Bild: Dr. Hanne Meyer-Hentschel.
Dass wir alle älter werden, wissen wir. Doch wenn wir jung sind, wollen wir kaum etwas davon wissen, was es heißt und wie es sich anfühlt, 60, 70, 80 Jahre und älter zu sein. Was es bedeutet, mit weniger Tempo, Kraft und Leistung, mehr Gebrechen, Barrieren und Unverständnis zu leben. "Das Alter ist für jüngere Menschen ungefähr so, als würden sie einen fremden Planeten betreten", sagt Dr. Hanne Meyer-Hentschel. Deshalb hat sie etwas erfunden, das hilft, diesen Planeten mit einer Art Raumanzug zu erkunden, und das eine Brücke des Verständnisses zur älteren Generation bauen kann: den Alterssimulationsanzug "Age Explorer" (Alter-Erforscher).
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Das Bedürfnis, sich das Alter am eigenen Leib vorzustellen
Mit diesem Anzug vom Meyer-Hentschel-Institut in Saarbrücken, das ihn weltweit zuerst 1994 vorstellte, kann man beinahe in Sekunden "altern". Er macht vor allem körperliche Veränderungen erlebbar, die sich für die meisten Menschen nach dem 70. Lebensjahr einstellen (siehe Grafik). "Die Idee war das Bedürfnis", sagt Frau Meyer-Hentschel, "sich das Alter am eigenen Leib vorzustellen, einen emotionalen Zugang zu schaffen." Inzwischen wurde der Alterssimulationsanzug von dem verhaltenswissenschaftlichen Institut, das sich auf den Seniorenmarkt spezialisiert hat, ständig weiterentwickelt, die dritte und vierte Generation ist bereits gebaut. Längst tüfteln die Wissenschaftler daran, auch psychische Auswirkungen des Alters wie Isolation, Unsicherheit und Entscheidungsprobleme spürbar zu machen.
Age Explorer sorgt für einen Blickwechsel, baut Barrieren ab
Natürlich kann der Anzug keine maßgeschneiderte 1:1-Simulation liefern. Denn zum einen ist das Altern ein multidimensionaler Prozess mit großen individuellen Unterschieden, nicht jeder wird von den vielen möglichen Einschränkungen betroffen. Außerdem nimmt man diese Einschränkungen – etwa in der Mobilität – ganz unterschiedlich wahr (siehe kleine Grafik). Zum anderen altert man natürlich in Wirklichkeit sehr viel langsamer, wobei auch Anpassung und Gewöhnung dabei eine Rolle spielen. "Doch der Age Explorer sorgt für einen Blickwechsel, er baut Barrieren ab und er setzt kreative Energie frei", erklärt Hanne Meyer-Hentschel, "das ist sein zentraler Nutzen."
Bierkästen mit ergonomischen Griffen
Zum Beispiel in der Industrie, also bei der altersgerechten Herstellung von Gebrauchsgütern wie Autos, Hausgeräten, im Handel- und Dienstleistungsbereich ist der Age Explorer gut gebucht. "Für die Industrie geht es auch darum, bei der Produktentwicklung durch eine innovative Idee einen entscheidenden Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu haben", sagt die Forscherin. So sind mit Hilfe des Alterssimulationsanzugs schon Autoschlüssel und Toilettenpapier-Verpackungen modifiziert, Bierkästen mit ergonomischen Griffen versehen und neue Geschirrformen für die Alten entwickelt worden.

Verblüffende Erfahrung
Verkaufs- und Kassenpersonal hat bei Schulungen schon verblüfft im Alterssimulationsanzug gesteckt. Auch Architekten für barrierefreies Wohnen wollen wissen, welche Bedürfnisse ein 80-Jähriger in seinen vier Wänden hat und sich einmal in dessen Lage versetzen. "Dabei ist die Simulationsspezifik des Anzugs veränderbar, das heißt zum Beispiel die Gewichte oder bestimmte Einstellungen des Visiers sind je nach Anfrage des Kunden variabel", sagt Frau Meyer-Hentschel. Und selbst die Profis im Pflegebereich können vom Age Explorer noch etwas lernen: Über die Sensibilität im Umgang und in der Kommunikation zwischen Jung und Alt, über Respekt und Würde.
Manchmal gibt es Momente betretenen Schweigens
Von einigen Trägern des Alterssimualtionsanzugsn hat Dr. Hanne Meyer-Hentschel auch schon Momente betretenen Schweigens erlebt. "Wenn es sehr hell ist, sagen Ältere manchmal: ?draußen liegt Schnee' und die Jüngeren denken dann sofort an geistigen Abbau. Doch wenn sie durch das Visier des Age Explorers geschaut haben, ist ihre Sicht plötzlich ganz anders."










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