Je gemütlicher, desto bedenklicher: Diesen Schluss ziehen Umweltmediziner und Biophysiker, wenn sie von Kerzen und Kaminen sprechen. Jene Dinge, die den Winter und die Weihnachtszeit so anheimelnd machen, erzeugen nach Meinung der Experten große Mengen von unsichtbarem Feinstaub, der zu Lungenschäden und anderen gesundheitlichen Problemen führen kann.
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"Die gesundheitliche Gefahr von Kerzen, die in Wohnzimmern abgebrannt werden, ist nicht zu unterschätzen", sagt Dr. Wolfgang G. Kreyling, leitender Biophysiker am Helmholtz-Zentrum München. Er beschäftigt sich seit über 35 Jahren mit Feinstaub und dessen Auswirkung auf den menschlichen Organismus. "Über die Lunge dringen diese superkleinen Partikel in den Organismus vor und können neben Atemwegsbeschwerden auch Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems auslösen."
Weihnachten werden Feinstaub-Grenzwerte überschritten
Kreyling stützt damit die These des Klimatologen Stephan Weber von der Universität Duisburg-Essen, der in einer Studie auf die erhöhten Werte von Feinstaub gerade zu kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten in katholischen Kirchen hinweist. Der Wissenschaftler fand heraus, dass die Luft in Kirchen an "religiösen Hochbetriebstagen" mit bis zu 220 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter belastet wird. Das ist mehr als das Vierfache des in der EU zugelassenen Grenzwertes und etwa doppelt soviel wie an einer stark befahrenen Straße. Dazu tragen Dutzende von Kerzen und verschwenkter Weihrauchduft bei.
Bild: Von Duftkerzen rät das Umwelbundesamt ab. Foto: PA/Kottal
Kreyling hält vor allem für gefährlich, dass immer mehr Kerzen mit undefinierbaren Inhalten in den Handel kommen. Jede einzelne enthalte viele Schadstoffe, Schwermetalle wie Blei sowie organische Verbindungen. Australische Wissenschaftler gehen davon aus, dass allein die Bleibelastung in kleinen, schlecht belüfteten Räumen bei regelmäßiger Kerzenbenutzung sogar tödlich wirken könne. Wer dennoch nicht darauf verzichten möchte, greife am besten zur guten alten Haushaltskerze – ohne Flackern und Rußbildung, rät Kreyling. Auch das Umweltbundesamt empfiehlt Lichter ohne Zusatz von Duft- oder Aromastoffen.
Feinstaub kann tief in die Lunge eindringen
Wenn dann noch der Kamin angezündet und mit falschem Holz beschickt wird, jemand Zigarre oder Zigarette raucht, dann genügt dies allein schon, um die Feinstaubbelastung um ein Vielfaches gegenüber der Außenluft zu erhöhen. Gefährlich ist der Innenraum-Feinstaub vor allem deshalb, weil er so klein ist. Diese sehr feinen Stäube entstehen bei fast allen Verbrennungsprozessen. Sie sind kleiner als 100 Nanometer – 1000-mal dünner als ein menschliches Haar. Kreyling: "Damit können sie in die tiefsten Bereiche der Lunge eindringen und sich dann dort gut verteilen."
Die Nasenschleimhaut und Bronchien sind nur auf das Abfangen von größeren Eindringlingen spezialisiert. Feinstaub-Körner dagegen schlüpfen durchs Abwehrsystem in den Organismus, sie setzen sich in der Wand der Lungenbläschen fest und rufen dort Entzündungen hervor. Ultrafeine Partikel überwinden Zellschranken und gelangen ins Blut und damit in den ganzen Körper. Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme und sogar Krebs können nach Expertenmeinung so entstehen.
Feinstaub-Gefahr wird unterschätzt
Die Feinstaub-Belastung hat, so epidemiologische und toxikologische Untersuchungen, einen mindestens so großen Anteil an den gesundheitsschädlichen Wirkungen der Außenluft wie Stickoxide und früher das Schwefeldioxid. Noch sind nicht alle medizinischen Wirkungen von Feinstaub bekannt. Allerdings weisen zahlreiche Untersuchungen auf die gesundheitlichen Gefahren hin. "Das sorgfältig austarierte Gleichgewicht des Immunsystems scheint vielfältiger betroffen zu sein, als man bisher annahm, so Kreyling.
Um das Problem Feinstaub in den Griff zu bekommen, gilt seit dem Jahr 2010 eine neue Verordnung über kleine und mittlere Feuerungsanlagen. Über deren Einhaltung wachen die Ordnungsämter sowie die Schornsteinfeger durch regelmäßige Messungen. Denn Kamine und Kachelöfen schleudern ebenso viel Feinstaub und Kohlenmonoxid heraus wie die Motoren von Pkw, Lkw und Motorrädern. Nach Angaben des Karlsruher Instituts für Technologie emittieren deutsche Holzöfen jährlich 24 000 Tonnen Feinstaub. "Die meisten unterschätzen noch immer die Gefahren", sagt Dr. Heinz-Jörn Moriske Fachgebietsleiter für Innenraumhygiene beim Umweltbundesamt.
Kaminöfen: Falsche Befeuerung erhöht Feinstaub-Entwicklung
Durch explodierende Energiepreise wird das Heizen mit Holz aus Kostengründen attraktiv. Das setzt zwar einerseits weniger klimaschädliches CO² frei, andererseits stoßen die mehrere Millionen kleinen Holzfeuerungsanlagen in Deutschland zu viel Feinstaub aus. Vor allem in Tälern, wo fast in jedem Haus ein Kaminfeuer brennt, ist die Feinstaubkonzentration bei Inversionswetterlagen sehr hoch. Dann werden die Schadstoffe durch den Kamin ins Haus gedrückt.
Bild: Im Kaminofen sollte nur trockenes, unbehandeltes Holz verfeuert werden. Foto: PA/Arco
Bei den Verbrauchern sei das Thema allerdings bislang kaum angekommen, glaubt Moriske. "Nach Feinstaub-Emissionen fragen Kunden beim Kauf von Holzöfen nur selten." Unterschätzt werde auch der Ausstoß anderer gesundheitsgefährdender Schadstoffe wie Dioxine, Teer und krebserregende Kohlenwasserstoffe. Diese werden freigesetzt, wenn in Öfen lackierte oder behandelte Hölzer verbrannt werden. Moriske: "Beim Befeuern der Kaminöfen darf nur stückiges, abgelagertes und unbehandeltes Holz verwandt werden."
Doch auch dort droht Gefahr. Oft werde der Ofen mit vielen Holzscheiten randvoll gepackt. Sparfüchse drosseln oder schließen dann noch die Luftzufuhr im Brennraum, damit das Holz langsam abbrennt. Das verursacht jedoch nicht nur Schwelbrand und viel Qualm, sondern es entsteht auch jede Menge Feinstaub. Erreicht das Feuer schnell hohe Temperaturen, verringert das dagegen die Feinstaub-Entwicklung. Den meisten deutschen Kaminen fehlt außerdem ein Filter, der das Problem beseitigt. Experten rechnen damit, dass eigentlich mehr als 4,5 Millionen Altanlagen nachgerüstet werden müssten.




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