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Entspannung

Atemtherapie: Den eigenen Rhythmus finden

| Von Torsten Wendlandt

Dass das Atmen lebensnotwendig ist, steht außer Frage. Doch mit der Atemtherapie kann man lernen, seinen eigenen Rhythmus zu finden, bewusst den Körper zu spüren und so die Persönlichkeit zu entwickeln

Kleine Übungen helfen, den Atem auch im Alltag zu spüren und so besser zu entspannen Foto: pa

Atem-Übungen

Infos

Veronika Langguth empfiehlt Übungen für den Alltag. Lassen Sie dabei den Atem immer gut fließen:

Wirbelsäule Stehen Sie in Beckenbreite mit lockeren Knien. Senken Sie den Kopf und rollen ganz allmählich Ihre Wirbelsäule ab. Lassen Sie Kopf und Arme hängen, bis Sie sich vom Kreuzbein her locker "aushängen" können. Dehnen Sie dann einige Male abwechselnd einen Arm nach vorn bis in die Fingerkuppen (als würden Sie nach etwas greifen) und lösen die Dehnung mit einem geflüsterten "Hu". Nun "Wirbel für Wirbel" wieder aufrichten. Mit geschlossenen Augen der Wirkung nachspüren.

Fußkreis Stehen Sie ohne Schuhe in Beckenbreite und bewegen Sie sich mit den äußeren Rändern beider Füße in kreisenden Bewegungen. Gehen Sie sehr hoch auf Ihre Ballen. Lassen Sie es ruhig zu, die Balance zu verlieren. Nehmen Sie mehr Wärme in den Füßen und einen besseren Bodenkontakt wahr? Regelmäßiges Üben macht Sie gelassener.

Mitte Sitzen Sie gut aufgerichtet (also weder im Hohlkreuz noch mit rundem Rücken). Nun legen Sie eine Hand auf Ihre Körpermitte (zwischen Nabel und Brustbein) und die andere Hand mit dem Handrücken auf den Rückenbereich gegenüber. Beobachten Sie Einatem, Ausatem und Atemruhe, ohne etwas zu forcieren. Tauschen Sie gelegentlich die Position beider Hände. Vielleicht empfinden Sie eine ganz besondere Art von Wohligkeit, wenn Sie sich zwischen den Händen spüren. Dieser "Mittezustand" bleibt Ihnen nach einigem Üben auch im Verlauf eines Gesprächs erhalten.

Welche Wirkung eine Atemtherapie haben kann, zeigt sich in der persönlichen Praxis. Die Atemtherapeutin und Heilpraktikerin Veronika Langguth arbeitet seit 35 Jahren damit und beschreibt den Erfahrbaren Atem als einen "Weg der Persönlichkeitsentwicklung". Menschen, die die Angst vor dem Neuen nicht bremse und die das ausprobierten, lebten viel mehr im eigenen Körper und hätten ein größeres Empfindungsbewusstsein. Eine aufrechtere Haltung bei Rückenproblemen, Linderung von Bandscheibenbeschwerden, bessere Beweglichkeit nach einem Schlaganfall, schwindende Migräne – das seien Beispiele für eine erfolgreiche Anwendung der Atemtherapie. "Sie hilft auch frischen Nichtrauchern und bei der Ernährungsumstellung nach einer Diät, weil eine solche Weise des Atmens Wohlgefühl verschafft und vom Rauchen und Essen ablenkt", sagt Langguth.

Der Nutzen der Atemtherapie ist wissenschaftlich noch nicht untersucht worden. Das allerdings dürfte auch recht schwer sein bei einer Sache, die man eben nur erfahren kann. "Wir lernen im Leben ja vor allem durch Erfahrung", sagt Veronika Langguth. "Oder würde es helfen, seinem Kind zu sagen, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Herdplatte heiß ist?"

Atmung geschieht meist unbewusst

Ungefähr 25 000 Mal atmet der erwachsene Mensch am Tag. Manchmal tief, ruhig und langsam, gelegentlich flach und hechelnd, auch gehetzt und gepresst nach Luft schnappend bringt er den lebenswichtigen Sauerstoff ins Blut. Aber fast nie merkt er etwas davon. Denn die alltägliche Atmung geschieht meist unbewusst. Selbst dann, wenn wir bei Gefahr, Stress, Angst und starken Emotionen reflexartig schneller atmen, damit kurzzeitig die Muskelspannung erhöhen und die Schmerzempfindlichkeit senken. Mithilfe der Atemtherapie aber kann man lernen, seine alltägliche Atmung besser wahrzunehmen.

Jeder Mensch besitzt seinen eigenen, ganz spezifischen Atemrhythmus. Der Künstler etwa, dem vor Lampenfieber zeitweise schlicht die Luft wegbleibt oder der Willensmensch, der den Atem hart hereinzieht und hinausstößt. "So wie man lebt, so atmet man", sagt Langguth. "Aber ein falsches Atmen gibt es deshalb nicht." Damit der Mensch mit Hilfe des Atmens für ausreichend Widerstandskraft, persönliche Ressourcen und Schutzfaktoren gegen diverse Leiden sorgen kann, damit sich die Heilkraft des Atems entfaltet, müsse er seine individuell beste Atemweise finden. "Man kann durch die Atemtherapie im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, wie man günstiger, besser, optimaler und ökonomischer atmet", sagt Veronika Langguth.

Atemtherapie: Spüren, was der Körper braucht

Diese therapeutische Methode des "Erfahrbaren Atems", in den 40er-Jahren von Prof. Ilse Middendorf entwickelt, basiert – anders als bewusst, oft von anderen Personen gesteuerte Techniken (tief, häufig, kräftig) – auf der eigenen Wahrnehmung. Das bedeutet, ein gewisses Vertrauen zu sich und zum Beispiel seinen Organen aufzubauen, quasi einen "Dialog" mit sich zu führen. Langguth: "Der Körper sagt mir, was er braucht und was mir gut tut. Man entwickelt ein neues Gespür für den Organismus, indem man den Atem einfach kommen lässt." Wichtigste Voraussetzung bei der Atemtherapie: Der Übende muss den Atem zulassen. Wie man das üben kann, hat die Therapeutin an einigen Beispielen veranschaulicht (siehe Infokasten). Dabei kommt es nicht auf eine vorgeschriebene Quantität, sondern die ganz eigene Qualität des Atmens an. "Ein Fingerhut voll kann genügen", notierte einst Prof. Middendorf.

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Quellen

Gespräch mit Veronika Langguth, Atemtherapeutin und Heilpraktikerin, Berlin, Sept. 2011
Ilse Middendorf: Der erfahrbare Atem - eine Atemlehre, Junfermann, 2007

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