Welche Wirkung eine Atemtherapie haben kann, zeigt sich in der persönlichen Praxis. Die Atemtherapeutin und Heilpraktikerin Veronika Langguth arbeitet seit 35 Jahren damit und beschreibt den Erfahrbaren Atem als einen "Weg der Persönlichkeitsentwicklung". Menschen, die die Angst vor dem Neuen nicht bremse und die das ausprobierten, lebten viel mehr im eigenen Körper und hätten ein größeres Empfindungsbewusstsein. Eine aufrechtere Haltung bei Rückenproblemen, Linderung von Bandscheibenbeschwerden, bessere Beweglichkeit nach einem Schlaganfall, schwindende Migräne – das seien Beispiele für eine erfolgreiche Anwendung der Atemtherapie. "Sie hilft auch frischen Nichtrauchern und bei der Ernährungsumstellung nach einer Diät, weil eine solche Weise des Atmens Wohlgefühl verschafft und vom Rauchen und Essen ablenkt", sagt Langguth.
Der Nutzen der Atemtherapie ist wissenschaftlich noch nicht untersucht worden. Das allerdings dürfte auch recht schwer sein bei einer Sache, die man eben nur erfahren kann. "Wir lernen im Leben ja vor allem durch Erfahrung", sagt Veronika Langguth. "Oder würde es helfen, seinem Kind zu sagen, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Herdplatte heiß ist?"
Atmung geschieht meist unbewusst
Ungefähr 25 000 Mal atmet der erwachsene Mensch am Tag. Manchmal tief, ruhig und langsam, gelegentlich flach und hechelnd, auch gehetzt und gepresst nach Luft schnappend bringt er den lebenswichtigen Sauerstoff ins Blut. Aber fast nie merkt er etwas davon. Denn die alltägliche Atmung geschieht meist unbewusst. Selbst dann, wenn wir bei Gefahr, Stress, Angst und starken Emotionen reflexartig schneller atmen, damit kurzzeitig die Muskelspannung erhöhen und die Schmerzempfindlichkeit senken. Mithilfe der Atemtherapie aber kann man lernen, seine alltägliche Atmung besser wahrzunehmen.
Jeder Mensch besitzt seinen eigenen, ganz spezifischen Atemrhythmus. Der Künstler etwa, dem vor Lampenfieber zeitweise schlicht die Luft wegbleibt oder der Willensmensch, der den Atem hart hereinzieht und hinausstößt. "So wie man lebt, so atmet man", sagt Langguth. "Aber ein falsches Atmen gibt es deshalb nicht." Damit der Mensch mit Hilfe des Atmens für ausreichend Widerstandskraft, persönliche Ressourcen und Schutzfaktoren gegen diverse Leiden sorgen kann, damit sich die Heilkraft des Atems entfaltet, müsse er seine individuell beste Atemweise finden. "Man kann durch die Atemtherapie im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, wie man günstiger, besser, optimaler und ökonomischer atmet", sagt Veronika Langguth.
Atemtherapie: Spüren, was der Körper braucht
Diese therapeutische Methode des "Erfahrbaren Atems", in den 40er-Jahren von Prof. Ilse Middendorf entwickelt, basiert – anders als bewusst, oft von anderen Personen gesteuerte Techniken (tief, häufig, kräftig) – auf der eigenen Wahrnehmung. Das bedeutet, ein gewisses Vertrauen zu sich und zum Beispiel seinen Organen aufzubauen, quasi einen "Dialog" mit sich zu führen. Langguth: "Der Körper sagt mir, was er braucht und was mir gut tut. Man entwickelt ein neues Gespür für den Organismus, indem man den Atem einfach kommen lässt." Wichtigste Voraussetzung bei der Atemtherapie: Der Übende muss den Atem zulassen. Wie man das üben kann, hat die Therapeutin an einigen Beispielen veranschaulicht (siehe Infokasten). Dabei kommt es nicht auf eine vorgeschriebene Quantität, sondern die ganz eigene Qualität des Atmens an. "Ein Fingerhut voll kann genügen", notierte einst Prof. Middendorf.





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