Tagebücher und Autobiografien können bei der Bewältigung alter Verletzungen und aktueller Probleme helfen. Theodor Fontane, der Autor von "Effi Briest" und der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" kämpfte zeitlebens mit Depressionen. 1892 fühlte er sich so elend, dass er sogar bereit war, in eine Nervenklinik zu gehen. Da riet ihm sein Hausarzt, sich eine leichte Arbeit zu suchen, etwa seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Ein guter Rat. Fontane notierte später in seinem Tagebuch: "Ich wählte meine Kinderjahre bis 1832 und darf sagen, dass ich mich an diesem Buch wieder gesund geschrieben habe". Zwei Jahre später erschien sein Buch "Meine Kinderjahre".
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Viele Menschen – vor und nach Fontane – haben über ihr Leben geschrieben. Meistens allerdings nicht, um sich selbst zu therapieren, auch wenn das Schreiben einer Biografie manchmal wie eine Psychotherapie wirken kann. "Einige suchen einen roten Faden in ihrem Leben oder wollen auf ihr Leben zurückblicken, andere haben einfach Spaß am Schreiben. Aber es gibt natürlich auch welche, die Lebenskrisen bewältigen wollen", sagt die Autorin Herrad Schenk, die seit 2004 Seminare für autobiografisches Schreiben anbietet.
Zusammenhänge werden deutlich
"Viele fühlen sich wie befreit, wenn sie sich schreibend an ihr Leben erinnern", hat Schenk beobachtet. Die Autobiographen schauen mit einem distanzierten Blick sowohl auf die negativen als auch auf die positiven Dinge. So entdecken sie vielleicht neue Zusammenhänge oder Perspektiven, die ihnen früher nicht bewusst waren. Wie Fontane beginnen die meisten Teilnehmer in Schenks Kursen ihre Lebensgeschichte mit der Kindheit, vor allem weil dies oft am einfachsten ist.
Die Angst vor dem leeren Blatt
Den manchmal schwierigen Einstieg ins Schreiben – die berühmte Angst vor dem leeren Blatt – erleichtern kleine Tipps. So kann man z. B. darüber nachsinnen, was einem zum eigenen Vornamen einfällt, welche frühesten Erinnerungen man hat oder welche Gerüche man als Siebenjährige gerne mochte und welche nicht? Die Schriftstellerin Schenk gibt den Teilnehmern Schreibtechniken an die Hand: Wie kann ich Spannung erzeugen, wie baue ich Dialoge oder was für einen Erzählton wähle? Die Texte werden in der Runde vorgelesen. Respektvolle Kommentare sind willkommen, aber nur über die Art und Weise, wie ein Text geschrieben wurde, nicht zum Inhalt.
Schreiben kann aber auch in belastenden Situationen helfen wie z.B. nach Unfällen oder gescheiterten Liebesbeziehungen. Der amerikanische Psychologe James Pennebaker entwickelte in den 1980er-Jahren die Technik des expressiven Schreibens (ES). Dabei schreibt man in der Regel an mehreren Tagen hintereinander 20 Minuten lang über aufwühlende Erlebnisse. Hunderte von Studien zeigten positive Wirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit. Studienteilnehmer, die über traumatische Erfahrungen geschrieben hatten, gingen im Vergleich zur Kontrollgruppe Monate nach Ende der Studie seltener zum Arzt, hatten eine bessere Immunabwehr, fühlten sich weniger depressiv und ängstlich.
Einige Wissenschaftler bezweifeln die angepriesenen Wirkungen bzw. halten sie nur für sehr klein. "Natürlich ist das ES kein Wundermittel. Aber es kann Menschen stützen und entlasten", erklärt die Psychologin Andrea Horn, Psychotherapeutin am Institut für Psychologie der Universität Zürich. "Es ist außerdem ein wissenschaftlich allgemein bekanntes Phänomen, dass in allen Bereichen, in denen sehr stark geforscht wird, die Effekte kleiner werden. Sie haben sich hier jedoch über die Vielzahl von Studien hinweg als im Durchschnitt klein aber eben bedeutsam erwiesen". Das bedeutet, dass manche Menschen starke, andere dagegen wenig oder überhaupt keine Reaktionen zeigen.
Tagebuch schreiben erhält die Liebe
Geeignet ist die Methode für alle, die gerne schreiben, nicht so gerne mit anderen reden oder lieber autonom bleiben wollen. Auch während einer Psychotherapie kann ES helfen, einen heilsamen Prozess in Gang zu bringen. Vorsicht ist nur bei Patienten geboten, die ein schweres Trauma erlitten haben. Wenn sie sich ihren traumatischen Erfahrungen im falschen Moment öffnen, kann ihnen eine "Schreibkur" unter Umständen noch mehr schaden.
Schreiben kann übrigens auch vorbeugend wirken. Psychotherapeut Manfred Spitzer: "Was also empfiehlt die Wissenschaft den frisch Verliebten, die nichts inniger wollen als dass ihre Liebe auf ewig währe? - Schreiben Sie Tagebuch, jeden Tag, und nicht nur über die Einkaufsliste oder die neue Frisur!"





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