Stress ist Gift für den Körper. Wer ständig unter Strom steht, wird langfristig dem gesamten Organismus schaden. Auch die Hirnstruktur verändert sich. Die gute Nachricht: Meditation wirkt sich positiv auf die grauen Zellen aus.
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Jeder von uns kennt Situationen, in denen er unter totaler Anspannung steht. Der Chef drängelt, eine Klausur steht an, der Partner nervt. Beruflich wie privat kann sich Stress entwickeln. Der Körper reagiert bei extremen Einflüssen sofort. "Das hat evolutionsbedingte Ursachen", sagt der Neuropsychologe Dr. Christian Hoppe, von der Uniklinik in Bonn. "Droht Gefahr, steigt der Blutdruck, um die Muskeln zu versorgen, die Atmung wird schneller, damit die Lunge mehr Sauerstoff erhält, die Muskeln spannen sich an. Unser Organismus ist in solchen Situationen auf Kampf oder Flucht eingestellt", ergänzt Hoppe. Gesteuert werden die Prozesse durch das vegetative Nervensystem. Dieses regelt unsere Atmung, die Verdauung und den Stoffwechsel sowie unsere Organe. "Wir können es nicht bewusst steuern", ergänzt Hoppe, "es ist ein Automatismus, angetrieben durch das Hormon Adrenalin."
Andauernder Stress kann das Gehirn angreifen
Welche Anlässe wir jedoch als stressig oder unangenehm empfinden, ist individuell verschieden. Während für den Einen Zeitdruck im Job belastend ist, läuft der Andere unter solchen Bedingungen zur Höchstform auf. "Stress selbst ist eine physiologische Reaktion unseres Körpers", sagt Hoppe, hervorgerufen durch die Interaktion zwischen Umwelt und Körper. Wir sollen zur Höchstform auflaufen. Da der Körper aber in den seltensten Fällen mit Flucht reagiert, fehlt auf Dauer das Ventil, um den Druck abzulassen. "Dies versetzt uns in eine dauerhaft erhöhte Anspannung. Wir wollen hier raus, der Situation entkommen", so Hoppe. Die Folge: Unsere Konzentration fokussiert sich zunehmend auf mögliche Fluchtwege.
Auf Dauer macht ein solcher Zustand krank. Stress kann das Gehirn angreifen. Bei Dauerstress kann der erhöhte Cortisol-Spiegel zu Schädigungen im Hippocampus führen. Dort sterben Zellen ab. Forscher haben herausgefunden, dass bei andauernden Stresssituationen die Verbindungen zwischen den Nervenzellen verkümmern. Diese Verbindungen, in der Fachsprache Dendriten genannt, helfen den Nervenzellen, miteinander in Kontakt zu treten. Teile des Gehirns, die auch für die Gedächtnisleistung zuständig sind, schrumpfen sogar.
Meditation lässt Verbindungen zwischen Nervenzellen wachsen
Wenn sich Dauerstress also in unserem Gehirn bemerkbar macht, müsste im Umkehrschluss Entspannung ebenfalls Auswirkungen haben. Seit dem Jahr 2005 forscht die Arbeitsgruppe um Dr. Ulrich Ott vom Bender Institute of Neuro Imaging der Universität Gießen zu den Auswirkungen von Meditation auf die Hirnstruktur. Ott selber befasst sich schon wesentlich länger mit dieser Materie. Seit über zehn Jahren erforscht er veränderte Bewusstseinszustände in Zusammenhang mit Meditation. Ergebnisse eines Tests, die Dr. Britta Hölzel aus seinem Team veröffentlicht hat und die am Massachusetts General Hospital in Boston erhoben wurden, zeigten bei den Teilnehmern eines Kurses zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit eine Zunahme der Dichte grauer Substanz unter anderem im Hippocampus. Das Training enthält auch sanfte Yogaübungen. Meditation könnte also der Schlüssel gegen Stressauswirkung sein.
Das Gehirn von Menschen, die regelmäßig meditieren zeigt eine Veränderung. In der Studie praktizierten die Teilnehmer für acht Wochen sechs Tage die Woche spezielle Meditationsübungen. "Wir lernen immer, egal was wir tun. Auf diese Weise kommt es in unserem Gehirn zu einer synaptischen Umbildung, die Dendriten, die Verbindungen, zwischen den Nervenzellen wachsen. So kommt es vermehrt zu Nervenzellkontakten", weiß auch der Neuropsychologe aus Bonn. Auch Meditation sei eine Art Lernprozess.
Meditation für das Wohlgefühl und gegen Grübelei
"Meditation ist eine Situation erhöhter Wachheit und Achtsamkeit. Die Körperhaltung ist aufrecht, Wahrnehmung und Empfindung sind erhöht. Man nimmt Dinge wahr, die einem sonst entgehen", sagt Hoppe. Im Grunde genommen sei Meditation unspektakulär. Man versuche sich lediglich auf bestimmte Momente oder Zonen des Körpers zu konzentrieren, auf die Atmung oder die Körperhaltung. Trotzdem wird dies als Grund angesehen, warum sich die Synapsenzahl erhöht und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen dichter werden. Wache, entspannte Aktivität sei der Inbegriff des psychischen Wohlgefühls, das Heilmittel gegen Grübelei. "Meditation ist eine Aktivität, die wir als sehr angenehm empfinden", ergänzt der Neuropsychologe.
Während der entspannenden Meditation steigt in bestimmten Hirnregionen die Durchblutung an. Im Kernspintomografen lassen sich die Veränderungen nachvollziehen. Mithilfe des Gerätes wird die Durchblutung des Gehirns in bestimmten Situationen gemessen. Die Veränderungen spielen sich hauptsächlich im Großhirn ab. Dieser ist für die bewusste Wahrnehmung zuständig. Auch in Teilen des Stirnhirns wurden Veränderungen festgestellt. Dieses Hirngebiet wird als das oberste Kontrollzentrum des Gehirns angesehen, es ist mit den höheren Denkleistungen betraut. Hier werden die Signale aus der Umwelt mit bereits abgespeicherten Gedächtnisinhalten und emotionalen Bewertungen abgeglichen und Handlungsmöglichkeiten werden durchgespielt.
Verschiedene Formen der Meditation ausprobieren
Hirnveränderungen bei Lernprozessen werden heute intensiv erforscht, viele Einzelheiten seien noch unbekannt, schränkt Hoppe ein. So zum Beispiel auch die genaue Aktivität in den grauen Zellen während des Lernens. Auch bei Klavierspielern seien bestimmte Hirnbereiche stärker ausgebildet als bei anderen Menschen. Offenbar wirkt sich jedes intensive Training auf die Struktur bestimmter Hirnareale aus.
Hoppe selbst hat Erfahrungen mit Zazen und unterrichtet Taiji quan und Qigong. Die Forscherkollegen in Gießen arbeiten mit der Achtsamkeits-Meditation (Vipassana). Dabei konzentriert man sich unter anderem auf den eigenen Atem. Interessierte sollten verschiedene Formen der Meditation ausprobieren und herausfinden, welche Methode für sie die richtige ist.




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