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Infektionen

Krankenhauskeime: Infiziert in der Klinik

| Von Susanne Wächter

Zehntausende Patienten infizieren sich hierzulande mit gefährlichen Erregern, gegen die viele Antibiotika machtlos sind. Dabei ließe sich die Ausbreitung leicht verhindern, sagen Hygiene-Experten.

Regelmäßiger Handschuhwechsel kann die Ausbreitung der Keime erschweren Foto: pa/BSIP

Meinung

GESUND-Redakteur Manfred Pantförder

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Von Manrfred Pantförder

Es zählt zu den großen Ungereimtheiten im deutschen Gesundheitsbereich, dass Hygiene dort teils mangelhaft ist, wo sie selbstverständlich vorausgesetzt wird. Trotz allen Qualitätsmanagements sind resistente Krankenhauskeime eine große Bedrohung für Patienten. Da dieses Phänomen in Deutschland flächendeckend auftaucht, kann kaum allein auf individuelle Nachlässigkeit geschlossen werden.

Der Fehler dürfte eher im System stecken, wie Kliniken betrieben werden. Zeit- und Kostendruck sind groß, das medizinische und pflegerische Personal beklagt Überlastung. Ärzte und Pflegekräfte hatten sich mittels Streik 2008 mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds ertrotzt. Die Qualität der stationären Versorgung sei gefährdet, argumentierten sie. Dies gilt offenbar noch heute, wenn man auf die alarmierenden Zahlen in Sachen resistente Keime sieht. Dass die Bundesregierung mit einem neuen Infektionsschutzgesetz, das zum 1. September 2011 in Kraft tritt, reagiert, deutet auf die Brisanz der Misere in den Kliniken.

Patienten und Angehörige müssen vor der Keimgefahr vorsorglich gewarnt werden

Der Mangel resultiert aus dem Verteilungskampf um die vielen Milliarden Euro der Beitragszahler, der nicht nur Gewinner kennt. Weil sie medizinische Schwerstarbeit leisten, brauchen Krankenhäuser den politischen Rückhalt, damit sie keinesfalls zu den Verlierern zählen. Denn hier verläuft die Linie dessen, was unser Gesundheitssystem unbedingt leisten muss: die sichere Versorgung von Patienten, die schwer erkrankt sind oder operiert werden. Daher muss der Kampf gegen Krankenhauskeime offen und offensiv geführt werden. Dazu zählt besonders auch die Aufklärung über die unsichtbare Gefahr, damit Patienten und Angehörige gewarnt sind, sich so gut wie möglich zu wappnen.

Infos

Auf Klinken und Laptops

MRSA-Keim unterm Elektronenmiroskop. Foto: pa/medicalpictureMRSA Die Kurzform steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Das kugelförmige Bakterium (Foto: pa/medicalpicture) ist sehr widerstandsfähig, die meisten Antibiotika versagen. Die Krankenhauskeime haben leichtes Spiel, wenn sie einen Weg in den Körper finden, etwa mittels Katheter. Dort vermehren sie sich rasant und verursachen schwere Entzündungen an Wunden bis hin zur Blutvergiftung. Die Keime können in Stunden oder Tagen alle Organe befallen, die dann versagen.

Vorkommen Viele Menschen tragen MRSA, ohne es zu wissen. Die Keime überleben sehr gut auf der Haut, auf Kitteln, auf Türklinken oder auch auf Oberflächen von Laptops. Im normalen Alltag verbreitet sich der Keim allerdings nicht so leicht. Gefährlich kann er vor allem dann werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist, eine Verletzung vorliegt oder man gerade operiert wurde – Risikofaktoren, die besonders in der Klinik vorkommen.

Infos Euregio MRSA-net ist ein deutsch-niederländisches Präventionsprojekt zur Bekämpfung von MRSA bei Mensch und Tier: www.mrsa-net.org. Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene: www.dgkh.de

Jedes Jahr erkranken rund 60.000 Menschen an sogenannten multiresistenten Keimen (MRSA), auch als Krankenhauskeime bekannt. Die Folgen sind schwerwiegend, oft tödlich, die Ursachen nach Ansicht vieler Experten eindeutig: In vielen Kliniken würden Hygienevorschriften nicht gewissenhaft umgesetzt.

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 "Die meisten wissen zu wenig bis gar nichts über die gefährlichen Krankenhauskeime", sagt Dr. Burkhard Kirchhoff, Fachanwalt für Medizinrecht und MRSA-Rechtsspezialist. Seit gut zehn Jahren ist er Fällen auf der Spur, bei denen Patienten zu Schaden kamen. Niemand kläre sie über resistente Krankenhauskeime auf, die auf die meisten Antibiotika nicht reagieren und schon durch Händedruck verbreitet werden können. Stattdessen werde im Aufklärungsbogen oft nur eine "Wundheilungsstörung" vermerkt – für Kirchhoff ein beschönigendes Wort für die gefährlichen Infektionen.

Bis zu 15.000 Todesfälle durch Krankenhauskeime

Die Erkrankung verläuft oft dramatisch schnell, für Ärzte ein verzweifelter Kampf gegen die Zeit. Während sie noch nach einem Mitteln suchen, auf das der Erreger reagieren könnte, breitet sich die Entzündung im gesamten Körper aus. Die "Deutsche Medizinische Wochenzeitschrift" geht von 10.000 bis 15.000 Todesfällen durch Krankenhauskeime pro Jahr aus. Das sind weitaus mehr als an der Immunschwäche Aids sterben. Die Zahl beruht noch immer auf Schätzungen. Erst seit Mitte letzten Jahres ist die Infektion meldepflichtig. Auf dem Totenschein taucht MRSA nicht als Ursache auf, dafür die Folgen wie eine Lungenentzündung oder Blutvergiftung.

Einzelzimmer für infizierte Patienten

Dabei könnte die Einhaltung einfacher Hygieneregeln viel Leid verhindern. Für alle im Krankenhaus arbeitenden Personen sollte es selbstverständlich sein, die Hände nach jedem Patientenkontakt zu desinfizieren. Durch Krankenhauskeime infizierte Patienten gehören ins Einzelzimmer. Betreten werden darf es nur mit Schutzkleidung, Einweghandschuhen und Mundschutz. Die Desinfektion aller mit dem Patienten in Kontakt gekommenen Gegenstände gehört auch zu den Vorbeugemaßnahmen gegen Krankenhauskeime.

Bild: Reinigungskräfte desinfizieren den Operations-Saal. Foto: pa/BSI

Eigentlich muss jeder Infektionsfall, der im Krankenhaus vorkommt, intern bis ins Detail aufbereitet und transparent gemacht werden. Doch noch lange nicht jede Klinik hält sich daran, ebenso wenig wie an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Dazu gehört auch ein Screening, also eine Voruntersuchung auf das Vorkommen von MRSA bei sogenannten Risikopatienten. Das sind Menschen mit offenen Wunden, Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Patienten, die in den vergangenen zwölf Monaten länger als drei Tage stationär in einer Klinik untergebracht waren. Das Screening verhindert oft, dass Krankenhauskeime eingeschleppt werden. "Wer der Ansicht ist, Empfehlungen müsse man nicht einhalten, ist auf dem Irrweg", sagt Anwalt Kirchhoff. Im Nachhinein müssten sich die Häuser nämlich rechtfertigen, wenn sie zum Beispiel einen Test auf MRSA nicht durchgeführt haben, obwohl der Patient zur Risikogruppe gehörte.

<update 1.9.2011> Die Bundesregierung reagiert auf die hohe Zahl an Infizierungen durch Krankenhauskeime infolge mangelnder Hygiene.  Am 1. September 2011 tritt das neue Infektionsschutzgesetz in Kraft, das eine bessere Hygiene in den Krankenhäusern um Ziel hat. Mit dem Gesetz will die Bundesregierung nach eigenen Angaben erreichen, dass "der rationale Einsatz von Antibiotika gefördert wird und die bestehenden Empfehlungen und Vorschriften zur Hygiene stärker beachtet und umgesetzt werden". Schwerpunkte des Gesetzes seien u.a. "eine Stärkung dieser Vorschriften durch die Einführung von Bußgeldtatbeständen", die Qualifikation des Personals in Fragen der Infektionshygiene, die Schaffung von Transparenz im Bereich der Hygienequalität der Krankenhäuser sowie eine bessere Bezahlung für die Behandlung infizierter Patientinnen und Patienten im ambulanten Bereich, wie die Bundesregierung mitteilt.</update>

Gesundheitsämter kontrollieren offenbar schlecht

Offenbar fehlen strenge Kontrollen in Sachen Krankenhauskeime. Wie Dr. Alexander Friedrich, Facharzt für Mikrobiologie vom Institut für Hygiene der Uni-Klinik in Münster, beklagt, seien in Deutschland noch immer die Gesundheitsämter der Städte dafür zuständig, obwohl diese ebenfalls oft in kommunaler Hand sind. Eine unabhängige Kontrolle, wie sie vorgeschrieben ist, werde so nicht gewährleistet. "Die Holländer haben hier vorgesorgt und eine unabhängige Gewerbeaufsicht für das Gesundheitswesen etabliert", sagt Friedrich.

Von den Holländern könnten die Deutschen lernen. Seit Jahren werden dort konsequent Richtlinien zur Ausrottung der Krankenhauskeime umgesetzt. Durch Hygiene, zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika und die Regeluntersuchung von Risiko-Patienten konnten die Niederländer den Anteil der MRSA-Infektionen auf unter drei Prozent drücken, während er laut Friedrich in Deutschland auf 25 Prozent stieg.

Gerade ein Schnelltest bei der Aufnahme gilt als einfache und preiswerte Möglichkeit, das Risiko Krankenhauskeime zu begrenzen. Mit einem Wattetupfer wird ein Abstrich von den Nasenvorhofschleimhäuten, vom Rachen und gegebenenfalls an Wunden gemacht, ein Mikrobiologe bestimmt das Ergebnis. Der Test dauert wenige Minuten und kostet knapp drei bis 15 Euro. Dennoch wollen die Funktionäre des Gesundheitswesens lieber abwarten. "Im Moment gibt es recht widersprüchliche Informationen in der Fachliteratur zur Wirksamkeit von Screenings allgemein und zu den Schnelltests auf MRSA insbesondere", sagt Claudia Widmaier vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen. Die Kosten-Nutzen-Relation könne noch nicht seriös beantwortet werden. Solche Abstriche würden keine Erkrankung des Betroffenen und keinen Ansteckungsgefahrengrad für andere anzeigen, sagt Widmaier.

Unkritische Verwendung von Antibiotika

Daniel Wosnitzka von der Deutschen Krankenhausgesellschaft sieht vor allem in der unkritischen Verwendung von Antibiotika in Deutschland den Grund dafür, dass MRSA-Infektionen zunehmen. An mangelnder Hygiene könne es nach seinen Aussagen nicht liegen: Die Regeln des Infektionsschutzgesetzes würden hierzulande streng befolgt. Grundsätzlich sei jede Infektion durch Krankenhauskeime ein Warnsignal für jede Klinik, die eigenen Prozesse und Strukturen zu verbessern. Dies geschehe regelmäßig, und viele Krankenhäuser seien außerdem von unabhängigen Instituten überprüft und zertifiziert.

Über solche Aussagen kann Dr. Klaus-Dieter Zastrow nur müde lächeln. Zastrow ist Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Vivantes-Kliniken und Sprecher des Deutschen Instituts für Krankenhaushygiene. Er hält die Vorgehensweise einiger Häuser für einen Skandal. "Wir haben immer noch rund 800.000 Infektionen pro Jahr im Krankenhaus, davon sind 60.000 MRSA zuzuordnen", sagt Zastrow. Manche Klinik würde Hygienefachkräfte angeben, die gar nicht existieren.

"Kliniken können krank machen"

"Kliniken sollen gesund machen, sie können aber je nach Qualität der Bekämpfung der Krankenhauskeime auch krank machen", sagt Anwalt Kirchhoff. "Den Patienten bleibt nur, ihr Krankenhaus bei einer planbaren Operation vorher zu überprüfen. Sie sollten sich per Telefon beim Hygienefacharzt über die Hygienebestimmungen aufklären lassen." Ein Anhaltspunk sei, wie die Klinik auf Fragen reagiere, wie mit MRSA-Fällen ungegangen werde.

Vor fünf Jahren hat Hygiene-Experte Friedrich das deutsch-niederländische MRSA-Netzwerk Euregio MRS-net gegründet, das langsam Schule macht. Anfang Januar sind weitere regionale Netzwerke in Berlin-Brandenburg, in NRW/Niedersachsen und Baden-Württemberg an den Start gegangen. Denn nicht zuletzt sind MRSA-Infektionen auch ein Kostenfaktor. Wie Mikrobiologen an der Uni Greifswald ausrechneten, konnten mit einem dort angewandten zusätzlichen Screening-Verfahren viele Erkrankungen durch Krankenhauskeime verhindert und in anderthalb Jahren mehr als 100.000 Euro gespart werden.

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Quellen

Gespräch mit Dr. Burkhard Kirchhoff, Fachanwalt für Medizinrecht und MRSA-Rechtsspezialist, Weilburg/Lahn, März 2010
"Infektionen mit Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus", Deutsche Medizinische Wochenschrift, 18/2005
Infektionsschutzgesetz (IfSG), Fassung vom 28.7.2011
Gespräch mit Dr. Alexander Friedrich, Institut für Hygiene der Uni-Klinik in Münster, März 2010
Gespräch mit Claudia Widmaier, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, Berlin, März 2010
Robert-Koch-Instituts (RKI), Richtlinie für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention, Stand 2007
Gespräch mit Daniel Wosnitzka, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Berlin, März 2010
Gespräch mit Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher des Deutschen Instituts für Krankenhaushygiene, März 2010

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