologische Anfälligkeit dafür aufweisen.

Vermutlich sind bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn von Angstpatienten aus dem Gleichgewicht geraten, wie zum Beispiel Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Weitere neurobiologische Befunde zeigen, dass bei Menschen mit einer Angststörung eine spezielle Hirnregion Besonderheiten aufweist: das limbische System – und hier insbesondere der sogenannte Mandelkern (Amygdala), der für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist und der Hippocampus, der unter anderem für die Gedächtnisbildung sorgt. Darüber hinaus sind verschiedene hormonelle Substanzen an der Entstehung einer Angststörung beteiligt (u.a. Kortisol).

Psychodynamische Theorien

In der psychoanalytischen Theorie geht man davon aus, dass Ängste durch innere Konflikte entstehen können, die nicht gelöst werden konnten. Auch glaubt man, dass die Person nie die Fähigkeit erworben hat, mit normaler Angst adäquat umzugehen. In Konfliktsituationen fühlt sich der Betroffene daher überfordert, sodass alte kindliche Ängste in ihm aufsteigen können.


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