Fast jeder fünfte Erstklässler bekommt hierzulande eine Sprachtherapie. Häufig beginnt die Behandlung allerdings nach den ersten drei Lebensjahren, wenn die sensible Phase der Sprachentwicklung schon fast verstrichen ist. Dabei könnten vor allem die Eltern erheblich dazu beitragen, Sprachprobleme ihrer Kinder zu vermeiden. Studien wie das "Heidelberger Elterntraining" zeigen, dass sich beispielsweise bei "Spätsprechern", die mit zwei Jahren noch nicht sprechen, deutlich weniger Störungen entwickeln, wenn Mutter und Vater geschult werden, die Sprachentwicklung gezielt zu förder. Die Freiburger Logopädin Anja Mannhard beschreibt im folgenden Beitrag, wie Eltern im Alltag die Sprachentwicklung ihres Kindes unterstützen können.
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Wie die Dinge einen Namen bekommen
Wie können Regeln der Welt, Abläufe und Rituale, soziales Verhalten und Begriffe erlernt werden? Die Kinder erfahren durch konkretes Material und begreifen im Wortsinne die Beschaffenheit, die Funktion und dass die Dinge einen Namen haben. Sie lernen durch die Handlung, durch ihr Tun, dass sie in ihrer Umwelt, mit den Dingen und anderen Menschen etwas bewirken können.
Bereits im ersten und zweiten Lebensjahr bildet sich dadurch in der Sprachentwicklung das kognitive und sprachliche Schema eines Satzes:
- Das Kind isst. (Subjekt- Prädikat/SP- Satz).
- Das Kind isst einen Apfel (Subjekt- Prädikat- Objekt/SPO- Satz).
Das Kind erfährt, dass Subjekt und Objekt variiert werden können:
- Der Vater isst.
- Das Kind isst eine Banane.
Auch die Handlung kann variiert werden:
- Das Kind schneidet den Apfel.
So verinnerlicht und versprachlicht das Kind in verschiedenen Handlungs- und Spielsituationen im Alltag
- wer etwas tut oder bewirkt
- worauf sich das Tun richtet
- was auf wen einwirkt
- wer womit etwas tut
- wann mit wem etwas passiert
Spülmaschine einräumen, sich anziehen, Tisch decken, Hände waschen, Kleidung sortieren – all das sind Alltagshandlungen, die nach einem handlungsorientierten Konzept zur kognitiven Anregung und förederung der Sprachentwicklung gezielt genutzt werden können.
Ein Beispiel: Sie wollen gemeinsam den Tisch decken. Überlegen Sie mit Ihrem Kind, was Sie dazu alles benötigen. Besprechen Sie, was man mit den Dingen tun kann: "Mit dem Messer schneide ich", "Mit dem Löffel esse ich meine Suppe", "Aus dem Glas trinke ich".
Dann suchen Sie gemeinsam die Sachen zusammen und stellen Sie auf ein Tablett. Benennen Sie dabei die Begriffe, so wird die Sprachentwicklung unterstüctzt, denn Ihr Kind erfährt, dass alle Dinge in der Welt einen Namen haben. Besprechen Sie gemeinsam, wie der Tisch gedeckt wird, "Was machen wir zuerst?", "Was kommt dann?" usw..
Lernen beim Tischdecken
Danach wird die Handlung ausgeführt. Das Kind soll dabei möglichst selbstständig den Tisch decken, das fördert zudem sein aktives Handeln und Tun in der Welt. Sie begleiten das Tischdecken, indem Sie behilflich sind, wo es nötig ist, und kommentieren das Tun mit eigenen Worten in vollständigen, nicht zu komplizierten Sätzen: "Du stellst den Teller auf den Tisch", "Genau, die Serviette wird auf den Teller gelegt", "Das Glas steht oben rechts vom Teller".
Sprache und Denken werden vernetzt
Der schön gedeckte Tisch wird gemeinsam bewundert, vermutlich gibt es dann auch ein leckeres Essen für alle. Im Rückblick lassen Sie das Kind noch mal erinnern, nachdem der Tisch abgedeckt und die Spülmaschine eingeräumt ist. "Was haben wir denn alles benötigt, um den Tisch zu decken?", "Wo stand das Glas?", "Was hast du zuerst gemacht, was kam danach?" Dabei vernetzten sich Denken und Sprache, das Kind versprachlicht nun Dinge und Handlungen, die es nicht mehr vor sich sehen kann, es stellt sein ?eigenes Theater im Kopf her'. Diese Abstraktion gelingt, nachdem es vielfältige Erfahrungen mit konkretem Material gemacht hat.




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