Was für ein Leben. Den ganzen Tag gemütlich in Mamas Bauch schaukeln, viel schlafen, manchmal strampeln und ab und zu ein Schluck leckeres Fruchtwasser. Leckeres Fruchtwasser? Schon acht Wochen nach der Befruchtung bilden sich beim Fötus Geschmackszellen, in der 15. Woche haben sich erste Geschmacksknospen entwickelt. Zeitgleich beginnt das Kind, Fruchtwasser zu schlucken. Ab der 28. Woche kann ein Fötus riechen, einen Monat später reagiert er auf Geschmacksveränderungen. Das bedeutet: Schon im Mutterleib beginnt die Prägung des Geschmacksinns eines Kindes, gesteuert durch das Essen der Mutter. Das ist eine große Chance, die Basis für eine lebenslang gesunde Ernährung zu legen. Der einzige Nachteil: Kaum jemand weiß davon.
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Der menschliche Geschmackssinn entwickelt sich durch stetes Training, Geschmack selbst verändert sich ein Leben lang. Die grundlegende Ausrichtung allerdings wird in der Schwangerschaft gelegt, denn wer im Bauch der Mutter vielfältige Geschmackserlebnisse macht, lässt sich später leichter auf neue und ungewohnte Nahrungsmittel ein. Und wer schon während der Schwangerschaft gesund ernährt wurde, greift später eher zu gesundem und ausgewogenem Essen.
Geschmackssinn durch Juckfood geprägt
Das bestätigt eine Versuchsreihe mit Ratten (London, 2007). Dabei bekam eine Gruppe von trächtigen Tiere normales Futter, eine andere Junkfood wie Kekse und Pommes. Der Nachwuchs durfte sein Futter frei wählen. Die Nachkommen der Junkfood-Mütter wiesen einen höheren BMI und eine höhere Energiezufuhr auf. Sie bevorzugten das ungesündere Futter und fraßen mehr als die Jungtiere der besser ernährten Gruppe.
Eine andere Studie (2001) belegt, dass der Geschmackssinn selbst durch früheste Erfahrungen von Kindern beeinflusst wird. Dr. Ute Alexy, Ernährungswissenschaftlerin am Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund: "Einige Mütter bekamen im letzten Trimester der Schwangerschaft Karottensaft zu trinken, andere nicht. Es stellte sich der leichte Effekt ein, dass die Kinder mit Karottensafterfahrung sich nach dem Stillen leichter auf Karottenbrei einließen als Kinder, deren Mütter keinen Karottensaft getrunken hatten."
Jedes Essen hinterlässt Spuren im Fruchtwasser
Was genau aber und wie viel gesundes Essen braucht eine Schwangere, um sich und ihr Kind gut zu ernähren? Edith Gätjen, Ökotrophologin und Buchautorin des Ratgebers "Lotta lernt essen" (Trias, 14,99 Euro), fällt die Antwort nicht schwer: "Eine Schwangerschaft ist eine günstige Gelegenheit, um alte Gewohnheiten durch neue zu ersetzen. Wer ein Kind bekommt, sollte doppelt so gut essen, aber nicht doppelt so viel. Also doppelt so viel Obst und Gemüse, dafür nur noch halb so viel Schokolade."
Tatsächlich steigt der Energiebedarf einer schwangeren Frau nur unwesentlich: Ab der 16. Woche werden täglich 250 Kalorien mehr benötigt, das entspricht einer Scheibe Vollkornbrot mit Butter und Käse oder zwei kleinen Kugeln Schokoladeneis. Das Ungeborene braucht zum Wachsen nicht viel mehr, dafür aber ausgewogenes und gutes Essen mit hochwertigen Nährstoffen, dies fördert gleichzeitig die Entwicklung des Geschmackssinnes. "Bis auf den erhöhten Bedarf an Folsäure, die wichtig für die Zellbildung ist, lässt sich bei den meisten Frauen alles durch die Ernährung decken", sagt Edith Gätjen. Sie rät dazu, vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln einen Bluttest machen zu lassen, um festzustellen, ob überhaupt ein Mangel besteht. Denn wenn nicht, bekommt das Kind durch eine abwechslungsreiche Ernährung alles, was es benötigt. Das schmeckt nicht nur besser als eine teure Pille, sondern hinterlässt durch Säuren, Bitterstoffe und Aromen (beispielsweise Spargel, Knoblauch, Kräuter) auch seine Spuren im Fruchtwasser, lässt damit das Kind am genussvollen Essen teilhaben und stimuliert den Geschmackssinn.
Wer bisher eher unregelmäßig und unüberlegt gegessen hat, wird jetzt möglicherweise von seinem ungeborenen Kind eines Besseren belehrt. Über die Nabelschnur versorgt sich der Fötus nämlich rund um die Uhr vor allem mit Glukose. Schwangere Frauen geraten deshalb häufiger in Gefahr zu unterzuckern. Heißhungerattacken und Übelkeit sind die Folgen. Fünf über den Tag verteilte Mahlzeiten können helfen, außerdem zum Beispiel ein Joghurt kurz vor dem Einschlafen oder ein Zwieback gleich nach dem Aufwachen, um das Absinken des Blutzuckerspiegels über Nacht möglichst gering zu halten.
Die Vorliebe für Süßes ist genetisch festgelegt
Für die Theorie, dass ein Kind, dessen Mutter sich während der Schwangerschaft am liebsten von Kuchen ernährte, später auch ein großer Kuchenfreund wird, gibt es keinen Beweis. Es eint allerdings alle Säuglinge die genetisch angelegte Vorliebe für Süßes. Der Grund: Was süß ist, schmeckt nach vielen Kalorien und die benötigt das Baby zum Wachsen. Bitteres wird dagegen zunächst abgelehnt, vermutlich, weil der bittere Geschmack ein Indiz für etwas Giftiges sein könnte. Ob etwas salzig oder sauer schmeckt, kann der Geschmackssinn eines Säuglings noch nicht beurteilen. Das lernt jedes Kind erst mit der Zeit, so wie auch jedes sich – mit Hilfe seiner Eltern – seinen ganz eigenen Geschmack zulegt.





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