Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Schwindel und Konzentrationsschwäche: Hinter diesen Beschwerden kann sich ein zu niedriger Blutdruck verbergen. Eine Hypotonie liegt nach allgemeiner ärztlicher Auffassung dann vor, wenn der erste (systolische) Wert bei der Blutdruckmessung weniger als 100 Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg) beträgt. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung haben zwei bis vier Prozent der Bevölkerung eine entsprechende Veranlagung. Betroffen sind vor allem jüngere schlanke Menschen und insbesondere hochgewachsene schlanke Frauen.
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Im Gegensatz zu Bluthochdruck (Hypertonie) gilt Hypotonie als harmlos, weil ein geringer Druck in den Gefäßen Herz und Kreislauf schont und dadurch sogar lebensverlängernd wirken kann. "Tatsächlich gibt es viele Menschen, die einen sehr niedrigen Blutdruck haben und damit bestens zurechtkommen. Daher spricht man von einer Hypotonie als Krankheit auch erst dann, wenn damit typische Beschwerden verbunden sind", erklärt Dr. med. Lutz Koch aus dem Seeheilbad Graal-Müritz. Der Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin hat Jahrzehnte lang Hypotoniker in einer Kurklinik behandelt und erlebt, dass sie sich mit Hilfe natürlicher Behandlungsmaßnahmen, wie z. B. Kneipp-Anwendungen und sportlicher Betätigung, unter günstigen küstenklimatischen Verhältnissen stabilisieren konnten.
Beschwerden von Ärzten oft nicht ernst genommen
Dabei hat er auch die Erfahrung gemacht, dass die angegebenen Beschwerden der Patienten von ihren Hausärzten häufig nicht richtig eingeschätzt werden, obwohl ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität oft deutlich beeinträchtigt ist. "Viele Ärzte sind der Meinung, der Patient habe eben einen niedrigen Blutdruck und müsse damit irgendwie zurechtkommen. Anstatt seine Beschwerden ernst zu nehmen, wird ihm oftmals nur geraten, mit seinem Leiden zu leben und ein bisschen mehr Sport zu treiben."
Wie wenig Beachtung die Hypotonie in der internationalen ärztlichen Fachwelt findet, zeigt auch die Tatsache, dass sie als Krankheitsbild nur in deutschen Medizinlehrbüchern vorkommt, weshalb sie im angelsächsischen Sprachraum auch als "german disease" ("deutsche Krankheit") bezeichnet wird. Über die Gründe kann der Mediziner nur spekulieren: "Niedriger Blutdruck gilt als nicht gefährlich. Hausärzte möchten gerne ernste Krankheiten behandeln und möglichst auch Medikamente verordnen."
Zwar gebe es durchaus blutdruckerhöhende Mittel, wie z. B. Sympathomimetika, die stimulierend auf das vegetative Nervensystem wirkten. Doch diese eigneten sich eher "bei einem schlechten Tag", etwa bei Kreislaufproblemen infolge eines Wetterwechsels oder einer Überforderung, aber weniger zur Dauermedikation. Da der Erfolg der medikamentösen Behandlung begrenzt ist, hätten viele Patienten das Gefühl, ihr Arzt helfe ihnen nicht ausreichend.
Diagnose nicht allein über den systolischen Blutdruckwert stellen
Prof. Bernhard Schwaab, Chefarzt der Curschmann-Klinik in Timmendorfer Strand, glaubt indes nicht, dass der niedrige Blutdruck allgemein von Ärzten unterschätzt wird: "Ich bin 23 Jahre im Beruf und habe die Hypotonie nur selten als wirklich relevantes Problem erlebt." Der Mediziner, der zugleich Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung ist, empfiehlt jedoch, einen "zu niedrigen Blutdruck" nicht allein über den systolischen Wert zu definieren, zumal die Grenze international unterschiedlich sei. Während deutsche Ärzte als Grenze unter 100 mmHg systolisch ansetzten, beginne eine Hypotonie gemäß den Richtlinien des US-amerikanischen Nationalen Herz-, Lungen- und Blut-Institutes erst bei einem Wert von unter 90 mmHg. "Die Hypotonie sollte daher weniger durch den Wert, sondern eher durch das Wohl- oder Missempfinden der betroffenen Patienten definiert werden."
Weiterlesen: Wann man Beschwerden ernst nehmen sollte
Lesen Sie in diesem Beitrag zum Thema
- 1 Wie riskant ist ein zu niedriger Blutdruck?
- 2 Wann man Beschwerden ernst nehmen sollte




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