Muskeln werden im Körper durch elektrische Impulse aktiviert. Was könnte also näher liegen, als mit ein bisschen Energie aus der Steckdose die Spannung des eigenen Bizepses zu erhöhen? EMS-Training heißt die neue Fitness-Welle. Doch wer setzt sich schon freiwillig selbst unter Strom?
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EMS – die Abkürzung steht für Elektro-Myo(Muskel)-Stimulation. Niederfrequenter Reizstrom aktiviert die Muskeln für ein Ganzkörpertraining. Im Gegensatz zum herkömmlichen Training werden beim EMS-Training "Agonist" und "Antagonist" – Beuger und Strecker – sowie tief liegende Muskelgruppen stimuliert. Einzelne Muskeln und Muskelgruppen können auch individuell angesteuert werden. Wer beim EMS-Training mitmacht, sieht schon bei der ersten Probestunde aus wie ein Action-Held; Funktions-Shirt und -Hose sind sehr eng und meist schwarz, darüber zieht man eine straffe Weste, um die Arme und Beine kommen Manschetten mit Kabeln. Letztere werden mit dem Gerät verbunden, mit dem der Trainer die Spannung steuert.
Über großflächige Elektroden an Weste und Manschetten wird der Impuls an den Muskel geleitet. Bei den Geräten der ersten Generationen musste für die Leitfähigkeit noch die Kleidung komplett nass gemacht werden, und der Strom fuhr dem Sportler ziemlich heftig in die Glieder. Das ist beim EMS-Training heute anders: Geradezu sanft beugt die Spannung den Bizeps, stählt das Gesäß und härtet den Bauch. Der Reiz dauert wenige Sekunden. Genauso kurz ist die Pause vor der nächsten Runde. Bei aller Hilfestellung: Schwitzen muss man auch bei EMS-Training noch selber, denn anstrengend ist es schon.
Auch tiefer gelegene Muskeln werden angeregt
Schon 2002 bestätigten der damalige Akademische Direktor Wend-Uwe Boeckh-Behrens und seine Kollegen an der Universität Bayreuth das "zeitsparende und effektive Ganzkörpertraining", das auf "innovative Weise" durch EMS ermöglicht wird, wie auch die erfolgte "Linderung von Inkontinenz- und Rückenbeschwerden". Weitere Studien, unter anderem durch die Universität Erlangen-Nürnberg und der Deutschen Sporthochschule Köln belegten die Effektivität von EMS-Training.
Das Verfahren wird in Physiotherapie, Medizin und Leistungssport bereits seit Jahrzehnten eingesetzt. Und längst gibt es auch die Geräte für den Hausgebrauch, die damit werben, dem geneigten Verwender beispielsweise beim Bügeln gleichzeitig den Bauch zu glätten. Erst die Kombination von moderner Technologie und ausgeklügelter Anwendung machte EMS-Training aber breitensporttauglich.
660 unterschiedliche Muskeln angesprochen
"Seit gut vier Jahren steigt die Beliebtheit des EMS-Trainings rapide an", sagt Martin Lieb, Vorsitzender des Bundesverbandes Personal Training (BPT) in Hamburg. "Muskelfasern kann man sich vorstellen wie Spaghetti in einer Packung. Mit normalem Training erreicht man eine Handvoll der Fasern, mit EMS-Training ganze 90 Prozent." Dabei werden auch solche der insgesamt rund 660 unterschiedlichen Muskeln angesprochen, die man selbst nicht willkürlich steuern kann und die daher mit normalem Sport kaum zu trainieren sind. Das neuartige Training verbessert die Haltung, stabilisiert den Körper, erreicht auch Trainings-Stiefkinder wie die Beckenbodenmuskeln und belastet die Gelenke nicht zusätzlich; der Stoffwechsel wird aktiviert und damit auch die Gewichts- und Fettreduktion angeregt.
Die Wirkung von EMS-Training in den tiefer gelegenen Strukturen und die damit einhergehende Stärkung des ganzen Körpers hat auch Sabine Braunegger überzeugt. Die Betriebs- und Volkswirtschaftlerin hat selber einst in einer Bank gearbeitet, bis Rückenschmerzen und allgemeine Belastung zu groß wurden. Sie stieg aus, studierte Personal Training in Neuseeland, kam zurück und gehörte zu den ersten, die EMS-Studios eröffneten. Heute leitet sie als Franchise-Nehmerin drei Studios im Raum Frankfurt. Regelmäßig lässt sie sich selbst im Funktions-Outfit verkabeln: "EMS-Training ist die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau des Fitnesstrainings." Es sei funktionell und sehr effizient. "Je nach angestrebtem sportlichem Erfolg reichen ein oder zwei Trainingseinheiten à 20 Minuten pro Woche."
Gibt es denn aber gar nichts, was gegen Training aus der Steckdose spricht? Studiobetreiberin Braunegger ist überzeugt: "Nein. In vier Jahren hatte ich auch erst einmal einen Kunden, der den Strom unangenehm fand. Alle anderen waren nach dem ersten Ausprobieren sofort begeistert."




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