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Botulinumtoxin

Botox - Ein Nervengift als Medizin

| Von Sabine Abel

Der Wirkstoff ist vor allem als Faltenglätter bekannt. Doch er lindert auch Spastiken und ist jetzt für die Behandlung schwerer Migräne zugelassen

Eine moderne Produktionsanlage für medizinisches Botulinumtoxin in Dessau. Foto: Merz Pharma GmbH & Co KGAA

Meinung

Sabine Abel

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Sabine Abel

Der Ruf von Botulinumtoxin sei nicht der beste, beklagte die Deutsche Gesellschaft für ästhetische Botulinumtoxin-Therapie (DGBT) vor ein paar Monaten. Andererseits ließen sich im vergangenen Jahr Schätzungen der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie zufolge  70 000 Menschen von einem ihrer Mitglieder die Falten mit Botulinumtoxin glätten.

Botulinumtoxin wird in erster Linie als Schönheitsmittel wahrgenommen. Und das zum Teil mit einem unseriösen Beigeschmack. Starre Promi-Gesichter, denen man keine Gefühlsregung ansieht, und sogenannte Botox-Partys, die glatte Haut mal eben in der Mittagspause versprachen, trugen nicht zu einer Verbesserung des Images bei.

Dabei ist die Schönheitsbehandlung erst die zweite Karriere des Medikaments. Seit der Entdeckung des Nervengifts und seiner Wirkung vor fast 200 Jahren gab es Überlegungen, wie man es in der Medizin zum Wohl der Patienten einsetzen könnte. Seit mehr als 30 Jahren wird es u. a. dazu genutzt, Spastiken und Dystonien zu lindern. Erst 2006 wurde das Mittel in Deutschland offiziell zur Faltenglättung zugelassen.

Botulinumtoxin hat wirklich einen besseren Ruf verdient – als seriöses Anti-Aging-Mittel in der Hand kompetenter Ärzte, aber vor allem als Medikament, das schwer Kranken das Leben etwas erleichtern kann.

Informationen

Wirkstoff
Botulinumtoxin ist ein starkes Nervengift. Es wird von dem Bakterium Clostridium botulinum produziert. Der Name Botulinumtoxin entstand aus dem lateinischen botulus (Wurst) und toxin (Gift), da es früher in verdorbenen Lebensmittelkonserven, besonders Wurstwaren, gefunden wurde. Die Vergiftung, der Botulismus, führt zu Übelkeit und Muskellähmungen, im Extremfall zum Atemstillstand.

Links
Infos zur Dystonie unter: www.dystonie.de,
zur Schmerzbehandlung: www.schmerzklinik.de,
zu therapeutischen Anwendungen von Botox: www.botulinumtoxin.de,
zur Faltenbehandlung: www.dgbt.de/
patienteninformation

Bei dem Wort Botox denken die meisten Menschen an ein jugendliches Aussehen, erreicht durch Spritzen, die Falten im Gesicht glätten. Aber auch ein leichtes Unbehagen ist manchmal dabei, denn Botulinumtoxin, für das meist der kurze Name eines der Präparate mit dem Wirkstoff – Botox – verwendet wird, ist ein starkes Nervengift. Weniger bekannt ist, dass die Substanz in erster Linie als Medikament für die Linderung einiger schwerer Leiden eingesetzt wird.

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"Es gibt zwei Hauptindikationen, für die eine Botox-Behandlung zugelassen ist", sagt Prof. Stefan Evers, Leiter der Arbeitsgruppe Botulinumtoxin an der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Münster. "Das sind zum einen Dystonien – Bewegungsstörungen, bei denen Menschen unwillkürlich bestimmte Muskelgruppen bewegen müssen. Die zweite große Gruppe von Indikationen sind Spastiken, das heißt, dass Muskeln laufend angespannt sind und nicht locker gelassen werden können. Dadurch entstehen z. B. Fehlstellungen von Händen, Füßen, Beinen oder Armen", erläutert der Neurologe.

Botox blockiert Nerven-Botenstoff

In seiner Spezialsprechstunde werden außerdem unter anderem extremes Schwitzen oder übermäßige Speichelproduktion, die z. B. bei Parkinsonpatienten auftritt, mit Botox-Spritzen behandelt. Kürzlich hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Botox-Behandlung für zwei weitere Indikationen zugelassen: chronische Migräne (siehe Interview) und Harninkontinenz als Folge von Rückenmarksverletzungen oder Multipler Sklerose.

"Botox blockiert die Freisetzung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin", erläutert Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. So kann der Befehl zur Anspannung, der aus dem Gehirn gesendet wird, nicht an den Muskel weitergeleitet werden. Die Folge: Der Muskel entspannt sich. Bei übermäßiger Schweiß- oder Speichelproduktion wird die Weiterleitung des Impulses von der Nervenfaser auf die Drüsenzelle blockiert.

Botox kann Spastiken nicht heilen, aber lindern

Dystonien wie Lidkrampf, Schiefhals oder Schreibkrampf sowie Spastiken, z. B. aufgrund von Hirnschädigungen bei Kindern oder als Folge eines Schlaganfalls sind für die Betroffenen sehr belastend. Mit den unwillkürlichen Bewegungen oder der dauernden Anspannung einzelner Körperteile sind auch Schmerzen verbunden. "Botox kann die Dystonie oder Spastik nicht heilen", sagt Prof. Evers, "aber man kann eine bessere Beweglichkeit erreichen." So lässt sich z. B. die zusammengeballte Hand eines Patienten wieder öffnen, was die Pflege oder physiotherapeutische Behandlungen erleichtern kann. Nach durchschnittlich drei Monaten lässt die Wirkung nach, dann muss die Therapie wiederholt werden.

Die Vermutung, dass eine Spritze, die Spastiken lösen kann, auch gegen andere Muskelverspannungen hilft, liegt nahe. Doch in Studien hat sich gezeigt, dass Botox z. B. bei Spannungskopfschmerzen nicht lindernd wirkt. "Wenn die Störung im Muskelgewebe selbst oder in den zuführenden Nerven liegt, hilft Botox nicht", sagt Prof. Evers, "nur wenn der Impuls aus dem zentralen Nervensystem, also aus dem Gehirn, kommt."

Botox glättet Falten, aber die Hautalterung wird nicht beeinflusst

Das zeigt sich auch bei der Faltenbehandlung. Botox lindert die typische Zornesfalte zwischen den Augenbrauen oder auch die sogenannten Krähenfüße an den Augen, die ebenfalls durch unbewusste Muskelanspannungen entstehen. "Falten, die sich durch Hautveränderungen und die nachlassende Festigkeit des Bindegewebes bilden, kann man durch Botox nicht beeinflussen", betont Prof. Evers.

Angst vor einer Vergiftung durch die Spritzen muss man übrigens nicht haben. "Die verwendeten Dosierungen sind extrem niedrig", so Prof. Evers. Es könne Nebenwirkungen dadurch geben, dass zu viel oder an falschen Stellen gespritzt werde. So könne es nach einer Spritze im Gesichtsbereich im schlimmsten Fall zu Schluckstörungen kommen.

Die Wissenschaftler forschen an weiteren Einsatzgebieten: "Neue, veränderte Botulinumtoxine wirken auf den Schmerzmechanismus und haben nicht mehr diese muskelentspannende Wirkung, sie sollen z. B. bei Gürtelrose oder anderen Schmerzerkrankungen eingesetzt werden", berichtet Prof. Göbel.

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Quellen

Gespräch mit Prof. Stefan Evers, Leiter der Arbeitsgruppe Botulinumtoxin an der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Münster, Nov. 2011
Gespräch mit Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, Nov. 2011
H. Göbel, A. Heinze: "Prophylaxe der chronischen Migräne mit Botulinumtoxin Typ A" in: "Der Schmerz" 2011 25:563-571, DOI 10.1007/s00482-011-1084-6

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