Die Augenhöhlen hat sie schon ausgestochen. Jetzt ist ein Nervenkanal an der Reihe. Der kleine Bohrer sirrt, als Sabine Rauser ihn an den Schädelknochen ansetzt. Die 49-Jährige arbeitet schnell und konzentriert: Ein Großauftrag ist hereingekommen, und sie hat noch drei weitere Schädelteile auf ihrem Werktisch. Die Skelett-Modelle sollen fertig werden.
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Sabine Rauser ist Produktionsleiterin bei Rüdiger Anatomie in Falkensee, nahe Berlin. Ein Team aus rund einem Dutzend Frauen und Männern fertigt hier künstliche Skelette und anatomische Tafeln. Von der Idee und dem ersten Entwurf über Kunststoff-Guss, Entgratung und Feinschliff bis zum finalen Bemalen der künstlichen Knochen – alles passiert hier vor Ort. Darauf ist Sabine Rauser besonders stolz: "Die meisten Hersteller lassen ihre Modelle in Fernost produzieren oder importieren Ware, die dann hier vertrieben wird. Bei uns gibt es noch echte Handarbeit, made in Germany."
Firmengründer Heinz-Harro Rüdiger hat vor 40 Jahren in München mit dem Verkauf von echten Skeletten an Mediziner und Universitäten begonnen. Sie stammten vor allem aus Indien. Seit den 80er-Jahren werden statt dessen präzise Skelett-Nachbauten aus PVC produziert; mehr als 1000 Exemplare treten jedes Jahr von Falkensee aus ihre Reise in die ganze Welt an. Sie veranschaulichen den menschlichen Knochenbau in Arztpraxen, helfen Medizinstudenten beim Lernen, Physiotherapeuten bestellen das Skelett-Modell mit Bändern und Gelenken.
Auch das Skelett-Modell hat kleine Anomalien
Der Verkaufsschlager bei Rüdiger ist ein knapp 1,80 Meter großes Skelett eines männlichen Europäers. In der Standardvariante kostet es ca. 350 Euro, es gibt auch die Editionen mit Muskeln, Bändern und Gelenken für bis zu knapp 700 Euro. Rauser und ihre Kollegen nennen ihn "Charly". Detailtreue ist wichtig in der Produktion, anatomische Korrektheit selbstverständlich. Charly hat sogar – ganz wie seine menschliche Gussvorlage – kleine Anomalien zu bieten, an Lendenwirbelsäule und Schädel.
Die PVC gewordenen inneren Werte aus Falkensee haben durchaus nicht nur medizinische Karrieren vor sich: Film- und Fernsehproduktionen brauchen die Skelett-Modelle, Arzneimittelhersteller werben mit den schönen, bunten Einblicken in den menschlichen Körper. Manch ein Hamlet hat schon dramatisch mit einem Rüdiger-Schädel in der Hand nach dem Sinn des Lebens gesucht. Und auch Privatpersonen haben individuelle Wünsche: "Ein Kunde kauft seit Jahren regelmäßig eine Lendenwirbelsäule". Warum? Wird nicht gefragt bei Rüdiger. Ist doch ganz normal.
Mancher möchte sehen, wo das Skelett-Modell produziert wird
Manchmal kommen auch Kunden vorbei, um zu sehen, woher ihre knochigen Objekte stammen oder um sich für ein Modell persönlich zu entscheiden. Die Türen stehen immer offen, auch den Kindergärten der Umgebung, die gerne einen Ausflug in Rüdigers Werkstätten machen. Mehr als 200 Knochen hat das erwachsene menschliche Skelett, da gibt es eine Menge zu sehen. Und die anatomischen Lehrtafeln mit ihren teilweise dreidimensionalen Abbildungen und Informationen beantworten Fragen, die der Laie vorher gar nicht hatte.
Der Vollständigkeit halber hat Geschäftsführer Oliver Rüdiger auch Anatomische Modelle ins Vertriebs-Sortiment genommen, die nicht hier produziert werden: Das Katalog-Repertoire hat im Wortsinne Hand und Fuß. Und Augen und Ohren. Es gibt Gallensteine im Modell, "Niere auf Stativ", wahlweise zweiteilig, Injektionsarme zum Üben der Fertigkeiten an der Nadel, unterschiedliche Erkrankungen und vieles mehr...
Nebenwirkung: Vorliebe für TV-Gerichtsmediziner
Was für ein Arbeitsplatz: Das Pausenbrot liegt zwischen bunt bemalten Wirbelsäulen-Modellen im Regal. Die Kollegin am Nachbartisch löst Zähne aus der Gussform, während Sabine Rauser sich ihren Lieblingsobjekten am Skelett, den Schädeln, widmet.
Der Zufall hatte einst nachgeholfen bei der Berufswahl. Die Firma brauchte Verstärkung, und die gelernte Schneiderin Rauser ergriff die Chance, hat ihr Geschick zunächst an den Miniskeletten versucht und sich dann, wie sie lachend erklärt, "hochgearbeitet" zum großen Skelett. Dabei kann und macht in einem Betrieb dieser Größe natürlich jeder alles.
20 Jahre ist das her. Ihr Mann und der inzwischen erwachsene Sohn im nahe gelegenen heimischen Elstal haben sich längst daran gewöhnt, dass Sabine Rauser mit "Knochenstaub" vom "Skelett-Bau" im Haar nach Hause kommt, auf dem T-Shirt ein Torso im Querschnitt mit lateinischen Fachbegriffen.
Eine "Nebenwirkung" ihrer Tätigkeit ist eine ausgeprägte Vorliebe für TV-Serien aus dem Bereich der Gerichtsmedizin. Besonders, wenn es um das menschliche Skelett geht, schaut sie genau hin. "Wenn da ein Haufen Knochen liegt, fange ich im Kopf sofort an zu sortieren." Die Begeisterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Man kann sich direkt vorstellen, wie Arztbesuche der Familie verlaufen, wenn der Mediziner versuchen sollte, mit lateinischem Fachvokabular zu beeindrucken. "Man lernt bei der Arbeit sehr viel über menschliche Anatomie und medizinische Begriffe", sagt Sabine Rauser. "Die Kunden kommen mit den unterschiedlichsten Fragen – und gehen immer davon aus, dass man alles weiß." Also versucht sie, alles zu wissen.
Von Abgeklärtheit keine Spur
"Man bekommt einen anderen Blick auf das Leben", sagt Rauser. Von Abgeklärtheit ist aber auch nach zwei Jahrzehnten keine Spur: "Je mehr ich über den menschlichen Körper lerne, desto beeindruckter bin ich." Wäre es dann nicht vielleicht eine gute Idee gewesen, selber Medizin zu studieren? "Bewahre", sagt sie, schiebt Charly zur Seite und greift einen neuen Schädel vom Tisch. "Diesen Job würde ich um nichts in der Welt eintauschen".
Der Bohrer sirrt und Sabine Rauser konzentriert sich auf einen neuen Schädel. Sieht aus, als ob er grinst.




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