Dass der Gottesglaube Menschen gesund erhalten oder sogar Heilung bringen kann, das erscheint heute vielen als frommer Wunsch und Hokuspokus. Dabei erkranken Gläubige tatsächlich seltener, und sie leben sogar länger als ihre ungläubigen Mitmenschen, behaupten zahlreiche Studien aus den USA. Inzwischen nehmen auch hierzulande Mediziner und Psychologen den Zusammenhang von Spiritualität, Religion und Gesundheit ernst.
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"Lebensbedrohende oder –verändernde Krankheiten erschüttern die menschliche Existenz oft in den Grundfesten", meint Prof. Arndt Büssing von der Universität Witten/Herdecke. "Viele suchen in einer solchen Situation die Rückbindung an eine helfende Instanz der Religionstraditionen und eine sie unterstützende Gemeinschaft".
Jeder Dritte möchte mit dem Arzt über Glaubensfragen reden
Büssing hat 2011 eine Professur für Lebensqualität, Spiritualität und Bewältigungsstrategien übernommen. In der Behandlung chronisch Kranker sollten auch Themen einbezogen sein, für die der Arzt primär gar nicht ausgebildet ist, sagt er, denn aktuelle Studien zeigen, dass sich fast drei Viertel in ihrem Bedürfnis nach Spiritualität im Medizinalltag nicht unterstützt fühlen. "Nach eigenen Untersuchungen möchten 37 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen mit ihrem Arzt über ihre spirituellen Bedürfnisse reden – und nur 23 Prozent mit dem Pfarrer oder Seelsorger", sagt Büssing. Dabei gehe es nicht um klassische religiöse Fragen, sondern um Wege zu einer inneren Aussöhnung, zu innerem Frieden. "Aber dies gehört ja gar nicht zum ärztlichen ,Behandlungsauftrag', obwohl es für die meisten Betroffenen von vornehmlicher Bedeutung ist."
Krankheit als Bestrafung
"Die vom Kranken als Katastrophe erlebte Krankheit erscheint der modernen Medizin als zufällige Überschwemmung durch Mikroorganismen", meint auch Theologin Prof. Annette Weissenrieder. "Damit sind Kranke zwar von dem Misstrauen befreit, sich die Krankheit als eigene Schuld, etwa als Bestrafung einer Sünde zurechnen zu lassen. Sie werden aber in ihrem Bedürfnis nach Bedeutung allein gelassen."
Spiritualität spielt im Medizin-Studium in den USA eine große Rolle
Die Beschreibung trifft freilich vor allem auf säkularisierte Gesellschaftssysteme wie Deutschland zu. In den USA, einem aufgeklärten und frommem Land zugleich, bieten mehr als die Hälfte der medizinischen Fakultäten Vorlesungen und Seminare über Religion, Spiritualität und Gesundheit an. Zwei Drittel der amerikanischen Ärzte setztenauf die Heilung durch Glauben, fast 20 Prozent beten mit den Patienten.
Drei bis zwölf Jahre länger leben
In den USA begannen in den achtziger Jahre umfangreiche Studien über Lebenserwartung und Spiritualtität. Je nach Untersuchung leben regelmäßige Kirchgänger angeblich drei, sieben, oder zwölf Jahre länger als Ungläubige – aber auch als jene, die Gottesdienste nur im Fernsehen und Radio verfolgen.
Messe in der riesigen unterirdi- schen Basilika Pius X. im Wall- fahrtsort Lourdes. Viele Kranke pilgern in das Pyrenäendorf, weil sie sich vom Wasser der heiligen Quelle Heilung erhoffen. Foto: pa/godong
Leben nach Glaubensregel ist gesünder
Michael McCullough vom amerikanischen Nationalinstitut für Gesundheitsforschung hat 29 große Studien mit insgesamt 126.000 Teilnehmern zusammengefasst und analysiert. Ergebnis: Wer in einer Religionsgemeinschaft aktiv mitarbeitet, reduziert sein Sterberisiko um etwa 25 Prozent. Ungeklärt bleibt allerdings, welchen Anteil daran tatsächlich die Spiritualität hat. Die Forscher vermuten eher einen sekundären Effekt. Menschen, die nach bestimmten Glaubensmustern leben, sind in der Regel weniger anfällig für Drogen und andere Arten von gesundheitsschädigendem Verhalten. Andererseits haben sie im Falle einer Krankheit in der Spiritualität eine bessere Möglichkeit, diese Krise zu bewältigen. Wissenschaftler sprechen von "religiösem Coping" (engl. cope = bewältigen). Allerdings kann der Glaube bei der Heilung auch durchaus im Wege stehen. "Dort wo sich Religion vor allem negativ äußert – als Angst vor einem strafenden Gott, als Behinderung von Lebensentwürfen, als sozialer Druck – hat sie vor allem negative Auswirkungen", meint Prof. Harald Walach vom Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Negative Glaubenseffekte bei Schmerzpatienten
Die Religionswissenschaftlerin Claudia Appelt von der Universität Trier hat vor einiger Zeit 178 Schmerzpatienten untersucht, ob die Religion und Spiritutalität bei der Bewältigung ihrer Situation eher hilft ("Durch meinen Glauben finde ich Trost und Hoffnung.") oder belastet ("Ich frage mich, warum Gott mich so hart prüft."). Ihr Fazit: Negative Effekte würden die positiven überwiegen. Anders dagegen erleben offenbar Brustkrebspatientinnen Spiritualität durchaus als Sinnstiftung. Für drei Viertel in einer deutschen Studie untersuchten Frauen war die Krankheit ein Hinweis, in ihrem Leben etwas zu verändern, 62 Prozent fanden sogar, die Krankheit habe "einen Sinn". Entsprechend gut funktioniert hier offenbar das "religiöse Coping".
Göttliche Magie bleibt umstritten
Dass sich durchs Gebet tatsächlich eine Art göttliche Magie entfesseln lasse, die Lahme gehend und Blinde sehend machen könnte, übersteigt dann doch die Vorstellungskraft deutscher Forscher. In den USA dagegen sind neben gesellschaftlich anerkannten Formen der Spiritualität auch Geistheilungen, Fernheilungen und Fürbitten Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. In den 80er Jahren ließ der Herzspezialist Randoph Byrd außerhalb der Klinik Fürbitten für 192 Patienten sprechen und verglich deren Werte mit einer Vergleichsgruppe. Die Fürbitten führten dabei angeblich zu signifikant verbesserter Gesundheit und einem reduzierten Medikamentenverbrauch. 15 Jahre später wurde die Studie von einem großen Forscherteam an 1800 Bypass-Patienten in sechs Krankenhäusern und mit Bet-Gruppen aus drei verschiedenen Konfessionen wiederholt. Ergebnis: Ein Effekt der Fürbitte war nicht nachweisbar bei Patienten, die von der Untersuchung nichts wussten. Jene Patienten aber, die informiert waren, zeigten deutlich mehr Komplikationen nach der OP. Möglicherweise wurden sie durch das Wissen in der Auffassung bestärkt, dass bei ihnen nur noch Gebete helfen können.





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