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Rat und Service

Pille danach wird rezeptfrei

Von Christian Seel (9. Januar 2015)

Wenn bei der Verhütung etwas schief gegangen ist, kann die Pille danach helfen. Foto: pa/dpa

Die Pille danach wird künftig ohne Rezept verkauft, hat die EU-Kommission beschlossen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Notfallverhütung mit der Pille danach.

Die Pille danach wird nach dem Willen der EU-Kommission europaweit rezeptfrei zu haben sein. Frauen können mit der Einnahme auch bis zu fünf Tage nach einem Geschlechtsverkehr eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Der Beschluss muss in Deutschland allerdings noch in der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) umgesetzt werden. Offiziell gilt die Entscheidung aus Brüssel nur für den neueren Wirkstoff Ulipristalazetat (Handelsname "ellaOne"). Das Gesundheitsministerium hat allerdings bereits signalisiert, die Regelung auch für Levonorgestrel (Markenname "PiDaNa" und andere) zu übernehmen. Apotheken sollen dann die betroffenen Frauen vor der Abgabe der Pille danach eingegehend beraten.

Nach dem Skandal um zwei katholische Kliniken in Köln, die im Januar 2013 eine vergewaltigte Frau abwiesen, weil sie nicht die Pille danach verschreiben wollte, war die Diskussion neu entbrannt. In den meisten Ländern ist sie seit langem frei verkäuflich, in Deutschland gibt es bislang beide Präparate nur auf Rezept.

Einmalig eingenommen verhindert die Pille danach den Eisprung der Frau – eine Art Notbremse für die ungewollte Schwangerschaft. Die Gynäkologin Dr. Blanka Kothé verfasste als Ärztin am Vivantes Humboldt Klinikum Berlin einen Wegweiser mit den wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema. Sie empfiehlt darin den Frauen, das Medikament als Notfallpräparat bereitzuhalten, falls mit Kondom oder Diaphragma etwas schief gegangen ist. Mit Verhütungspannen müsse immer gerechnet werden, sagt sie.

Die meisten nehmen sie einmal und nicht wieder

Nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 2000 deutschen Frauen haben sieben Prozent zwischen 16 und 49 Jahren Erfahrungen mit der Pille danach. Die meisten nehmen sie einmal und nicht wieder, nur jede Hundertste hat sie mehrfach verwendet.
Anlass für den Einsatz war in mehr als einem Drittel der Fälle eine fehlende Verhütung, bei fast genau so vielen war es zu einem Missgeschick beim Kondom-Gebrauch gekommen.

Pille danach hemmt der Eisprung

Bei der Diskussion, ob die Pille danach rezeptfrei erhältlich sein sollte, stehen ethische Motive im Vordergrund. Kritiker halten es für nicht ausgeschlossen, dass die Wirkstoffe  nicht nur Eisprung und damit die Möglichkeit einer Befruchtung verhindern, sondern auch die Einnistung der befruchteten Zelle in der Gebärmutter hemmen, was einen Schwangerschaftsabbruch bedeuten würde. Eine These, die laut Dr. Kothé durch diverse Studien widerlegt ist.

Befürworter eines rezeptfreien Verkaufs weisen im Gegenteil darauf hin, dass mit der Pille danach indirekt Schwangerschaftsabbrüche verhindert würden, weil es gar nicht erst zu einer Schwangerschaft komme. Gravierende Nebenwirkungen, die eine Rezeptpflicht begründen, konnten weder die Experten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), noch die Weltgesundheitsorganisation WHO feststellen.

Kein Einfluss auf Sexualverhalten

Eine andere Befürchtung lautet, die Pille danach führe zu häufigen Partnerwechseln. Auch das lässt sich zumindest durch die BZgA-Umfrage nicht bestätigen: Fast vier Fünftel der befragten Nutzerinnen lebten in einer festen Beziehung. In anderen Ländern mit rezeptfreiem Verkauf oder sogar Verteilung an Schulen sei es nicht zu einem Wandel des Sexualverhaltens gekommen, berichtet Dr. Kothé, mittlerweile Oberärztin an der Frauenklinik des Sana Klinikums Berlin-Lichtenberg.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Pille danach:

  • Wie sicher ist die Pille danach?
    Bei der Einnahme innerhalb von 24 Stunden nach dem Verkehr reduziert die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel laut Pro Familia die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit um 90 Prozent, am dritten Tag (48 bis 72 Stunden) nur noch um 60 Prozent. Das Medikament sollte deshalb so schnell wie möglich genommen werden. Bei Ulipristalazetat wird davon ausgegangen, dass die Wirkung über 120 Stunden gleich bleibt. Genauere Daten gibt es  noch nicht, aber Hinweise darauf, dass dieser Wirkstoff bei schwereren Frauen über 75 Kilogramm etwas besser wirkt.
  • Wie lange hält die Wirkung an?
    Das sogenannte Wirkdauerfenster liegt bei fünf Tagen. Bei erneutem Verkehr schützt die Pille aber nicht vor einer Schwangerschaft. Die Wirkung hängt stark vom Zyklus der Frau ab, der meist nicht genau dokumentiert wird. Insofern ist es sicherer, die Pille danach zu jedem Zeitpunkt des Zyklus bei Unsicherheiten anzuwenden.
  • Welche Pille ist besser?
    Nach Ansicht der Experten vom Fachdienst Arznei-Telegramm sollten betroffene Frauen eher Levonorgestrel nehmen wegen des "hohen Erprobungsgrades für die Notfallverhütung". Ulipristalazetat käme als Medikament dann infrage, wenn der Geschlechtsverkehr bereits länger als 72 Stunden her ist. Nicht zuletzt ist Levonorgestrel auch nur halb so teuer wie das länger wirksame Mittel (ca. 16 bis 18 Euro für Levonorgestrel, . ca. 35 Euro für Ulipristalazetat).
  • Taugt diese Pille als reguläres Verhütungsmittel?
    Nein, dafür wird sie nicht empfohlen. Sie ist weniger sicher, weniger verträglich und auch teurer als andere Methoden.
  • Welche Nebenwirkungen gibt es?
    Häufigste Nebenwirkung ist vorübergehende Übelkeit bei jeder zehnten Patientin. Seltener: Kopfschmerzen, Schwindel und Brustspannen. Die Periode kann sich etwas verschieben. Schwere Nebenwirkungen sind nicht bekannt.
  • Darf die Pille danach mehrfach angewendet werden?
    Die Einnahme beispielsweise in zwei aufeinanderfolgenden Zyklen gilt als medizinisch unbedenklich. Es kann allerdings zu Zyklusstörungen kommen.
  • Kann man mit der Pille danach eine Schwangerschaft abbrechen?
    Nein, wenn die Eizelle bereits befruchtet ist, bleibt die Einnahme wirkungslos. Eine bestehende Schwangerschaft wird nicht gestört oder geschädigt.
  • Wie bekommt man die Pille?
    Bis die Befreiung von der Rezeptpflicht in Deutschland umgesetzt ist, dürften noch einige Wochen vergehen. Bis dahin  muss man sich am Wochenende an den ärztlichen Notdienst oder die Gynäkologie eines Krankenhauses wenden. Eine Untersuchung ist nicht nötig. Ansonsten kann jeder Arzt das Rezept ausstellen. Die Pille danach ist keine Kassenleistung, sondern selbst zu bezahlen.
     

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Quellen

Gespräch mit Dr. Blanka Kothé, Gynäkologin Vivantes Humboldt Klinikum Berlin, Okt. 2008
"frauen leben - Lebensläufe und Familienplanung", Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 2000 deutschen Frauen, 2004
Mitteilung der EU-Kommission vom 7.1.2015
blitz-a-t vom 8. Jan. 2015


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