Bei dem Wort Botox denken die meisten Menschen an ein jugendliches Aussehen, erreicht durch Spritzen, die Falten im Gesicht glätten. Aber auch ein leichtes Unbehagen ist manchmal dabei, denn Botulinumtoxin, für das meist der kurze Name eines der Präparate mit dem Wirkstoff – Botox – verwendet wird, ist ein starkes Nervengift. Weniger bekannt ist, dass die Substanz in erster Linie als Medikament für die Linderung einiger schwerer Leiden eingesetzt wird.
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"Es gibt zwei Hauptindikationen, für die eine Botox-Behandlung zugelassen ist", sagt Prof. Stefan Evers, Leiter der Arbeitsgruppe Botulinumtoxin an der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Münster. "Das sind zum einen Dystonien – Bewegungsstörungen, bei denen Menschen unwillkürlich bestimmte Muskelgruppen bewegen müssen. Die zweite große Gruppe von Indikationen sind Spastiken, das heißt, dass Muskeln laufend angespannt sind und nicht locker gelassen werden können. Dadurch entstehen z. B. Fehlstellungen von Händen, Füßen, Beinen oder Armen", erläutert der Neurologe.
Botox blockiert Nerven-Botenstoff
In seiner Spezialsprechstunde werden außerdem unter anderem extremes Schwitzen oder übermäßige Speichelproduktion, die z. B. bei Parkinsonpatienten auftritt, mit Botox-Spritzen behandelt. Kürzlich hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Botox-Behandlung für zwei weitere Indikationen zugelassen: chronische Migräne (siehe Interview) und Harninkontinenz als Folge von Rückenmarksverletzungen oder Multipler Sklerose.
"Botox blockiert die Freisetzung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin", erläutert Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. So kann der Befehl zur Anspannung, der aus dem Gehirn gesendet wird, nicht an den Muskel weitergeleitet werden. Die Folge: Der Muskel entspannt sich. Bei übermäßiger Schweiß- oder Speichelproduktion wird die Weiterleitung des Impulses von der Nervenfaser auf die Drüsenzelle blockiert.
Botox kann Spastiken nicht heilen, aber lindern
Dystonien wie Lidkrampf, Schiefhals oder Schreibkrampf sowie Spastiken, z. B. aufgrund von Hirnschädigungen bei Kindern oder als Folge eines Schlaganfalls sind für die Betroffenen sehr belastend. Mit den unwillkürlichen Bewegungen oder der dauernden Anspannung einzelner Körperteile sind auch Schmerzen verbunden. "Botox kann die Dystonie oder Spastik nicht heilen", sagt Prof. Evers, "aber man kann eine bessere Beweglichkeit erreichen." So lässt sich z. B. die zusammengeballte Hand eines Patienten wieder öffnen, was die Pflege oder physiotherapeutische Behandlungen erleichtern kann. Nach durchschnittlich drei Monaten lässt die Wirkung nach, dann muss die Therapie wiederholt werden.
Die Vermutung, dass eine Spritze, die Spastiken lösen kann, auch gegen andere Muskelverspannungen hilft, liegt nahe. Doch in Studien hat sich gezeigt, dass Botox z. B. bei Spannungskopfschmerzen nicht lindernd wirkt. "Wenn die Störung im Muskelgewebe selbst oder in den zuführenden Nerven liegt, hilft Botox nicht", sagt Prof. Evers, "nur wenn der Impuls aus dem zentralen Nervensystem, also aus dem Gehirn, kommt."
Botox glättet Falten, aber die Hautalterung wird nicht beeinflusst
Das zeigt sich auch bei der Faltenbehandlung. Botox lindert die typische Zornesfalte zwischen den Augenbrauen oder auch die sogenannten Krähenfüße an den Augen, die ebenfalls durch unbewusste Muskelanspannungen entstehen. "Falten, die sich durch Hautveränderungen und die nachlassende Festigkeit des Bindegewebes bilden, kann man durch Botox nicht beeinflussen", betont Prof. Evers.
Angst vor einer Vergiftung durch die Spritzen muss man übrigens nicht haben. "Die verwendeten Dosierungen sind extrem niedrig", so Prof. Evers. Es könne Nebenwirkungen dadurch geben, dass zu viel oder an falschen Stellen gespritzt werde. So könne es nach einer Spritze im Gesichtsbereich im schlimmsten Fall zu Schluckstörungen kommen.
Die Wissenschaftler forschen an weiteren Einsatzgebieten: "Neue, veränderte Botulinumtoxine wirken auf den Schmerzmechanismus und haben nicht mehr diese muskelentspannende Wirkung, sie sollen z. B. bei Gürtelrose oder anderen Schmerzerkrankungen eingesetzt werden", berichtet Prof. Göbel.





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