Sie befinden sich hier:

Startseite > Gesund-Magazin > Psychologie > Gesundheitsrisiken: Lust am Risiko

Risikoforschung

Gesundheitsrisiken: Lust am Risiko

| Von Manfred Pantförder

Wider besseres Wissen schaden sich viele Menschen selbst. Bekannte Gesundheitsrisiken werden trotz Warnungen eingegangen. Warum Appelle zu Vorsicht und Maßhalten meist verhallen

Das Risiko fliegt mit: Extreme Sportarten wie Fallschirmspringen haben großes Lust- und Risikopotenzial. Foto: pa/ASA

Meinung

Sich in die Welt hinauswagen

Von Manfred Pantförder

Der Reiz des Außergewöhnlichen oder Verbotenen – nicht nur Thema von Kindern und Jugendlichen. Auch Erwachsene erliegen Verlockungen, die Grenzüberschreitungen mit sich bringen können, seien es Kicks bei Extremsport oder Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Und die Reue? Sie setzt meist ein, wenn der Schaden da ist. Es ist jedoch nicht einfach, Gewohnheiten oder Schwächen abzuschütteln. Riskanter Umgang mit der eigenen Gesundheit hat schließlich den Ursprung in einer besonderen psychischen Verfasstheit. Was drücke ich mit meiner Lebensweise aus, was will ich mir oder anderen beweisen?

Bei Süchten ist die Lage vergleichsweise deutlich, die Abhängigkeit überlagert quasi die ursächliche Misere. Eindeutig fahrlässig ist es, wenn selbstzerstörerische Kräfte die Gesundheit ruinieren.

Schwieriger ist die Einschätzung von riskanten Sportarten, Abenteuerreisen oder auch Alltagsverhalten wie Autofahren, weil all dies ein latentes Unfall- oder Unglücksrisiko birgt. Hier ist ein gewisses Maß an Offenheit, Neugier und damit Risikobereitschaft dennoch notwendig, wenn nicht Beschränkungen und damit ein Verlust an Lebensqualität hingenommen werden sollen.

Jeder muss für sich entscheiden, wie weit er sich in die Welt hinauswagt. Die Risikoabwägung ist individuell und hat viel Für und Wider. Dem muss man sich immer wieder aufs Neue stellen.

Buchtipp

"Das Risikobarometer, Wie gefährlich ist unser Leben wirklich?", Klaus Heilmann, Heyne Verlag 2010, 240 Seiten, mit Farbgrafiken, 16,99 Euro

Gegen das Risiko soll eine Police helfen, Deutsche sind Versicherungsweltmeister. Der eigene Körper wird hingegen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Wider besseres Wissen schaden sich viele Menschen selbst. Appelle zu Vorsicht und Maßhalten verhallen. Mediziner und besonders die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weisen unablässig auf die Risiken hin, die vor allem zu Herz- und Krebserkrankungen führen können.

Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Verhalten

Ist denn Krankheit überhaupt ein Risiko? "Dabei handelt es sich um ein gemischtes Risiko: Schicksal und eigenes Handeln", sagt Klaus Heilmann, Mediziner und Risikoforscher in München. "Wir können immerhin versuchen, die Risikofaktoren, die für eine Krankheit bekannt sind, klein zu halten."

Rauchen hat das größte Risikopotenzial

Ohne großen Erfolg, scheint es angesichts der immens hohen Ausgaben für Krankheit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts raucht jeder vierte Deutsche, unter den Nichtrauchern sind zudem noch 20 Prozent ehemalige Raucher. Täglich sterben hierzulande an den Folgen von Nikotinsucht mehr als 300 Menschen. Wer raucht, geht mit Abstand das größte Risiko ein, dem man sich freiwillig aussetzt. Eine britische Studie kam zu dem Schluss, dass der Konsum einer Zigarette das Leben um acht Minuten verkürzen könnte. Das dürfte etwa einer Zigarettenlänge entsprechen.

Abstraktes Risiko löst Ängste aus

Der Raubbau am Körper wird offenbar dennoch nicht als akute Bedrohung wahrgenommen. Tatsächlich ist die Analyse der Gesundheitsrisiken schwierig. Gern verweisen Raucher darauf, dass es Menschen trotz Nikotins bis ins hohe Alter schaffen. Und dass andererseits auch ein Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken und sterben kann. So verniedlichen sie ihr Risiko.

Bei der Wahrnehmung von Risiken spielt die Psychologie eine große Rolle, sagen Risikoforscher. Das zeige sich daran, dass selbst ein abstraktes Risiko für die Gesundheit, wie beispielsweise mögliche Folgen von Gentechnik oder Klimawandel, bei manchen Menschen schon sehr reale Ängste auslösen könne.

Aus der Planbarkeit des Lebens ausbrechen

Was aber treibt uns in riskante Lebensführung, was lässt uns das Risiko relativieren: Langeweile, Suche nach Anerkennung, Selbstüberwindung, Sucht nach Genuss? "Diese Motivationen spielen eine große Rolle", sagt Heilmann. "Diese Beweggründe zeigen aber auch, wie sicher wir heute eigentlich leben, dass wir eben nicht ständig von Gesundheitsrisiken umgeben sind. Wir suchen sie eher, weil wir in vergleichsweise friedlichen Zeiten hierzulande leben."

Wohlstand und soziale Sicherungssysteme gewährleisten eine weitgehende Versorgung. Aus der Planbarkeit des Lebens brechen manche jedoch immer wieder aus. Offenbar brauchen wir die Bereitschaft zum Risiko als Antrieb, um Lethargie oder Abstumpfung zu vermeiden. "Viele brauchen schon eine gewisse Stimulation, das muss ja nicht gleich lebensgefährlich sein. Das Maß hängt davon ab, wie viel man bereits erlebt hat, mit wie vielen Risiken man in Verbindung gekommen ist", sagt Heilmann.

Wenn die Instinkte versagen

Bei der Einschätzung von Gesundheitsrisiken kann sich der Mensch heute allerdings nicht mehr auf seine Instinkte verlassen. Auch das Wissen um gesundheitlichen Schaden infolge von Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch führt nicht dazu, dass diese Risikofaktoren ausgeschlossen werden. Es sind noch Varianten hinzugekommen, die Leib und Leben massiv gefährden, voran das Risiko, das Völlerei bedeutet. Das größte Gefahrenpotenzial liegt im eigenen Handeln.

Weitere Beiträge aus dem Ressort Psychologie

Quellen

Interview mit Klaus Heilmann, ehemaliger Medizinprofessor der Technischen Hochschule München, Risikoforscher, Jan. 2011
"Das Risikobarometer, Wie gefährlich ist unser Leben wirklich?", Klaus Heilmann, Heyne Verlag 2010
Gesundheitsempfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

Am häufigsten gelesen

Leben mit Krebs

Leben mit Krebs

Im Themenspecial finden Betroffene und Angehörige Informationen zu modernen Therapieformen sowie zur aktuellen Krebsforschung. mehr ...

Weitere Themen:

PartnerangeboteAnzeige

Disclaimer:

© 2012 gofeminin.de GmbH – Das Informationsangebot rund um die persönliche Gesundheit auf www.onmeda.de dient ausschließlich Ihrer Information und ersetzt in keinem Fall eine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt. Die auf Onmeda zur Verfügung gestellten Inhalte können und dürfen nicht zur Erstellung eigenständiger Diagnosen und/oder einer Eigenmedikation verwendet werden. Bitte beachten Sie auch den Haftungsausschluss sowie unsere Hinweise zu den Bildrechten.