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Rat und Service

Kranke Kinder – Stress im Job

Von Barbara Bückmann (13. Februar 2012)

An einer begrenzten Anzahl Tagen können berufstätige Eltern zu Hause bei ihrem kranken Kind bleiben. Foto: pa/Bildagentur online

Berufstätige Eltern haben das Recht, für die Betreuung kranker Kinder zu Hause zu bleiben. Viele Eltern trauen sich nicht, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Montag morgen um acht Uhr marschierte Elsa (7) noch fröhlich in die Schule, um halb vier fällt der Mutter im Hort ein kreidebleiches Kind entgegen. "Mama, Kopfschmerzen." Zu Hause muss sie spucken, das Fieberthermometer zeigt 38,5 Grad, abends beginnt sie zu husten. Am nächsten Tag geht es ihr noch schlechter. Das Kind ist krank, was tun, wenn beide Eltern arbeiten? Berufstätige Eltern haben das Recht, für die Betreuung kranker Kinder zu Hause zu bleiben. Doch jede Firma legt das anders aus. Viele Eltern trauen sich nicht, ihre Ansprüche geltend zu machen, in der Arbeitswelt ist das "kranke Kind" eher tabu.

Die gesetzlichen Regelungen sind klar: Steht nichts anderes im Arbeitsvertrag gilt der § 616 BGB. Danach hat der Arbeitnehmer das Recht auf Freistellung bei vollem Lohnausgleich, wenn er aus Gründen, die in seiner Person liegen, die er aber nicht verschuldet hat, nicht zum Dienst erscheinen kann. Darunter fällt neben Umzug oder Beerdigung naher Angehöriger auch der Fall, dass kranke Kinder zu pflegen sind. In der Regel werden hierfür höchstens fünf Tag eingeräumt.

Kasse zahlt für kranke Kinder zehn Tage im Jahr

Manche Arbeitsverträge schließen diese Klausel aus. Dann greift der § 45 SGB V. Danach haben Eltern eines kranken Kindes pro Kalenderjahr Anspruch auf zehn Tage unbezahlte Freistellung vom Arbeitsplatz, wenn das Kind unter zwölf Jahre alt ist, am ersten Tag ein Attest des Arztes vorliegt – der sogenannte "blaue Schein" – und keine andere im Haushalt lebende Person die Pflege übernehmen kann.

Für den entgangenen Arbeitslohn springt die Krankenkasse ein. Sie zahlt Kinderpflege-Krankengeld in der Höhe des üblichen Krankengeldes, im Schnitt 75 Prozent des Nettolohnes. Voraussetzung: Der betreuende Elternteil und das Kind sind gesetzlich krankenversichert. Müssen kranke Kinder wegen eines Unfalls betreut werden, der im Kindergarten, in der Schule, im Hort oder auf dem Schulweg passiert ist, zahlt die Unfallkasse das Krankengeld.

Die fünf bezahlten und zehn unbezahlten Pflegetage für das Kind lassen sich nicht addieren, das heißt, insgesamt besteht nur der Anspruch auf zehn freie Tage im Kalenderjahr. Bei zwei Kindern darf die Mutter 20 "Kinderkrankentage" im Jahr beantragen, sind drei kranke Kinder zu betreuen, ist die Höchstgrenze von 25 Tagen erreicht. Hat die Mutter ihre Tage ausgeschöpft, aber das Kind liegt immer noch im Bett, kann der Vater einspringen – so er gesetzlich krankenversichert ist. Für ihn gelten die gleichen Sätze: 10, 20 und 25 Tage.

Rund zehn Prozent der Väter sitzen am Krankenbett statt im Büro

Der Anteil der Männer, die kranke Kinder betreuen, lag laut einer DAK-Statistik im Vorjahr bei etwas über zehn Prozent, Tendenz steigend. Kinderkrankentage darf übrigens auch der im Haushalt lebende Stiefvater beantragen, auch der leibliche Vater, wenn er getrennt von der Mutter lebt. Ein neuer Partner, der im Haushalt der Mutter wohnt, hat keinen Anspruch auf Kinderkrankentage, erläutert Reinhild Haacker von der DAK.

Möchte die Mutter über die zehn Tage hinaus noch weiter für das kranke Kind sorgen, kann sie sich die zehn Pflege-Tage vom Vater übertragen lassen – wenn der Arbeitgeber einverstanden ist. Einen Anspruch hierauf gibt es nicht, betont DAK-Frau Haacker. Die Mutter beantragt das Kinderpflege-Krankengeld für die zehn Tage erneut bei ihrer Krankenkasse, die sich die Summe dann von der Kasse des Vaters erstatten lässt.

Geschiedene gelten bei geteilter Betreuung nicht als alleinerziehend

Für Alleinerziehende gelten die doppelten Zeit-Sätze, sie dürften also 20, 40 oder 50 Tage im Jahr bei ihren kranken Kindern zu Hause bleiben – im Rahmen der unbezahlten Freistellung. Alleinerziehend zu sein setzt voraus, dass im Haushalt niemand lebt, der an der Betreuung der Kinder beteiligt ist. Getrennte oder geschiedene Eltern, die kranke Kinder je zur Hälfte betreuen, gelten nicht als alleinerziehend. Privatversicherte haben keinen Anspruch auf von der Krankenversicherung bezahlte Kinderkrankentage. Es gibt allerdings Tarife, die das als zusätzliche Leistung im Rahmen der Krankenvollversicherung anbieten. Für Beamte gelten spezielle Regelungen.

Nicht alle Arbeitgeber akzeptieren Kinderkrankentage

Jüngere Kinder sind alle naslang krank, bis zu zehn Infekte im Jahr gelten als normal, heißt es bei Eltern.de. Doch nach wie vor versuchen einige Eltern, die Betreuungstage für kranke Kinder zu umschiffen, teilweise wohl auch, um die Gehaltseinbuße zu vermeiden. Da werden Gleittage genommen, Überstunden abgebummelt oder Oma, Babysitter oder Freundin eingespannt.

Ärztin Silke Gernert (32) hat festgestellt: "Kranke Kinder sind für arbeitende Eltern der größte Stressfaktor. Manche bedrängen den Kinderarzt, sie zügig gesund zu machen." Dazu kommt: Die Gesetzeslage ist nicht in allen Unternehmen bekannt. Susanne Frey (44), selbst Mutter, ist Personalchefin und Controllerin bei einem mittelständischen Ingenieurbüro. Fehltage für kranke Kinder wurden dort stets vom Arbeitszeitkonto der Angestellten abgezogen. Das hatte sie von ihrer Vorgängerin übernommen. Bis sie ein Kollege darauf hinwies, dass das nicht rechtens sei. Sie beriet sich mit der Firmenanwältin. Seitdem bietet das Unternehmen fünf bezahlte freie Tage aus besonderen Gründen an, eben auch für die Pflege kranker Kinder. Danach kann jeder selbst entscheiden, ob er weitere freie Tage über das Arbeitszeitkonto ausgleicht oder Geld bei der Krankenkasse beantragt.

Selbst große Konzerne wie z. B. Bayer HealthCare in Berlin gehen nicht zwingend großzügig mit dem Thema "Kranke Kinder" um. Garantiert sind zwei bezahlte Fehltage, sagt Sprecherin Ulrike Schröder. Weitere Tage müssen anders abgegolten werden: Abzug vom Arbeitszeitkonto, Verlegung der Arbeitszeit, Urlaub. Die unbezahlte Freistellung nach § 45 gilt bei der Pharma-Firma als "ultima ratio", als allerletzte Möglichkeit. Dabei zählt Bayer HealthCare zu den 3000 Mitgliedern des vom Familienministerium mitinitiierten Unternehmensnetzwerkes "Erfolgsfaktor Familie".

Anspruch gilt nur für kranke Kinder bis zwölf Jahren

Bei einem anderen Groß-Unternehmen in Berlin wurde einem Vater, der Kinderkrankentage beantragen wollte, in der Personalabteilung geraten: "Melden Sie sich selber krank, dann haben wir nicht so einen Aufwand mit der Buchhaltung." Zumal das Attest bei der Krankmeldung eines Erwachsenen meist erst am dritten Tag eingereicht werden muss.

"Wir brauchen eine Arbeitswelt, in der das Nehmen von Kinderkrankentagen selbstverständlich ist", meint Frauke Greven vom Verband berufstätiger Mütter, der sich für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie engagiert. "Unsere Aufgabe ist es, Mütter und Väter in ihren Rechten zu stärken und darauf hinzuweisen, dass es die blauen Scheine gibt", so Greven, die selbst Kinder hat. Mit blau machen hat das nichts zu tun. Nach ihrer Erfahrung versuchen die meisten Eltern aus Solidarität und Pflichtbewusstsein die Zahl der Fehltage für kranke Kinder so gering wie möglich zu halten.

Das Dilemma zwischen Job und Kinderkrankheit lässt sich nur auflösen, wenn man alle Betroffenen einbindet, meint Greven. Ihr Tipp: Mit den Kollegen sprechen, wer kann was übernehmen, könnte man das Angebot abends zu Hause schreiben, anderes später nacharbeiten? "Die meisten haben doch Familie, und wenn es nicht kranke Kinder sind, die gepflegt werden müssen, dann vielleicht die Eltern." Ein Problem bleibt: Der Anspruch auf Freistellung und Krankengeld gilt nur für Kinder bis zwölf Jahren.

Infos: Hilfe im Notfall

Betreuung Es gibt Notdienste, die einen Kinderbetreuungsservice anbieten. Mit Adressen weiterhelfen können die regionalen Geschäftsstellen des Deutschen Kinderschutzbundes (www.dksb.de). In Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main gibt es den Notmütterdienst (info@notmuetterdienst.org) und in München die Aktion "Zu Hause gesund werden" (Tel. 089 290 44 78)

Kosten In München beispielsweise liegt der Tarif bei 5,20 € pro Stunde plus Fahrtkosten. Der Betreuungsdienst wird in der Regel für ein bis drei Tage in Anspruch genommen, aber auch längerfristige Vereinbarungen sind möglich. In sozialen Notfällen kann hier finanzielle Unterstützung vom Jugendamt gewährt werden.

Haushaltshilfe In Sonder-Situationen wird auch eine Haushaltshilfe beziehungsweise Kinderbetreuung von der Krankenkasse finanziert (§ 38 SGB V), das ist aber nur möglich, wenn zum Beispiel die Mutter ins Krankenhaus muss und der Vater nicht aus dem Job kann.


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Quellen

DAK-Statistik 2010
Gespräch mit Reinhild Haacker, Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK), Hamburg, Feb. 2012
Gespräch mit Susanne Frey, Personalchefin, Berlin, Feb. 2012
Gespräch mit Silke Gernert, Ärztin, Berlin, Feb. 2012
Gespräch mit Ulrike Schröder, Bayer HealthCare, Berlin, Feb. 2012
Gespräch mit Frauke Greven, Verband berufstätiger Mütter, Feb. 2012






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