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Wasserqualität

Wasserreinigung: Mozart für Mikroben

| Von Torsten Wendlandt

Der Schweizer Anton Stucki beschallt eine Kläranlage mit klassischer Musik. Die Kompositionen von Mozart sollen die Mikroben, die das Wasser reinigen, fleißiger machen

Anton Stucki mit seinen Musikboxen auf der Brücke über dem Belebungsbecken. Foto: Brunner

Infos

Pionier der Klärwerksmusik

Anton Stucki, Pionier der Klärwerksmusik, 1961 in Zürich geboren, ist gelernter Kaufmann und Maurer. 1991 kam er in die Mark Brandenburg, wo er 1995 in Wiesenburg-Reetz mit Lebensgefährtin Jutta ein marodes Haus renovierte, bewies, "dass ein Wessi arbeiten kann" und sich als Unternehmer niederließ. Interessiert an der heilenden Wirkung von Energie gründete er 1998 mit Partner Ulrich Berthold in Eigenfinanzierung eine Manufaktur, die Naturschallwandler dort selbst produziert und vier Angestellte aus der Umgebung hat. Mit einem Erfinder aus dem Dorf arbeitet Stucki auch an der Entwicklung von Solar-Kunststoffkollektoren.

Der Rasen ist gemäht, der Wind streicht mild über die Felder ringsum. Im Wasser spiegelt sich die Altweibersommersonne. Und dicht am Pool ist Mozarts "Zauberflöte" zu hören. Manchmal auch die "Kleine Nachtmusik". So schön kann es in einer Kläranlage sein. In Treuenbrietzen, Brandenburg. Die Luft ist klar. Erst drüben am Grobfiltergebäude riecht man das Auftauchen eines Problems. Das allerdings ist für die meisten bereits mit dem Zuklappen ihres Toilettendeckels erledigt.

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Gift und Schadstoffe werden vernichtet

In den beiden 3000 Kubikmeter fassenden Belebungsbecken, über denen sich ständig eine Brücke dreht, befinden sich Mikroorganismen, die mit dem "Fressen" von Sauerstoff beschäftigt sind. Bei der Wasserreinigung verschonen unzähligen Mikroben die wertvollen Nährstoffe, vernichten aber Gifte und Schadstoffe, die auf den Sauerstoffbläschen sitzen. Kurz vorm Tod der winzigen Helfer wird Luft ins Wasser gepumpt, um die Mikroben zusätzlich anzuspornen. Nach rund zwei Tagen eines langen Wasserreinigungsprozesses verlässt Wasser von derart erstklassiger Qualität die Anlage, dass Forellen in damit gespeisten Bächen der Umgebung schwimmen.

Produkt Nummer zwei: 7000 Kubikmeter Klärschlamm jährlich. "Das ist einer der am besten kontrollierten Naturdünger der Welt", sagt Technikchef Detlef Dalichow. "Aber der muss natürlich entsorgt werden." Auf den Feldern der Bauern. Je weniger Schlamm, desto weniger kostet es.

Kühe geben mehr Milch mit Volksmusik

So funktionierte der Mikrokosmos von Treuenbrietzen, bis am 1. April 2010 der Schweizer Anton Stucki dort auftauchte. Der ruhelose Tüftler ließ von da an das Abwasser, zunächst zur kostenlosen Probe, rund um die Uhr mit Mozarts Kompositionen aus speziellen Lautsprechern von der Brücke beschallen. Die dem Fortschritt stets zugeneigten Klärwerker hielten das zwar im Gegensatz zu Kollegen in Sachsen-Anhalt nicht gleich für einen Aprilscherz. Schließlich hatten sie schon zu DDR-Zeiten Milchkühe erlebt, die zur Leistungssteigerung mit volkstümlichen Melodien unterhalten wurden. Aber Mikroben? Und warum ausgerechnet Mozart? "Seine Musik hat bestimmte universelle Rhythmen. Vielleicht wäre auch Bach gut, aber Mozart hat sofort geklappt", sagt Stucki. Hardrock, den Dalichow mag, zog er gar nicht erst in Erwägung. Ergebnis des Experiments: 1000 Kubikmeter Klärschlamm weniger pro Jahr. Macht 10.000 Euro weniger Entsorgungskosten. Das ist ein Argument.

Schall verteilt sich in der Fläche

Doch befördert wirklich Mozart den Fleiß der Mikroben? "Das könnte ja eine wissenschaftliche Untersuchung klären", schlägt Stucki vor und hofft auf einen interessierten Diplomanden. Solange besteht die starke Vermutung, der verblüffende Effekt könnte etwas mit Stuckis merkwürdigen Musikboxen zu tun haben. Während herkömmliche Systeme mit vergleichsweise höherer Leistung den Schall direkt und flächenmäßig abgeben, breitet sich der von Stuckis Lautsprechern kugelförmig in alle Richtungen aus. Der sogenannte "Naturschallwandler" lässt so ein angenehmes akustisches Hologramm entstehen. Musik und Gesang klingen erstklassig, selbst bei größerer Wattzahl kann man sich noch problemlos unterhalten.

"Die Natur lehrt uns etwas", sagt Stucki. "Wenn ein Vogel mit nur ein paar Watt Leistung singt, kann man das oft kilometerweit hören. Meine Schallwandler basieren auf diesem Prinzip." Ursprünglich hat er die Geräte für Hörgeschädigte gebaut, die den Klang im Gehirn nicht mehr richtig zuordnen können. Eine Therapie soll ihnen helfen, den Ton wieder neu zu justieren – wie die Augen beim Tragen einer neuen Brille. "Wer nicht mehr richtig hört, gehört nicht mehr dazu", sagt Stucki. Schon Kinder seien von Ausgrenzung betroffen, wenn ihnen durch übermäßigen Direktschall der Bildschirme Aufmerksamkeit und Raumgefühl verloren gehen.

Trifft nun also die Mozartsche Schwingung aus Stuckis Apparaten auf das Abwasser, dann reagiert die Natur darauf. Neu ist dieser Zusammenhang nicht, der japanische Forscher Masaru Emoto hat gefrorene Wasserkristalle fotografiert, deren Struktur beim Beschallen von klassischer Musik erhalten blieb – und bei Rock'n Roll zusammenbrach.

In vielen der etwa 9000 deutschen Wasserreinigungsanlagen betrachtet man Wasser und Klärschlamm indes weit weniger musikalisch. Zur Stromgewinnung wird die getrocknete Pampe dort verbrannt. Für Stucki stinkt das zum Himmel: "Da wird eine enorme Energie aufgewendet, um Energie zu vernichten." Die Kommunen hier haben für diese Praxis kein Geld.

Dafür haben die Brandenburger etwas Unbezahlbares: Weite. Mehr jedenfalls als in der Schweiz. "Wenn ich da übers Feld blickte, war ich dicht vorm nächsten Dorf", sagt Anton Stucki. Vielleicht war ihm das zu eng. "Hier", sagt er, "habe ich einen viel weiteren Horizont."

 

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Quellen

Gespräch mit Anton Stucki, Unternehmer, Treuenbrietzen, Okt. 2011
Gespräch mit Detlef Dalichow, Technikchef, Treuenbrietzen, Okt. 2011
Sabine Freutsmiedl: Vitale Unternehmen in Balance, Metabalance-Verlag, Leipzig 2011

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