Ende November 2011 tat die Fachgesellschaft der deutschen Psychiater einen bedeutenden Schritt. Auf ihrem Kongress gedachte sie der Tötung von Patienten durch Psychiater im Nationalsozialismus und bat Opfer und Angehörige um Entschuldigung. Ein spätes, aber gutes Signal.
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Mich hat es gerade zu Weihnachten gerührt. Ich war etwa neun Jahre alt, als ich an einem Weihnachtsfest zum ersten Mal meinen zweiten Großvater kennen lernen durfte. Er hatte die ganze NS-Zeit mit der Diagnose Schizophrenie in psychiatrischen Anstalten gelebt. Wie ich später erfuhr, verlegten einige helfende Ärzte ihn mehrfach von Anstalt zu Anstalt, so dass er der Ermordung entkam. Meine Mutter musste als Kind in der Nazi-Zeit die Existenz ihres Vaters leugnen. Meine Oma tat es vor Scham noch nach dem Krieg und ließ uns Enkelkinder glauben, der Opa sei tot. Bis meine Eltern dies durchbrachen und ihn einluden, meinen Opa, den ich dann über alles lieb hatte. So wirkte die Verfolgung der Psychiatriepatienten noch bis in die späten 1950er-Jahre in unsere Familie hinein.
Die ersten Opfer waren behinderte Kinder
Damals verschwieg die deutsche Psychiatrie ihre Beteiligung an der Ermordung der Geisteskranken. Dabei bildete sie, wie der Historiker Henry Friedlander schon 1995 in einer großen Studie zeigte, das Modell für die spätere Vernichtung von Juden und Zigeunern (Sinti und Roma) im KZ. Die ersten Opfer systematischen Mordens waren behinderte Kinder. Ärzte entschieden als Gutachter über ihr Leben und ihren Tod. "Morde als medizinische Maßnahme, die nach fachlichen Kriterien zu gestalten seien", schreibt Friedlander. Die Kinder wurden erst untersucht und dann mit Spritzen getötet. Später folgten erwachsene Behinderte und Geisteskranke. In psychiatrischen Tötungsanstalten entwickelte man auch die Technik der Vergasung und Leichenverbrennung, die man später in den KZ benutzte. Dort sonderten nach einem Befehl von Himmler nur Ärzte an der Rampe die Häftlinge aus.
Von alldem wollte die deutsche Psychiatrie Jahrzehnte lang nichts wissen. Als der Psychiater Gerhard Schmidt gleich nach dem Krieg als neuer Leiter der Heilanstalt in Eglfing-Haar bei München Dokumente über das Töten fand und ein Buch darüber schrieb, fand er 20 Jahre lang keinen Verleger. Viele Kollegen rieten ihm ab, sein Buch zu publizieren. Jetzt wurde es mit Unterstützung der psychiatrischen Fachgesellschaft neu verlegt ("Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945", Verlag Springer, Berlin/Heidelberg).
Ich bin erleichtert. Endlich spricht auch die offizielle Psychiatrie über das, was man mir als Kind verschweigen wollte.





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