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Physiotherapie

Kinesio-Tape: Dem Schmerz eine kleben

| Von Barbara Dötsch

Bunte Bänder auf der Haut werden bei Rückenleiden, Entzündungen und sogar bei Migräne eingesetzt. Das Kinesio-Tape soll auf die Bindegewebshaut einwirken und den Muskeltonus verbessern

Die dänische Speerwerferin Christiana Scherwin setzt aufs Taping. Foto: pa/dpa

Infos

Kosten und Angebote

Erfinder Das Kinesio-Tape geht auf den japanischen Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase zurück. Er entwickelte in den siebziger Jahren erstmals ein Klebeband, das so elastisch wie die menschliche Haut ist, und die entsprechende Methode für die Behandlung von Schmerzen in Muskulatur und Gelenken. Bei der japanischen Volleyballmannschaft erzielte er in den 90er Jahren eine Leistungssteigerung.

Importeur Der holländische Fußballprofi Alfred Nijhuis, der für ein japanisches Team spielte, brachte das Kinesio-Tape nach Europa und überzeugte eine Reihe von Physiotherapeuten vor allem im Leistungssport-Bereich. Mit einer eigenen Firma baute er einen Vertrieb für die Spezial-Klebebänder auf.

Prinzip Die Bänder werden auf die erkrankten Regionen des Körpers geklebt. Das Kinesio-Tape soll schmerzende Muskeln, Gelenke und Nerven entlasten, den Lymphfluss anregen und Blockaden lösen. Im Gegensatz zu festen Verbänden werden die betroffenen Stellen nicht ruhig gestellt, sondern bleiben beweglich.

Farben Manche sprechen Farbe des Kinesio-Tape besondere Wirkung zu. Angeblich entzieht Blau die Energie, löst und beruhigt Verkrampfungen. Rot bzw. Pink soll Energie spenden und stimulieren etwa auf den Stoffwechsel wirken. Hautfarbene bzw. Bänder in Beige wirken neutral. Auch Grün soll Energie abgeben, aber weniger als Rot, und die Regeneration fördern. Gelb soll ausgleichend wirken und die Nerven stärken.

Kosten Das Taping wird von geschulten Ärzten, Physiotherapeuten, Heilpraktikern und Krankengymnasten angeboten. Die Kosten pro Behandlung richten sich nach den Beschwerden und damit nach der Anzahl der aufgebrachten Tapes. Nach der Gebührenordnung für Ärzte wird ein Kinesio-Tape mit 13,40 Euro angesetzt. Je nach Krankheitsbild verwendet Medi-Taping-Spezialist Dr. Dieter Sielmann pro Behandlung drei oder mehrere Tapes. Die Behandlungsdauer ist vom Einzelfall abhängig. Taping ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen, sondern muss in der Regel selbst bezahlt werden.

Adressen Therapeuten zum Medi-Taping im gesamten Bundesgebiet können erfragt werden bei: Schmerz & Tape GmbH, www.medi-tape.de, Tel. 04531/ 672 58, E-Mail info@schmerzundtape.de. Eine Therapeutenliste zum K-Taping gibt es unter www.k-taping.eu/de, zum Dolo-Taping unter www.dolo-tape.de, zum Aku-Taping unter www.akutaping.de

Für die Behandlung seiner Schmerzpatienten benutzt Dr. Dieter Sielmann keine Medikamente. Die Qualen durch Bandscheibenvorfälle, Meniskusverletzungen, Entzündungen in Schulter oder Ellenbogen, Fersensporn, Muskelabrisse, Nerveinklemmungen, Verschleißerscheinungen in den Knien und sogar Migräne klebt der Landarzt aus Bad Oldesloe einfach weg: mit roten, blauen, grünen und gelben Bändern, die massierend auf die Muskelketten wirken. Sichtbar wird die in Japan entwickelte Taping-Methode vor allem bei Profi-Sportlern, wenn das farbige Kinesio-Tape an Beinen, Armen und Rücken unterm T-Shirt hervorschauen.

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Das Taping wirkt auf die Bindegewebshaut. Dadurch verbessert sich der Muskeltonus, der Schmerznerv wird irritiert und damit die Weiterleitung des Impulses gehindert, so dass eine sofortige Linderung eintritt. Das Kinesio-Tape ist atmungsaktiv und kann über Tage oder sogar Wochen selbst beim Duschen und Schwimmen auf der Haut bleiben. So gibt das Band eine dauernde, sanfte Massage auf die Muskeln ab, fördert die Durchblutung und den Lymphabfluss.

Rückenschmerzen nach Behandlung mit Kinesio-Tape verschwunden

Wie Taping funktioniert, hat Sielmann zunächst am eigenen Leib erfahren. Im Juli 2001 wurde ich von massivsten Rückenschmerzen geplagt. Nach erfolgloser Selbstbehandlung über Tage und Wochen konnte mir ein orthopädischer Facharzt leider auch nicht helfen. Erst als ich von einem Physiotherapeuten mit einem elastischen Kinesio-Tape behandelt wurde, waren nach wenigen Sekunden meine Rückenschmerzen wie weggeblasen, erzählt der Landarzt. Ich verstand zwar diese schnelle Wirkung nicht, aber es faszinierte mich so sehr, dass ich den Grund für diese wahnsinnige Wirkung wissen wollte.

Wettbewerb der Taping-Therapien

Wie andere Therapeuten auch hat Sielmann das ursprüngliche Verfahren weiterentwickelt und seine Methode als Medi-Taping schützen lassen. Schließlich herrscht in der Kinesio-Tape-Branche reger Wettbewerb. Ebenfalls aus Norddeutschland kommt das Dolo-Taping, eine niederländische Firma wirbt für ihr Medical Taping Concept, und auch Aku-Taping und K-Taping sind im Angebot und bieten Fortbildungskurse für Heilkundler an.

Sielmann hat ebenfalls nach eigener Aussage ein paar Tausend Therapeuten geschult. In seinem neuen, zweiten Lehrbuch Medi-Taping. Schmerzfrei durch den Alltag beschreibt er, wie die Klebebänder auch einfach selbst angelegt werden können. Das tun längst auch Sportler und deren Trainer ohne ärztliche Hilfe. Schließlich muss man auch bei falsch gesetzten Tapes keine Angst vor Nebenwirkungen haben. Sielmann setzt das Taping bei fast jeder Art von Schmerzen ein, denn deren Ursache sieht er häufig in Fehlhaltungen. Bei Hüftproblemen zum Beispiel könne er durch Taping die Schieflage korrigieren und schmerzende Verspannungen lösen. Bei einer Sehnenscheidenentzündung würde ein Kinesio-Tape die überlastete Muskelgruppen des Unterarms entlasten, bis sich das Gewebe regeneriert und sich die Muskelspannung normalisiert hat. Selbst Schmerzen bei Arthrose können, so behauptet Sielmann, durch die massierende Wirkung und die Fehlstellungen korrigierenden Klebebänder gelindert werden. Gegen Menstruationsbeschwerden, die meistens von Muskelkrämpfen der Gebärmutter herrühren, klebt der Arzt Tapes auf dem Unterleib.

Schmerzen werden oft durch Muskelprobleme ausgelöst

Das Kinesio-Tape funktioniere, weil sie die eigentliche Ursache des Schmerzes angehe, sagt Sielmann. 99 Prozent aller Schmerzpatienten haben ein statisches, also ein muskuläres Problem. Nicht ein Gelenk sei schuld, sondern ein Schiefstand. So mache er eine Tänzerin mit Schulter- und Rückentapes fit, und ein Mädchen, das nach der dritten Hüft-OP noch immer an Schmerzen litt, verdiene sich inzwischen mit Kellnern ihr Jura-Studium.

Am Anfang dachte ich, dass sich diese Therapie rasend schnell ausbreiten würde, sagt Sielmann. Doch nicht nur ärztliche Kollegen, auch Patienten reagierten voreingenommen. Einer der Gründe ist sicherlich, dass es viele Therapien gibt, die viel versprechen, es aber nicht halten. Die Patienten, die von den orthopädischen Kollegen mit Spritzen oder sonstigen Therapien erfolglos behandelt wurden, trauen dem Kinesio-Tape nicht, weil die Therapie zu einfach erscheint.

Studie soll die Wirkung des Kinesio-Tapes nachweisen

Um die Wirkung von Taping wissenschaftlich nachzuweisen, hat Landarzt Sielmann  eine Studie mit 130 Patienten begonnen. Am besten überzeugt die Therapie am eigenen Leib, wie etwa bei Dr. Fred Villbrandt. Der Leiter der Abteilung für Physikalische und Rehabilitative Medizin am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin konnte nach einem Zusammenstoß mit seinem Schreibtisch nur noch über seine Stationen humpeln. Kollegen waren überzeugt, dass er mit dem handtellergroßen Bluterguss am Bein sicher sechs Wochen zu tun haben werde. Einer von ihnen aber legte ihm ein Kinesio-Tape an. Der Schmerz habe in Sekunden nachgelassen. Schon zwei Tage später  ging ich auf eine Radtour, erinnert sich Villbrandt.

Seitdem hat der Arzt den Kinesiologischen Tape-Verband fest in die Angebots-Palette seiner Abteilung eingebunden, die pro Jahr immerhin 50.000 stationäre und 25.000 ambulante Behandlungen erbringt. Obwohl die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung nicht übernehmen, wird in Villbrandts Abteilung pro Woche bis zu 50 Mal getaped. Die Patienten sehen den Erfolg, und dann ist es für sie auch kein Problem, selbst zu zahlen.

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Quellen

Gespräch mit Dr. Dieter Sielmann, Facharzt für Allgemeinarzt, Bad Oldesloe, Feb. 2009
Gespräch mit Dr. Fred Villbrandt, Ltg. Physikalische und Rehabilitative Medizin, Martin-Luther-Krankenhaus, Berlin, Feb. 2009

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