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Sehtest für Autofahrer

Von Stella Cornelius-Koch (23. November 2014)

Sehtest für junge und alte Autofahrer in kürzeren Abständen sinnvoll? Foto: Getty Images/Nick Dolding

Sehtest für Autofahrer ist nur einmal vorgeschrieben. Augenärzte meinen, nachlassende Sehkraft werde oft nicht bemerkt, Unfälle seien die Folge. Soll Sehtest wiederholt werden?

"Wo kommt denn der Radfahrer plötzlich her?" Dies hat Monika E. oft gedacht, wenn sie hinter dem Steuer saß. Auf die Idee, dass solche brenzligen Situationen im Straßenverkehr mit ihrem schlechten Sehvermögen zusammenhängen könnten, ist die 43-Jährige nie gekommen. "Ich dachte tatsächlich, es sei diesig draußen oder ich wäre einfach unkonzentriert."

Das war bis vor drei Jahren so, als sich die Lektorin und Dozentin aus der Nähe Hamburgs einem Sehtest beim Augenoptiker unterzog. Dort rät man ihr, dringend zum Augenarzt zu gehen. Dieser stellt fest, dass ihre Sehkraft auf einem Auge nur noch 60 Prozent beträgt und zu ihrer langjährigen Weitsichtigkeit noch eine Kurzsichtigkeit hinzugekommen ist. "Inzwischen weiß ich, dass ich nicht genug sehe. Daher trage ich beim Autofahren zukünftig eine Gleitsichtbrille."

Unfälle und Sehschwäche

So wie Monika E. unterschätzen viele Autofahrer ihr Sehvermögen. Doch das kann Folgen haben: Wie hoch der Anteil der Unfälle ist, die sich aufgrund von mangelndem Sehvermögen ereignen, ist zwar in der Verkehrsunfallstatistik nicht erfasst. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Zahl mindestens in der Größenordnung der Unfälle liegt, die sich unter Alkoholeinfluss ereignen, also rund 14.000 Unfälle mit Personenschaden jährlich. Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e. V. (BVA) geht von einer hohen Dunkelziffer aus und schätzt, dass jährlich insgesamt rund 300.000 von allen Verkehrsunfällen auf schlechtes Sehen zurückzuführen sind.

Besonders kritisch ist das Fahren in der dunklen Jahreszeit. Das betrifft auch Menschen, die tagsüber den vollen Durchblick haben. So beträgt die Kontrastsehschärfe – das Dämmerungssehen – nachts nur noch 20 bis 30 Prozent der Tagessehschärfe. Das bedeutet: Ein Hindernis, das man bei Helligkeit noch in 100 Metern gut erkennt, wird nachts erst in einer Entfernung von 25 Metern wahrgenommen. Auch die Blendempfindlichkeit entscheidet darüber, ob Fahrten bei Dunkelheit zur Tortur werden oder nicht.

Eine Nachtblindheit ist meist nicht der Grund für Sehprobleme bei Dunkelheit. "Hierbei handelt es sich um eine Erkrankung der Stäbchen, die äußerst selten ist", erklärt Augenarzt Dr. Georg Eckert aus Senden. Häufigste Ursache ist vielmehr eine unterkorrigierte Sehschwäche, z. B. eine Kurzsichtigkeit.

Auch altersbedingte Augenerkrankungen, wie der Graue Star (Katarakt), der Grüne Star (Glaukom), eine altersbedingte Makuladegeneration (AMD) oder eine Alterssichtigkeit (Presbyopie) können eine Rolle spielen. "Da sich diese Erkrankungen langsam entwickeln, merkt der Betroffene nichts davon oder erst dann, wenn der erste Unfall geschehen ist", warnt Professor Bernhard Lachenmayr, Vorsitzender der Verkehrskommission der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).

Sehtest nur für die Führerscheinprüfung

Wer in Deutschland einen Pkw fahren möchte, muss sich beim Erwerb des Führerscheins Klasse B einmalig einem Sehtest unterziehen. Dieser ist bestanden, wenn die zentrale Tagessehschärfe mit oder ohne Sehhilfen mindestens 0,7 (70 Prozent) beträgt. "Danach wird das Sehvermögen des Autofahrers ohne besonderen Anlass nicht wieder überprüft", sagt Lachenmayr. "Das ist ein untragbarer Zustand in Anbetracht der Tatsache, dass sich zahlreiche Sehfehler erst schleichend in der zweiten Lebenshälfte entwickeln."

Der Berufsverband der Augenärzte empfiehlt daher allen aktiven Verkehrsteilnehmern, sich alle fünf Jahre, ab dem 45. Lebensjahr alle zwei Jahre und ab dem 60. Lebensjahr jährlich untersuchen zu lassen. "Im Zweifelsfall sollte man lieber öfter zum Augenarzt gehen, weil man mittlerweile viel mehr Augenkrankheiten im Frühstadium nicht nur erkennen, sondern auch behandeln kann", so Dr. Eckert. Lesen Sie dazu auch das Interview: Die Sehkraft verändert sich schleichend

Augencheck für Autofahrer

Augenärzte bieten zudem einen speziellen Augencheck für Autofahrer an. Er überprüft neben der Sehschärfe alle für den Straßenverkehr wichtigen Sehfunktionen wie Gesichtsfeld, Dämmerungssehen, Kontrastwahrnehmung, Blendempfindlichkeit und Farbsehen. Wermutstropfen: Der Test ist eine sogenannte Selbstzahlerleistung (IGeL) und kostet ca. 60 bis 80 Euro.

Tipps für besseren Durchblick

  • Passen Sie die Geschwindigkeit Ihrem Sehvermögen und der Witterung an.
  • Wenn Sie sich unsicher fühlen, lassen Sie lieber jemand anderen ans Steuer.
  • Vor Fahrtantritt die Frontscheibe und Scheibenwischer reinigen, da Schlieren und Schmutz die Sicht verzerren und unangenehme Blendungen verursachen können.
  • Abgenutzte Wischerblätter austauschen.
  • Schauen Sie nie direkt in die Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge, weil dies die Nervenzellen im Auge überreizt.
  • Besser: Auf den rechten Fahrbahnrand blicken.
  • Fahren Sie bei Nacht niemals mit getönter Brille. Damit tun sich die Augen noch schwerer und erkennen gar keinen Kontrast mehr.
  • Wählen Sie eine Brille mit schmaler Fassung und dünnen hoch angesetzten Bügeln, die das seitliche Blickfeld nicht einengen.
  • Entspiegelte Gläser verhindern störende Lichtreflexe.

Studie: Auge und Alkohol

Wer beim nächtlichen Autofahren den Durchblick behalten möchte, sollte auf Alkohol am besten ganz verzichten. Das empfiehlt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Hintergrund ist eine Studie der Universität Granada in Spanien.

Die dortigen Augenärzte testeten Kontrastsehen und Blendempfindlichkeit von 67 Probanden vor und nach dem Verzehr unterschiedlicher Mengen Rotwein. Alle Teilnehmer schnitten nach Alkoholkonsum im Sehtest deutlich schlechter ab.

Schuld daran sei das im Alkohol enthaltene Ethanol. Es löse die äußere, leicht fettige Schicht des Tränenfilms auf, der das Auge bedeckt. Dadurch verdunsten die wässrigen Bestandteile der Tränenflüssigkeit. In der Folge erkenne der Fahrer Kontraste schlechter und reagiere empfindlicher auf Licht.

Der Effekt zeige sich verstärkt ab einer Blutalkoholkonzentration von 0,5 Promille. Aber auch Probanden, deren Werte darunter lagen, sahen Kontraste schlechter und nahmen vermehrt Lichtschleier wahr. 

Lesen Sie auch im GESUND-Magazin: Kann man Sehkraft zurückgewinnen?

 

Meinung: Freiwillige Einsicht

Manfred Pantförder

Von Manfred Pantförder

Je nach Blickwinkel gibt es unterschiedliche Vorschläge, die alle zum Ziel haben, die Zahl der Verkehrsunfälle zu senken. Die Augen und damit die Sehfähigkeit regelmäßig zu überprüfen, ist nur einer davon. Ein weiterer sind Gesundheitschecks für ältere Autofahrer. Ein sogenannter Senioren-Tüv, der immer wieder in der Debatte ist, könnte nicht nur die Sehkraft, sondern auch Reaktionsfähigkeit, Beweglichkeit sowie Erkrankungen wie Herzschwäche, Demenz oder Diabetes mit einbeziehen. Das ist jedoch ein weites, ein unsicheres Feld.

Allen Vorschlägen ist eines gemein: Die Umsetzung wäre heikel, weil sie die Selbstbestimmung der Betroffenen massiv einschränkte. Daher sind alle Ansätze auch von politischer Seite auf die lange Bank geschoben worden. Aus nachvollziehbaren Gründen also. Denn wo soll die Grenze gezogen werden zwischen tauglichen und untauglichen Autofahrern? Und durch wen? Kann solch ein Eingriff objektiv und transparent sein?

Die Einsicht in mögliche eigene Unzulänglichkeit kann nur behutsam gefördert werden. Dazu könnten Sehtests auf freiwilliger Basis und unter Wahrung der Verschwiegenheit sicher eher beitragen. Wenn dabei allerdings die Kosten für Seh- und andere Gesundheitstests aus eigener Tasche zu zahlen sein werden, wird die Beteiligung sich mutmaßlich auf jene Autofahrer beschränken, die ohnehin verantwortungsbewusst sind. Eine umfassende freiwillige Selbstkontrolle dürfte außerdem nur funktionieren, wenn die Angst um den Führerschein kein Thema ist.


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Quellen

Gespräch mit Prof. Bernhard Lachenmayr, Vorsitzender der Verkehrskommission der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), Nov. 2014
Gespräch mit Dr. med. Georg Eckert, Augenarzt, Senden, Nov. 2014
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e. V. (BVA)
Castro, J., Pozo, AM. u.a.: Retinal-Image Quality and Night Vision Performance after Alcohol Consumption, in: Journal of Ophthalmology, 2014, doi:10.1155/2014/704823


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