GESUND: Botox wurde vor kurzem für die Behandlung von chronischer Migräne zugelassen. Für welche Patienten ist die Behandlung geeignet?
Prof. Hartmut Göbel: Es wurde zugelassen für erwachsene Patienten, die die Kriterien einer chronischen Migräne erfüllen. Das heißt, sie haben mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat, davon mindestens acht Tage mit Migräne. Voraussetzung ist auch, dass bisher keine andere Behandlung geholfen hat. Außerdem muss ausgeschlossen werden, dass die chronischen Kopfschmerzen durch einen Übergebrauch von Schmerzmitteln entstanden sind. Das bedeutet, die Patienten müssen vor der Botox-Behandlung eine Medikamentenpause machen. Insgesamt betrifft dies nur einen kleinen Teil der Migräne-Patienten.
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GESUND: Wie wirkt Botox bei chronischer Migräne?
Prof. Göbel: Botox blockiert die Freisetzung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin und wirkt dadurch muskelentspannend. Außerdem hemmt es weitere Botenstoffe, die entzündlich wirken und bei Migräne-Patienten zu Phasen mit einer übermäßigen Schmerzempfindlichkeit führen. Botox wirkt nicht auf einen akuten Schmerz, aber es verhindert die übermäßige Empfindlichkeit und schützt das Nervensystem davor, dass immer wieder Migräne-Attacken ausgelöst werden.
GESUND: Können die Attacken völlig verhindert werden?
Prof. Göbel: Nein, Botox ist kein Allheilmittel und hilft auch nicht jedem Patienten. Es lindert die Symptome. Manche unserer Patienten, die unter täglichen schweren Migräneattacken mit starken Schmerzen und Übelkeit litten, können durch die Botox-Behandlung wieder einer Berufstätigkeit nachgehen. Botox ist allerdings nur ein Therapie-Baustein. Die Patienten müssen weiterhin die Regeln befolgen, die für alle Migräne-Patienten wichtig sind: Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, regelmäßige Ernährung, regelmäßige Pausen im Alltag, Entspannungstraining, Stress vermeiden, Ansprüche an sich selbst zurücknehmen und nicht immer alles mehr als 100prozentig machen wollen. Dazu kommt die Akut-Therapie bei einer Migräne-Attacke und gegebenenfalls andere Mittel zur Vorbeugung.
GESUND: Wohin wird gespritzt?
Prof. Göbel: Aufgrund der Erkenntnisse durch Studien wurden standardmäßig 31 Punkte an Stirn, Schläfe, Nacken und Schultern festgelegt, die sicherstellen, dass alle Schmerzbereiche in die Behandlung miteinbezogen werden. Dazu können acht weitere Punkte gewählt werden, je nachdem, wo der Schmerz am stärksten ist. In der Regel muss die Behandlung alle 12 Wochen wiederholt werden.
GESUND: Warum wird Botox bei der "normalen" Migräne nicht eingesetzt?
Prof. Göbel: Die Wirkung bei episodischer Migräne ist bislang wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Andererseits ist bei drei oder vier Migräne-Tagen im Monat der Einsatz von Botox auch im Verhältnis zu aufwendig.
GESUND: Wird die Botox-Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt?
Prof. Göbel: Das Medikament ist zwar jetzt für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, aber der Gemeinsame Bundesausschuss, der über die Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen entscheidet, muss den Nutzen erst noch bewerten. Bislang kann es im Einzelfall bei Vorliegen der in der Zulassung vorgegebenen Voraussetzungen bewilligt werden.
GESUND: Wohin können sich Migräne-Patienten wenden, die eine Botox-Behandlung wünschen?
Prof. Göbel: Die Zulassung legt fest, dass die Diagnose der chronischen Migräne und die Verabreichung von Botox nur durch bzw. unter Aufsicht von Neurologen erfolgen darf, die sich auf die Behandlung chronischer Migräne spezialisiert haben. Das heißt, die Behandlung wird auch künftig in hochspezialisierten Zentren erfolgen und nicht im Rahmen der allgemeinen Regelversorgung.





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