Sie sind Zutat für schmackhafte Gerichte und gesund – wenn Verstrahlung ausgeschlossen ist. Körbeweise werden Pfifferlinge aus dem osteuropäischen Ausland auf dem heimischen Markt angeboten. Weil die wilden Pilze aus Ländern wie Ukraine, Weißrussland und Russland stammen, drängt sich Konsumenten die Frage nach einer möglichen radioaktiven Belastung auf.
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Denn auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl, seinerzeit Sowjetunion, heute Ukraine, wird die Verstrahlung mit Cäsium-137 in Teilen Europas gemessen. Der radioaktiv verseuchte Niederschlag nach dem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall, hatte auch Deutschland erreicht. Pilze waren teils extrem hoch belastet. Wo der Fallout niederging, sind Böden noch radioaktiv verunreinigt. Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 ließ die Angst vor Verstrahlung von Lebensmitteln aus dem asiatischen Land wachsen.
Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro Kilo
Pilze, die eingeführt werden, müssen zertifiziert sein. Bei Kontrollen sind bislang keine Überschreitungen des Grenzwerts festgestellt worden, den die Europäische Union für Pilz-Ware aus dem Ausland eingeführt hat. So die Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel (Bq) pro Kilogramm Frischware. Kritiker halten dies für zu hoch. So plädiert das Umweltinstitut München dafür, den Wert bei 30 bis 40 Bq festzusetzen. Außerdem seien Kontrollen nicht lückenlos, bemängeln die Umweltschützer.
Verzehr von Wildpilzen in Maßen angeraten
Bild: Mit dem Regen gelangte radioaktiver Fallout aus Tschernobyl auch in Teilen Deutschlands in den Waldboden, wo Stoffe wie Cäsium-137 lange im natürlichen Kreislauf, an dem Pilze maßgeblichen Anteil haben, verbleiben. Grafik: Henriette Anders
Um auf der sicheren Seite zu sein, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Pilze nur in Maßen zu verzehren. In Zahlen heißt der Rat der Experten: Nicht mehr als 200 bis 250 Gramm wilde Pilze pro Woche zu essen. Dies ist bezogen auf die befristete Saison für Pilze im Spätsommer und Herbst.
Kinder, Schwangere und Stillende sollten die Mengen noch deutlich unterschreiten. "Niemand muss wegen des Radioaktivitätsgehalts selbst gesammelter Speisepilze mit negativen gesundheitlichen Folgen rechnen, wenn diese in üblichen Mengen verzehrt werden. Allerdings können Sie mit nur einer Mahlzeit höher kontaminierter Speisepilze mehr Cäsium-137 aufnehmen als mit Lebensmitteln aus landwirtschaftlicher Produktion während eines ganzen Jahres", erläutert BfS-Experte Martin Steiner die Position des Bundesamts.
Im Schnitt nimmt jeder Deutsche pro Jahr nur 100 Bq Cäsium-137 durch Nahrungsmittel aus landwirtschaftlicher Produktion auf. "Welche zusätzliche Strahlenexposition durch den Verzehr selbst gesammelter Pilze als akzeptabel betrachtet wird, ist letztlich eine persönliche Entscheidung", sagt Steiner.
Besonders Maronenröhrlinge nehmen Cäsium auf
Die Mengenempfehlung betrifft bestimmte Pilze, die Sammler in heimischen Wäldern abdrehen beziehungsweise abschneiden. So ist der Maronenröhrling, einer der verbreiteten wilden Pilze, am stärksten mit Cäsium-137 belastet. Selbst in Gebieten, wo der Fallout nach Tschernobyl nicht sehr hoch war, ist der Maronenröhrling verglichen mit Steinpilz oder Pfifferling wesentlich höher kontaminiert. Gelegentlich kann bei diesem "Cäsiumsammler" ein einzelner Wert nach oben über 600 Bq/kg ausschlagen.
Wie bedrohlich wäre dies? "Der gelegentliche Genuss von Pilzen mit Cäsiumgehalten oberhalb dieses Wertes ist nicht gleichzusetzen mit einer Gesundheitsgefahr", sagt Michael Hahn vom Referat Strahlenschutz des brandenburgischen Landesamts für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuordnung.
Langsamer Kreislauf von Werden und Vergehen im Wald
Die Menge Pilze, die man essen müsste, um die Strahlenexposition gravierend zu erhöhen, wäre gigantisch. Das Landesamt rechnet beispielhaft vor: Äße ein Pilzsammler insgesamt zehn Kilo Maronenröhrlinge, bei denen 2008 mit 950 Bq/kg die höchste Menge Cäsium-137 gefunden wurde, so wäre die Belastung 9500 Bq. In diesem düsteren Szenario läge die zusätzliche Strahlendosis im Bereich von rund fünf Prozent zusätzlich zur natürlichen Strahlendosis, der jeder Deutsche im Durchschnitt jährlich ausgesetzt ist.
Aus diesen Werten eines Worst-case-Szenarios, das wegen der angenommenen großen Verzehrsmenge unrealistisch sein dürfte, folgert das brandenburgische Agrarministerium: "Somit ist es im Grunde übertrieben, von einer Strahlen-?Belastung' durch diese Pilze zu reden."
Landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Gemüse, Obst sowie Futtermittel für Tiere sind von Tschernobyl kaum noch betroffen. Denn das Cäsium ist in tieferen Schichten der Böden weitgehend gebunden. Anders die Lage in Wäldern. In dem besonderen Ökosystem wird der Kreislauf von Werden und Vergehen deutlich. Was einmal über dem Wald niederging, in Form von Regen oder Staub, verbleibt darin. Da Wälder nicht bearbeitet werden, lagert auch der radioaktive Fallout in den oberen Schichten und wandert nur sehr langsam tiefer. Der Mensch wird Teil dieses Kreislaufs, wenn er Pilze verspeist oder auch Wild, das wiederum Pilze, Beeren und Pflanzen im Wald frisst.
Bestimmte Gebiete in Bayern vor allem betroffen
Das Wurzelgeflecht des Maronenröhrlings steckt im oberen Humus und nimmt dort Cäsium auf. Das Besondere am Ökosystem Wald: Anders als auf Wiesen und Äckern wird Cäsium nicht durch Erosion oder Versickern abgebaut oder aus den oberen Schichten entfernt. Im Wald bleiben die Stoffe an Ort und Stelle, durch Pilze – Myzel und Fruchtfleisch – wird Cäsium wieder nach oben in die Humus-Schicht transportiert. Da Cäsium eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat, also nach dieser langen Frist erst zur Hälfte an Strahlung verloren hat, bleibt die Last noch auf Jahre in Wäldern. Allerdings in sehr unterschiedlich hohen Dosen.
Daher werden im stark betroffenen Bayern kontinuierlich Proben genommen und gegebenenfalls mahnende Hinweise an die Sammler der Pilze gegeben. In bayerischen Wäldern liegen die Werte teils noch über 600 Bq/kg, in den anderen Teilen Deutschlands meist deutlich darunter. In Bayern war der Fallout 1986 sehr hoch, damals wurden Werte von bis zu 100.000 Bq pro Quadratmeter Waldboden gemessen. In Nord- und Mitteldeutschland hingegen war der Regen nach dem GAU geringer, so dass Pilze deutlich weniger belastet sind als in Regionen zwischen Oberbayern und Bayrischem Wald.
Lage des Pilzgeflechts ist entscheidend
Allgemeingültige Aussagen über die weitere Entwicklung lassen sich nach Einschätzung des Bundesamts für Strahlenschutz nicht treffen. "Entscheidend für die zukünftige Entwicklung der radioaktiven Kontamination von Speisepilzen ist die Lage des Pilzgeflechts – Myzel – im Waldboden, das Tiefenprofil von Cäsium-137 im Waldboden und die langsame Verlagerung von Cäsium-137 in tiefere Bodenschichten", sagt BfS-Experte Steiner. Der Cäsiumgehalt einer Pilzart könne in einer Waldregion daher auch stark schwanken.





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