Agoraphobie: Therapie

Veröffentlicht von: Wiebke Raue (26. Januar 2017)

Je früher Menschen mit Agoraphobie eine angemessene Therapie bekommen, desto größer ist auch die Chance, die Angst rasch wieder in den Griff zu bekommen. Psychotherapie – insbesondere die Verhaltenstherapie – hat sich zur Behandlung der Agoraphobie als wirkungsvoll erwiesen. Und auch Medikamente können Teil der Therapie sein.

Welches Therapiekonzept infrage kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so vor allem von

  • den Wünschen und Bedürfnissen des Patienten,
  • den möglichen Kosten und
  • möglichen Wartezeiten.

Verhaltenstherapie

Im Mittelpunkt der Verhaltenstherapie steht das Ziel, dass der Agoraphobiker die Angst auslösenden Situationen und Orte nicht mehr meidet. Wichtig ist dabei, dass er versteht, wie eine Angststörung entsteht.

In der kognitiven Therapie vermittelt der Therapeut dem Betroffenen, welche – oft automatischen - Denkabläufe dazu geführt haben, dass die Angst aufrechterhalten wird. Dem Phobiker soll bewusst werden, wie sich seine Gedanken auf seine Gefühle und auf sein Verhalten auswirken. Zudem soll er lernen, negative Gedanken zu erkennen und zu unterbrechen. Diese fehlerhaften Denkmuster werden anschließend in gezielten Übungen schrittweise korrigiert.

Therapiesitzung © Jupiterimages/Wavebreak Media

In der kognitiven Therapie geht es darum, "falsche" Denkmuster zu erkennen und zu korrigieren.

Wenn sich der Betroffene unter Anleitung direkt in die Angstsituation begibt, spricht man auch vom Expositionsverfahren. Ziel der Exposition ist es, so lange in der Situation zu bleiben, bis die Angst spürbar nachlässt. Der Betroffene erkennt dann, dass es keinen objektiven Grund für seine Angst gibt. So muss er sich beispielsweise so lange im vollen Kaufhaus aufhalten, bis er sich angstfreier fühlt. Bei besonders großer Angst kann es hilfreich sein, dass sich der Betroffene die Situation zunächst nur in Gedanken vorstellt und die angstmachende Situation erst aufsucht, wenn die Angst etwas abgeklungen ist.  

Medikamentöse Therapie

Bei der medikamentösen Therapie einer Agoraphobie kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.

Welches Medikament geeignet ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so etwa vom Alter, möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder bestimmten Vorerkrankungen.

Antidepressiva können Ängste lösen und beruhigen. Sie greifen in den Hirnstoffwechsel und in die Konzentrationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) zwischen Nervenzellen ein. Diese Botenstoffe werden benötigt, um Reize von einer Nervenzelle zur anderen zu übertragen. Die Konzentration von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin sind bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten.

Wie Antidepressiva wirken
Damit ein Reiz im Gehirn von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet werden kann, sind verschiedene Botenstoffe nötig. Die Botenstoffe werden vom Ende einer Nervenzelle freigesetzt. Sie binden an spezielle Stellen (Rezeptoren) der benachbarten Nervenzelle und lösen dort ein elektrisches Signal aus, welches weitergeleitet wird.

Hat der Botenstoff seine Aufgabe erledigt, wird er anschließend entweder abgebaut oder wieder in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei einer Angststörung wie der Agoraphobie das Gleichgewicht dieser Botenstoffe gestört ist, sodass manche Reize nicht weitergegeben werden können. Mithilfe eines Antidepressivums wird die Verfügbarkeit von Botenstoffen wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin verbessert. Die einzelnen Medikamente haben dabei teilweise unterschiedliche Wirkmechanismen.

Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) verhindern, dass die Botenstoffe Serotonin beziehungsweise Serotonin und Noradrenalin in die Nervenzellen wiederaufgenommen werden und verlängern so deren positive Wirkung. Als Nebenwirkungen können Herz-Kreislauf-Beschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme auftreten. Zu SSRI, die bei Agoraphobie empfohlen werden, zählen die Wirkstoffe Citalopram, Escitalopram, Paroxetin und Sertralin. Aus der Gruppe der SNRI hat sich der Wirkstoff Venlafaxin bewährt. 

Trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin lindern Angstzustände und innere Unruhe und können vom Arzt verschrieben werden, wenn SSRI oder SNRI nicht ausreichend wirken. Trizyklische Antidepressiva greifen in die Konzentration der Botenstoffe im Hirn ein, indem sie die Aufnahme der Botenstoffe in die Nervenzellen hemmen. Somit stehen die Botenstoffe in höherer Konzentration zur Weiterleitung zwischen den Nervenzellen zur Verfügung.

Psychodynamische Verfahren

Manchmal – etwa, wenn die Verhaltenstherapie keinen Erfolg brachte oder wenn der Betroffene mit diesem Ansatz besser zurechtkommt – kommen bei der Behandlung einer Agoraphobie auch psychodynamische Verfahren zum Einsatz. Sie basieren auf den Grundlagen der Psychoanalyse und erstrecken sich meist über mehrere Jahre. Der Konflikt, der nach dieser Erklärung der Angst zugrunde liegt, wird aufgedeckt und bearbeitet. An erster Stelle steht dabei, dass der Patient lernt, die Ängste besser zu bewältigen.

Unterstützende Behandlungsmöglichkeiten

Neben Verhaltenstherapie, Medikamenten und psychodynamischen Verfahren gibt es viele weitere Möglichkeiten, um eine Agoraphobie zu behandeln beziehungsweise das Wohlbefinden der Betroffenen zu steigern:

  • Bewegung: Reichlich Bewegung kann – als Ergänzung zur eigentlichen Therapie – den Verlauf der Agoraphobie positiv beeinflussen. Als besonders empfehlenswert gilt regelmäßiger Ausdauersport, z.B. dreimal pro Woche Joggen.
  • Selbsthilfe: Für manche Patienten, aber auch für Angehörige ist es eine Hilfe, sich mit anderen Menschen über die Erkrankung auszutauschen, so beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe.

Manchen Menschen kann auch Entspannung helfen. Dazu sind etwa Techniken geeignet wie:

Fragen Sie vorher Ihren Arzt oder Therapeuten, welche Technik für Sie infrage kommt.


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