Die Bandbreite an psychologisierenden Filmen ist groß. Psychopath und Amokläufer dienen häufig dazu, spannende Storys zu erzählen.
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Im "Stadtneurotiker" erzählt Woody Allen allerlei Schrulligkeiten. Die lassen zwar auf einen geringen Selbstwert des Protagonisten schließen, was ein psychisches Störungsbild wäre. Jedoch wird dabei die Grenze zum Spaß immer wieder deutlich überschritten. Auch die Kaste der Psychoanalytiker kommt nicht gut weg. Filmemacher Allen bedient vor allem Klischees rund um Couch, frühe Kindheit, Ödipus-Komplex und anale Phase.
Psychopathischer Psychiater in Frauenkleidern
Es ist immerhin die harmlosere Variante von filmischen Versuchen, bei denen die Psyche und deren Behandlung im Fall von Störungen behandelt werden. Denn vollends im Klamauk enden Analytiker und deren Arbeit in Filmen wie "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten", wiederum von Woody Allen. Der Analytiker behandelt einen Patienten, der sich in ein Schaf verliebt haben will. Der Arzt lässt sich darauf ein, das Tier kennenzulernen – und verliebt sich selbst in das arme Vieh.
Noch derber wird in Streifen wie etwa "Mr. Jones" das Berufsethos von Psychotherapeuten angezweifelt, wenn diesen Rollen sexuelle Beziehungen zu Klienten zugeschrieben werden. Auch ein Dr. Teleborian, Psychiater in "Vergebung" nach dem Roman von Stieg Larsson ist ein pädophiler Halunke. Ein Brian de Palma setzt auf Schockeffekte, wenn er in "Dressed to kill" einen Psychiater (Michael Caine), verkleidet als Psychopath in Frauenkleidern, Frauen töten lässt. Gar kannibalistische Züge zeigt ein krankhafter Psychiater (Hannibal Lecter gespielt von Anthony Hopkins) in "Das Schweigen der Lämmer".
Therapeutischer Erfolg wird selten erzählt
"Nur selten gelingt es Filmen, einen relativ realitätsnahen Einblick in die Arbeit von Psychotherapeuten und Psychiatern zu bieten, wie es etwa die Serie ?In Treatment' schafft. Wer sich auf eine Behandlung einlässt, fragt sich später in aller Regel, wieso er so lange mit diesem Schritt gewartet hat. Denn die Erfahrungen sind fast immer positiv", sagt Martin Rauh-Köpsel. Der Psychotherapeut berät das ZDF bei der Krimi-Serie "Flemming".
Ganz und gar negativ fällt auch das Bild aus, das überwiegend in Filmen von psychiatrischen Kliniken gezeichnet wird, wie in "12 Monkeys" mit Bruce Willis und Brad Pitt. Auch therapeutischer Erfolg wird selten in Szene gesetzt. Vielmehr sind es die Zweifel oder sogar illegalen Methoden von Behandelnden wie in "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Jack Nicholson, die das Konzept von psychischer Heilung als unmöglich erscheinen lassen.
"Ich verstehe die Notwendigkeit der Filmemacher, spannende Geschichten zu erzählen. Dabei könnte mehr Realitätsnähe durchaus sehr spannend sein, wenn in eine gute Fachberatung investiert wird", sagt Rauh-Köpsel, der in seiner Berliner Praxis tiefenpsychologische Psychotherapie anbietet.
Rebellische Exzentriker, extreme Narzissten
Viele Filme liefern Zerrbilder psychischer Erkrankungen, beteiligter Psychiater, Therapien und Patienten. Das ist deshalb bedenklich, weil Filme einen starken Einfluss haben, indem sie eine heftige emotionale Wirkung bei Zuschauern entfalten können. "Wahrscheinlich entwickeln die meisten Menschen ihre Vorstellungen psychischer Störungen nahezu ausschließlich aus dem Fernsehen", sagt Rauh-Köpsel.
Häufig wird ein Psychopath vorgeführt, dem besonders brutale Taten unterstellt werden. Der Psychopath wird dargestellt als gefährlicher Irrer, um Spannung und Grusel zu erzeugen wie in Alfred Hitchcocks "Psycho" oder Stanley Kubricks "Shining". Filme neigen zu Übertreibungen, die schillernde Hauptfiguren brauchen, wie den rebellischen Exzentriker in "Einer flog übers Kuckucksnest", den extremen Narzissten im "Stadtneurotiker" oder den Freak, der zu Forschungszwecken vorgeführt wird.
Klischee der Verführerin
Weiblichen Patienten im Film wird auch die Rolle der Verführerin zugeschrieben, die es auf den Therapeuten abgesehen hat. "Eher gewöhnliche Störungen wie Depression und Angst werden nur selten gezeigt", sagt der psychologische Fachberater Rauh-Köpsel.
Filme können jedoch durchaus auch helfen, psychische Störungen besser zu verstehen. Darauf weisen die Autoren des Sachbuchs "Psyche im Kino" hin. Die US-Wissenschaftler Danny Wedding, Mary Ann Boyd und Ryan M. Niemiec haben Hunderte Filme daraufhin analysiert, ob Protagonisten psychische Störungen zugeschrieben werden und wie diese dann die Handlung bestimmen. Den Autoren zufolge geben etliche Filme die psychologischen Zusammenhänge durchaus angemessen wieder. Etwa "Rain Man" mit Dustin Hoffman, der einen Autisten einfühlsam spielt.
Ihr Fazit insgesamt ist jedoch eher skeptisch: Das Gros der Filme setze überwiegend auf Effekte, sei sensationslüstern, benutze psychische Störungen einseitig zu Spannungszwecken oder auch zur Belustigung. Der Psychopath scheint ein Erfolgsgarant zu sein, selbst wenn sein Tatmotiv nicht nachvollziehbar ist.
Wenn psychologische Fachberatung fehlt
Für eine Fülle von Filmen dürfte gelten, dass psychologischer Sachverstand nicht eingeflossen ist. "Nur wenige Filme werden durch psychologische Fachberater betreut. Das ist sehr bedauerlich, denn es macht sich sofort an der Tiefe der Erzählweise bemerkbar, wenn dies doch der Fall ist", sagt Filmberater Rauh-Köpsel. Sein Ziel: "Ich habe bei vielen Filme unterschiedlicher Genres meinen Beitrag zu leisten versucht, um Charaktere präziser und in ihrem Gewordensein schlüssiger zu beschreiben, in welchen verstrickten Beziehungsgefügen sie stecken könnten und warum manche von ihnen sogar zu Mördern werden konnten." Damit verbunden ist eine "gewisse Mission", formuliert der Psychotherapeut: "Es gilt, psychische Störungen bekannter, realistischer und verständlicher zu machen, um falsche Klischees zu zerschlagen. Nur so lässt sich die Schwelle, frühzeitig psychologische oder psychiatrische Hilfe zu nutzen, herabsetzen und unnötiges Leid vermeiden."
Filme unterliegen jedoch Kriterien, die einer angemessenen Aufklärung über psychische Störungen nicht unbedingt verpflichtet sind. Die Erzählweise verdichtet meist die Handlung so, dass auch Hintergründe und Ursachen nur grob und allgemein mitgeteilt werden. Trotz aller Zwänge fordern aber auch die US-Wissenschaftler Wedding, Boyd und Niemiec: Wenn es in einem Film um psychische Störungsbilder und Therapien geht, sollte stets ein Fachberater mit dabei sein.




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