Gleich am Eingang darf der Gast in die Schüssel steigen. Auf einem Baumwollläufer bei der Tür ruht das gewaltige Bronzegefäß, und wenn man diese Klangschalen mit dem Filzklöppel anschlägt, vibrieren Bein und Socken. Mancher spüre die Schwingung bis zum Hals, sagt Peter Hess. Wie hoch, das hänge von der persönlichen Resonanzfähigkeit ab.
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Wir sind im niedersächsischen Uenzen, einem kleinen Bauerndorf bei Bremen. Als Peter Hess hier vor einem Vierteljahrhundert mit seinen Experimenten begann, galten er und seine Mitstreiter in der Nachbarschaft als seltsame Sekte. Heute ist der 70-Jährige einer der wichtigen Arbeitgeber des Ortes. Rund ein Dutzend Mitarbeiter und die Familie arbeiten in dem mittelständischen Unternehmen, das Hess um seine Idee herum gebildet hat.
Klangschalen werden in Nepal und Nordindien geschmiedet
Die Idee, das ist die "Klangmassage". Der gebürtige Hesse gilt als ihr Erfinder, und eine wachsende Zahl stressgeplagter Menschen verlangt nach den wohltuenden Tönen jener Bronzegefäße, die er in Nordindien und Nepal fertigen lässt. Dort leben mehr als 150 Menschen von seinen Aufträgen, 20.000 Klangschalen, jede in Handarbeit rund getrieben, kommen jährlich in Uenzen an. Allein in Deutschland absolvieren etwa 1000 Klangbewegte jährlich die Ausbildung zum "Peter-Hess-Klangmassagepraktiker". Das Peter-Hess-Institut hat 16 Ableger in 14 Ländern, ein Versandhandel versorgt die Gemeinschaft mit Schüsseln, Liegen, Klöppeln, im Verlag erscheinen Bücher wie "Schwingung und Gesundheit".
Für Mitarbeiter zwei Klangmassagen pro Monat
Falls Peter Hess, ein beleibter, überaus herzlicher Charakter, es dadurch zu Reichtum gebracht hat, so lässt er sich das jedenfalls nicht ansehen. Er trägt Pullover mit hohem Gemütlichkeitsfaktor und läuft auf Socken durchs bescheidene, umgebaute Bauernhaus, Zentrale seines Klangschalen-Imperiums. Zum Besprechungsraum führt eine schmale Treppe unters Dach, wo auch Mitarbeiter eine Klangmassage bekommen. Vollzeitkräfte dürfen zweimal im Monat. Seit auch der Buchhalter daran teilnehme, laufen die Geschäfte besser, scherzt man im Hause Hess.
Wer sich ausstreckt, soll zur Ruhe kommen
Wer sich auf der Liege ausstreckt, soll zur Ruhe kommen. Klangmassage will keine Heilung bieten, sondern einen Weg zeigen, um "loszulassen und nicht mehr in Gedanken zu sein", formuliert Hess. Oberstes Prinzip der Behandlung: Achtsamkeit, für den Patienten, den Raum, den Klang, für sich selbst. Ein anderes heißt: Das Gesunde stärken. Problemregionen sind von der Behandlung mit Klangschalen ausgeschlossen. Mit den Füßen beginnend, stellt der Klangmassagepraktiker die ein bis zweieinhalb Kilo schweren Schalen auf verschiedene Körperregionen und schlägt sie sanft an. Vibrationen übertragen sich in den Körper, schwebende Klänge erfüllen den Raum. Manche bleiben minutenlang stehen, interferieren miteinander.
Behandlung für Intensivpatienten
Warum ein Ton, ein Klang so unmittelbar ins menschliche Gemüt dringt, gehört bis heute zu den ungelösten Fragen. Dass Geräusche und Herzrhythmen dem ungeborenen Kind im Mutterleib einen ersten Eindruck seiner Umwelt geben, kann als Anhaltspunkt dienen, aber viel tiefer dringt die Wissenschaft bisher nicht vor. Peter Hess investiert daher in Klangschalenforschung. In Polen beklangt man depressive Strafgefangene, in Wien Patienten einer Intensivstation. Münchener Kita-Kinder werden mit kurzen "Klang-Pausen" beruhigt, und bald soll es zertifizierte KliK-Klang-Kindergärten geben mit spezialisierten Räumen und Pädagogen. In Graz hat eine Zellbiologin sogar Kulturen in der Petrischale behandelt. Die Zellen, stellte sie fest, würden sich nach Beschallung stärker teilen.
Bild: Peter Hess im Entspannungsraum mit Klangschalen in seinem Haus bei Bremen. Foto chs
Experimente mit Wünschelruten
Hess ist Klosterschüler. Er wird erst Physikingenieur, dann Berufsschullehrer für Elektrotechnik in Bremen. Nach Krebserkrankungen von Frau und Bruder wächst Anfang der 80er Jahre das Bedürfnis, sein Leben zu verändern. "Physik ist Verstehen", sagt er heute, "aber das Emotionale, kommt oft zu kurz." Hess verlässt den festen Boden anerkannter Naturwissenschaft, experimentiert mit Wünschelruten, fängt in seltsamen Geräten Orgonenergie ein oder fotografiert elektrische Feldstärken der Fingerkuppen. In Nepal misst er Energiefelder von Kultstätten aus – und auch von Klangschalen. Hess kommt mit vedischer Heilkunst in Berührung und fernöstlicher Religion, die glaubt, dass der Mensch aus Klang entstanden ist. Die Mosaiksteine fügen sich schließlich zur Idee der Klangmassage zusammen.
Klangschalen waren in Nepal als Essgeschirr in Gebrauch
Soweit man weiß, waren die Schalen im Raum um Nepal als gewöhnliche Esstöpfe in Gebrauch, Suppenschüsseln sozusagen. Erst die Hippies entdeckte den Ton im Geschirr, das nicht mehr hergestellt wurde. Inzwischen sind historische Töpfe ausverkauft, aber die Schmieden wiederbelebt, um die Klangsehnsüchte des Westens zu bedienen. Viele Jahre habe es gedauert, bis die ersten neuen Klangschalen brauchbar waren, sagt Hess. Mit Legierungen wurde experimentiert, mit Herstellungs- und Polierverfahren.
Längst ist er nicht mehr der einzige Auftraggeber. Klangschalen sind ein Expansionsmarkt. Demnächst wird man die westliche Entspannungstechnik sogar im Ursprungsland der Schalen selbst kennen lernen. Auch in Nepal soll eine Peter-Hess-Akademie entstehen.






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