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Kann man nach dem Verfallsdatum Medikamente nutzen?

Von Heike Stüvel (19. April 2012)

Alte Arzneimittel kann man auch direkt in der Apotheke abliefern. Foto: pa/ZB

Viele Patienten nehmen im Notfall auch abgelaufene Medikamente ein. Nicht alle Arzneimittel sind nach Ablauf des angegebenen Haltbarkeitsdatums unwirksam

Nicht alle Arzneimittel sind gleich nach dem Ablaufdatum unwirksam. Stechende Kopfschmerzen, Kratzen im Hals oder Probleme mit dem Darm: Wie gut, dass es den Medizinschrank gibt. Halb ausgedrückte Tablettenstreifen in einer schmuddeligen Medikamentenschachtel schrecken zunächst einmal ab. Aber die Hoffnung auf Linderung der Beschwerden vertreibt sämtliche Bedenken: Die Pille wird heruntergespült. Bei einer Umfrage der Europa Apotheek Venlo gaben 40 Prozent von 2500 Befragten an, dass sie häufig oder zumindest im Notfall abgelaufene Medikamente einnehmen.

Ob der Hustensaft oder die Kopfschmerztablette noch brauchbar sind, kann man meist nicht sehen. Deshalb ist es gesetzlich vorgegeben, dass auf jeder Arzneimittelverpackung das Verfallsdatum stehen muss. "Nach Ablauf dieses Datums sind rechtliche Bestimmungen zum Schutz des Patienten nicht mehr gültig", sagt Hartmut Alsfasser, Pressesprecher von Bayer Consumer Care. "Der Hersteller übernimmt dann keine Haftung mehr."
Vom ersten Tag bis zu dem festgesetzten Verfallsdatum müssen Wirkung und Verträglichkeit 100-prozentig gewährleistet sein. "Die Hersteller geben meist eine kürzere Haltbarkeit an, um sicher zu gehen", sagt Alsfasser. "Sie können ja nicht wissen, ob das Medikament im Haushalt richtig gelagert wird."

Amerikanische Studie bescheinigt lange Haltbarkeit

Doch ist die Einnahme von Medikamenten nach dem Verfallsdatum wirklich gefährlich? "Bei zu lange gelagerten Medikamenten kann es nach Ablauf des Verfallsdatums zu einer verminderten Wirkung kommen oder es bilden sich schädliche Abbauprodukte", sagt Dr. Ursula Sellerberg, stellvertretende Pressesprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). "Arzneimittel sollten deshalb nach Ablauf des Verfallsdatums nicht mehr verwendet werden."

Eine Langzeitstudie der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) im Auftrag des Verteidigungsministeriums ergab allerdings: Mit Ausnahme weniger Arzneimittel – darunter in erster Linie Insulin, einige Antibiotika und nitroglycerinhaltige Mittel für Herzpatienten – verlieren Medikamente sogar bis zu 15 Jahre nach ihrem offiziellen Verfallsdatum weder Wirksamkeit noch Verträglichkeit.

Verfallsdatum für Medikamente nach fünf Jahren

Nahezu alle Medikamente, die in den USA verkauft werden, tragen ein Haltbarkeitsdatum von maximal einem Jahr, in Deutschland sind es in der Regel fünf Jahre. Bisher gilt die Vorschrift, dass Hersteller nur gewährleisten müssen, dass die Arzneimittel am Ende der Haltbarkeitsperiode noch voll funktionstüchtig sind. Eine Auflage, ihre maximale Lebensdauer auszutesten, gibt es nicht. "Doch die meisten Medikamente werden nur sehr langsam schlecht. Man kann sie mit größter Wahrscheinlichkeit viele Jahre zu Hause aufbewahren, vor allem im Kühlschrank", erklären die Experten der Europa Apotheek Venlo.

Rund zehn Prozent aller Medikamente wandern auf den Müll

Bei festen Medikamenten dauert es unter Umständen Jahre, bis ein bedenklicher Wert erreicht ist. Wenn flüssige Arzneimittel Verfärbungen oder Trübungen zeigen, sollten sie nicht mehr verwendet werden. Kopfschmerztabletten können sich zersetzen, Gelkapseln schrumpfen ein, Salben werden ranzig. Vor allem Antibiotika bilden Abbauprodukte, die unerwünschte Wirkungen hervorrufen können.

Schreiben Sie sich immer das Datum auf die Packung, an dem Sie das Arzneimittel zum ersten Mal genommen haben. Damit fällt die Kontrolle leichter. "Besonders vorsichtig sollte man mit Augentropfen und –salben umgehen: Sie sollten, einmal angebrochen, nicht länger als vier Wochen verwendet werden", sagt Dr. Susanne Holthausen, Ärztin bei der Techniker Krankenkasse, "da dies zu unangenehmen Infektionen der Augen führen kann."

150 Millionen Packungen landen auf dem Müll

Experten schätzen, dass rund zehn Prozent der Arzneimittel in den Müll wandern – rund 150 Millionen Packungen jedes Jahr. Flüssige Medikamentenreste werden in 43 Prozent der deutschen Haushalte zumindest manchmal in die Toilette oder Spüle geschüttet. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main.

Anscheinend ist vielen Verbrauchern nicht klar, dass Medikamente in der Kläranlage oft nicht vollständig abgefangen oder abgebaut werden. So landen die Chemikalien in Flüssen und Seen, wo sie sich in Sedimenten absetzen und ins Grundwasser sickern. Bereits Spuren von Medikamenten können für Fische und andere Wasserorganismen sowie für Bodenbewohner schädlich sein.

Nach Verfallsdatum Medikamente in den Apotheken entsorgen

"Abgelaufene Arzneimittel gehören in den Müll und sollten über die Apotheken entsorgt werden", mahnt Apothekerin Sellerberg. Diesen Service bieten alle Apotheken an. Das ist sicherer, als die Medizin einfach nur in den Hausmüll zu werfen. Spielende Kinder könnten die bunten Kapseln und mit Zucker überzogenen Dragees mit Bonbons verwechseln. Medikamente sind der häufigste Grund für Vergiftungen im Kindesalter.

Ideal wäre es, Medikamentenreste zu Sondermüllstellen zu bringen. Doch diese Möglichkeit wird lediglich von drei Prozent der Haushalte genutzt. 66 Prozent der Haushalte nutzen zumindest manchmal die Möglichkeit, ihre Altmedikamente bei einer Apotheke abzugeben. Noch immer eine Angewohnheit, die in vielen Ländern weit verbreitet ist: Arzneimittel stehen im Schränkchen im Badezimmer. "Es ist der schlechteste Ort in der Wohnung", sagt Ursula Sellerberg. Denn im Bad ist es mal warm, dann wieder kalt. Es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Dadurch wird die Haltbarkeit von Medikamenten herabgesetzt, sie können im Extremfall sogar giftig werden.

Infos: Wann die Arznei entsorgt werden sollte

Tabletten oder Dragees haben eine ungleichmäßige Färbung, dunkle Flecken und Risse.

Salben und Cremes sind eingetrocknet, oder Bestandteile separieren sich, auch ein ranziger Geruch ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Arzneimittel entsorgt werden muss.

Flüssigkeiten bilden Flocken oder Bodenablagerungen.

Zäpfchen haben glitzernde, kristalline Auflagerungen

Quellen

Gespräch mit Hartmut Alsfasser, Bayer Consumer Care, Okt. 2008
Gespräch mit Dr. Ursula Sellerberg, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Berlin, Okt. 2008
Gespräch mit Dr. Susanne Holthausen, Ärztin, Techniker Krankenkasse, Okt. 2008
Umfrage des Instituts für sozial-ökonomische Forschung (ISOE), Frankfurt/M., 11/2006


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