Sie befinden sich hier:

Startseite > Gesund-Magazin > Kinder > Zu klein für die Kinderkrippe?

Betreuung

Zu klein für die Kinderkrippe?

| Von Sylke Heun

Je jünger das Kind, desto größer der Stress, den fremde Betreuer auslösen. Aber manchmal hat eine frühe Eingewöhnung in der Kinderkrippe auch Vorteile, sagen Experten

Für die Eingewöhnung braucht das Kind in der Krippe Zeit und Zuwendung Foto: pa/ZB

Infos

Eingewöhnen

Start Auf Betreuungsschlüssel, die Atmosphäre der Kinderkrippe oder Tagesmutter und das eigene Bauchgefühl achten. Schnuppertag nutzen

Üben Vorher das Trennen für einige Momente/Stunden mit Verwandten oder Freunden üben

Vorbereiten Das Kind mit Büchern und Geschichten auf die Veränderung vorbereiten

Zeit Größere Kinder brauchen etwa zwei Wochen für die Eingewöhnung in der Kinderkrippe, kleinere vier bis sechs

Pause Nach der Abholung aus der Kinderkrippe nicht gleich weitere Aktivitäten planen

Emma ist vier Jahre alt und ein Profi in der  Kinderkrippe. Schon mit acht Monaten war sie vormittags bei der Tagesmutter, jetzt ist sie stolz eine von "den Großen". Ihre Mutter sagt: "Emma hat ein offenes Wesen und hat es uns immer leicht gemacht, eine Betreuung für sie zu finden."

Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Kindesentwicklung

Rufus ist drei Jahre alt und Kinderkrippen-Neuling. Seine Eltern teilten sich seine Betreuung bisher und sicherten über Freunde vom Spielplatz Kontakt zu anderen Kindern. Seine Mutter sagt: "Rufus ist schüchtern und sehr vorsichtig. Die Jahre zu Hause haben ihm Sicherheit gegeben." Zwei Kinder, zwei Familien, zwei verschiedene Betreuungsformen. Machen die einen es richtig und die anderen falsch? Die Experten sind sich einig: Nein. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, um einem Kind und seinen Eltern gerecht zu werden.

Methoden zur Selbstberuhigung nicht ausgeprägt

"Egal wie alt das Kind ist, die Betreuung durch jemand Fremdes ist immer eine Herausforderung und eine Stresssituation", sagt der Hamburger Diplom-Psychologe Kay-Uwe Fock. Je jünger das Kind sei, umso weniger Strategien habe es, auf eine ungewohnte oder unangenehme Situation zu reagieren, wie sie in einer Kinderkrippe oder einer Tagesmutter auftreten können. Auch seien die Methoden zur Selbstberuhigung bei Kleinstkindern noch längst nicht so ausgereift wie bei Dreijährigen. Kay-Uwe Fock rät deshalb dazu, bei der Suche nach einer Betreuung die zukünftige direkte Bezugsperson kennenzulernen und dann nach Bauchgefühl zu entscheiden. "Man sollte in den ersten Monaten außerdem auf Unruhe, Schlafstörungen und verstärkte Weinerlichkeit bei dem Kind achten. Es ist zudem immer gut, wenn zur Not der Rückwärtsgang möglich ist."

Für manche Kinder ist eine zu frühe Betreuung durch jemand Fremdes der Stress pur, für andere dagegen kann die Kinderkrippe ein Glücksfall sein. Kay-Uwe Fock bildet seit zwölf Jahren zum Thema "Bindung" fort und sagt: "Wir unterscheiden drei Bindungsmodelle. Die sichere Bindung, die unsicher-vermeidende, bei der Eltern in Stresssituationen zurückweisend reagieren ("Stell dich nicht so an!") und die unsicher-ambivalente, bei der die Eltern selbst bedürftig sind." Nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Kleinkinder weise ein sicheres Bindungsgefühl auf. Der Diplom-Psychologe: "Gerade für Risikofamilien ist die Kinderkrippe die beste Chance für ein Kind, über den Kontakt zu einer Erzieherin ein sicheres Bindungsgefühl zu erwerben."

Das Kind soll es gut haben, das ist die Hauptsorge der Eltern. Manche vergessen dabei sich selbst. Der Lübecker Diplom-Psychologe Laszlo Pota sagt: "Kleinen Kindern sollte so lange wie möglich die Nähe der Eltern gegeben werden. Aber wenn die Atmosphäre in der Familie schlecht ist, ist eine gute Betreuung durch eine Kinderkrippe oder Tagesmutter schon bei drei Monate alten Kindern besser."

Vertrauen schaffen zur Bezugsperson

Für Pota wäre dies die ideale Eingewöhnung: Die ersten sechs Monate betreuen nur die Eltern, dann übernimmt eine feste Bezugsperson mal einen Abend oder wenige Stunden. Ist eine Tagesmutter gefunden, kommt sie zu dem Kind nach Hause. Und erst wenn das Kind sie akzeptiert, kann es auch woanders betreut werden. "Das sind hohe Anforderungen", sagt Laszlo Pota. "Aber so entsteht eine gute Grundlage und nur dann können die Eltern das Kind mit Vertrauen abgeben." Das sei entscheidend, denn die Sicherheit der Eltern überträgt sich auf das Kind.

Der Hamburger Kinderarzt Hans-Ulrich Neumann sieht in seiner Praxis regelmäßig Kinder, denen die Betreuung durch Erzieher gut tut. "Studien haben gezeigt, dass sich beispielsweise die Sprache bei fremdbetreuten Kindern besser entwickelt." Ein wichtiger Punkt: der Betreuerschlüssel. Ein Erzieher auf acht Kinder, wie es im Kindergarten üblich ist, führe in einer Kinderkrippe zum Chaos und damit zu einer ungenügenden Betreuungssituation. Neumann: "Ein Erzieher für maximal vier Kinder sollte es bei den Kleinen schon sein." Und noch einen Rat gibt der Kinderarzt: "Wer sein noch sehr kleines Kind für einige Stunden abgibt, sollte die verbleibende Zeit umso intensiver nutzen, Bücher lesen, Bilder malen, Spiele spielen."

Weitere Beiträge aus dem Ressort Kinder

Quellen

Gespräch mit Kay-Uwe Fock, Dipl.-Psych. Freunde der Kinder e.V., Hamburg, Juni 2011
Gespräch mit Laszlo Pota, Diplom-Psychologe, Lübeck, Juni 2011
Gespräch mit Hans-Ulrich Neumann, Kinderarzt, Hamburg, Juni 2011

Am häufigsten gelesen

Leben mit Krebs

Leben mit Krebs

Im Themenspecial finden Betroffene und Angehörige Informationen zu modernen Therapieformen sowie zur aktuellen Krebsforschung. mehr ...

Weitere Themen:

PartnerangeboteAnzeige

Disclaimer:

© 2012 gofeminin.de GmbH – Das Informationsangebot rund um die persönliche Gesundheit auf www.onmeda.de dient ausschließlich Ihrer Information und ersetzt in keinem Fall eine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt. Die auf Onmeda zur Verfügung gestellten Inhalte können und dürfen nicht zur Erstellung eigenständiger Diagnosen und/oder einer Eigenmedikation verwendet werden. Bitte beachten Sie auch den Haftungsausschluss sowie unsere Hinweise zu den Bildrechten.