Die Angst vor Einsamkeit ist groß. Alleinsein macht krank. Kann man daraus den Umkehrschluss ziehen, dass Liebe gesund hält oder gar heilt?
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Die körpereigene Abwehr wird durch Zuwendung gestärkt, beobachten Mediziner und Psychologen. Verliebtsein unterdrückt sogar Schmerzen, so das Erlebnis einer Studie. In klinischen Studien wird nun das Hormon Oxytocin erforscht, das salopp auch als Kuschelhormon bezeichnet wird.
Liebe aktiviert Selbstheilungskräfte des Körpers
Einer der Mediziner, der die Kraft der Liebe wissenschaftlich belegen wollte, ist Dean Ornish. Der amerikanische Herzspezialist hatte vor einer Dekade großen Erfolg mit Büchern, die sich der Herzgesundheit widmeten und dabei die Heilkraft der Liebe in den Mittelpunkt stellten. Oder Dr. Eva Selhub von der Harvard Universität, Massachusetts. Die Medizinerin sieht in Angst und Stress jene zwei Gegenspieler, die verhindern, dass Liebe die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Liebe sei die einzige Antwort darauf und die Erklärung, warum manche Menschen gefeit seien, andere jedoch nicht, wenn sie von Krankheitserregern attackiert werden. Liebe könne positive biochemische Reaktionen in nur wenigen Sekunden auslösen. Wie aber kann man die Kraft der Liebe entfesseln?
Verliebte haben eine aktive Schmerztherapie
Neurobiologische Untersuchungsmethoden wie das bildgebende Verfahren fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie) geben Aufschlüsse. So beobachteten Forscher der Stanford Universität, Kalifornien, dass frisch Verliebte in Tests unempfindlicher gegenüber Schmerz reagierten. Die Wissenschaftler fanden dabei heraus, dass dies möglich war, weil im Gehirn der Verliebten das Belohnungssystem ansprang, wenn sie den angehimmelten Partner sahen, während ihnen Schmerz mittels Hitze zugefügt wurde. Fotos reichten sogar schon aus, um tiefe Gefühle auszulösen.
Die Forscher sehen darin einen möglicherweise relevanten Ansatz für die Schmerztherapie. Die Liebe betäubt den Schmerz, indem verschiedene Hirnregionen und das limbische System, das Emotionen steuert, aktiviert wurden, auch solche, die für Schmerzabweisung eigentlich nicht zuständig sind. Ein ganzes Netzwerk von Hirnstrukturen ist beim Empfinden von Schmerz beteiligt. Diese Art der Schmerzabwehr sei eine aktive, sagen die Wissenschaftler, und unterscheide sich von Methoden der Ablenkung von Schmerzen.
Ein Gefühl von tiefer Verbundenheit und Verschmelzung
Bei der Suche nach dem Geheimnis der Liebe untersucht die Medizin zunehmend Hormone und deren Zusammenspiel. In Sachen Liebe ist Oxytocin unter besonderer Beobachtung. Das Molekül wird vermehrt ausgeschüttet in der Mutter-Kind-Beziehung, schafft emotionale Bindung und stärkt das Vertrauen. Es löst die Geburtswehen aus und sorgt für das sogenannte Einschießen der Milch in die Mutterbrust.
Und Oxytocin spielt auch bei sexuellen Kontakten eine große Rolle, auch bei Männern, weil es dann verstärkt ausgeschüttet wird und für wohlige Ermattung sorgt. Es kann bei Paaren ein Gefühl von Nähe und tiefer Verbundenheit, ja Verschmelzung anregen. Daher wird Oxytocin, ein sogenanntes Neuropeptid, das in der Hypophyse, der Hirnanhangdrüse gebildet wird, als Kuschelhormon bezeichnet.
Das wachsende Verständnis biochemischer Prozesse im Körper darf nach Ansicht von Psychologen allerdings nicht dazu führen, dass eine komplizierte Gefühlsstruktur, wie es die Liebe ist, nur als physischer Ablauf gesehen wird. Wenn sexuelles Verlangen stimuliert wird, heiße das noch nicht, dass damit auch Liebe im Spiel ist.
Oxytocin baut Verständnis für den Anderen auf
Weil Oxytocin Nähe steuert, wird daran geforscht, ob es für Therapien geeignet sein könnte, wenn Störungen sichtbar werden, bei Menschen mit sozialen Phobien oder bei Autismus und Borderline-Patienten. Macht das Hormon Menschen also beziehungsfähig? Diesen Fragen geht Prof. Markus Heinrichs nach. "Nähe zulassen, sie sogar als angenehm empfinden, das ist ohne ein funktionierendes Oxytocin-System sicher nicht denkbar", sagt der Psychologe an der Universität Freiburg.
Heinrichs hatte in einem Versuch gezeigt, dass Oxytocin dazu anregt, sogar Konkurrenten in einem Spiel zu vertrauen, selbst wenn es um einen Einsatz und Sieg oder Niederlage geht. Auch Paare lösten Konfliktsituationen durch ein nachgiebigeres Kommunikationsverhalten, wenn Oxytocin-Nasenspray zum Einsatz kam. Stress wurde ab-, Verständnis für den Anderen aufgebaut, so ein Ergebnis.
Vor Selbstmedikation wird gewarnt
Klinische Studien sollen nun zeigen, ob Oxytocin in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie in bestimmten Fällen hilft. "Es macht keinen Sinn, Oxytocin ohne eine Verhaltenstherapie zu verabreichen", warnt Prof. Heinrichs aber vor Selbstmedikation und vor hohen Erwartungen, dass das Hormon per se schon Defizite ausgleichen könnte.




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