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Hörgeräte-Preise: Welchen Zuschuss die Kassen geben

Von Christian Seel (17. April 2014)

Eine halbe Million Menschen in Deutschland braucht jährlich ein neues Hörgerät. Foto: Getty/UIG

Betroffene zahlen oft für Hörgeräte Preise von mehreren tausend Euro. Nun haben die Krankenkassen eingelenkt und erstatten höherwertige Geräte. Was welche Kasse zahlt.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben zum 1. November 2013 ihren Zuschuss für Hörgeräte erheblich erhöht. Der Festbetrag stieg von 421,28 Euro auf 784,94 Euro pro Gerät. Die regelmäßige Wartung ist darin nicht mehr inklusive, sondern wird von den Kassen extra vergütet. Damit verdoppeln sich die Leistungen für Menschen mit Hörbehinderungen. Dieser Schritt sei "für die angemessene Versorgung Schwerhöriger notwendig", sagt Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, in dem alle gesetzlichen Kassen organisiert sind. Betroffene können nun darauf hoffen, bessere Hörgeräte zu bekommen, ohne die Preise durch eigene Zuzahlungen ausgleichen zu müssen. Ganz freiwillig ist dieser Schritt der Kassen nicht. Das Bundessozialgericht hat sie dazu bereits 2009 in einem wegweisenden Urteil gedrängt.

Die meisten zahlen aus eigener Tasche zu

Bislang zahlten die allemeisten schwerhörigen Patienten einen großen Anteil der Hörgeräte-Preise aus eigener Tasche - im Schnitt 1600 Euro, wie Betroffenenverbände ermittelten. Für technisch hochwertige Hörgeräte werden nicht selten Preise von mehreren tausend Euro pro Seite fällig. Ob wirklich die meisten Schwerhörigen solche High-Tech-Technik brauchen und sich hohe Zuzahlungen lohnen, ist allerdings umstritten  (siehe  GESUND-Beitrag "Wie teuer müssen Hörgeräte sein?"). In den günstigen Modellen steckt oft die gleiche Technik wie in hochpreisigen Geräten, nur dass einige besondere Feature nicht aktiviert sind. Ob die Hörgeräte gut funktionieren, hängt ohnehin weniger von den Preisen, sondern zum großen Teil von den Fähigkeiten des Hörgeräteakustikers bei der Anpassung ab (siehe GESUND-Beitrag "Hörgeräte oft nutzlos").

Da auch der neue Festbetrag nur eine Obergrenze markiert, bleiben die tatsächlichen Kosten pro Gerät für die Kassen deutlich darunter. Sie werden oft auch mit einzelnen Herstellern verhandelt. Bei einer Standardversorgung mit zwei Geräten beispielsweise wird der volle Betrag ohnehin nur für eine Hörhilfe bezahlt, für die zweite gilt ein Abschlag von rund 20 Prozent. Durch den erhöhten Festbetrag rechnet der GKV-Spitzenverband mit jährlichen Mehrkosten für alle 134 gesetzlichen Krankenkassen von einer Milliarde Euro. Pro Jahr würden rund eine halbe Million Versicherter ein neues Hörgerät bekommen. Der Entscheidung vorausgegangen sind laut GKV-Spitzenverband umfangreiche Marktanalysen und intensive Gespräche mit Herstellern und Betroffenen.

Sehr viele bislang unversorgte Schwerhörigen nehmen das offenbar zum Anlass, sich erstmals ein Hörgerät zuzulegen. Von einer erheblich gestiegenen Nachfrage sprechen Krankenkassen, HNO-Ärzte und Akustiker. Um 30 Prozent legten die Ausgaben für Hörgeräte zum Beispiel bei den AOK schon im letzten Quartal 2013 zu, als die Neuregelung in Kraft trat. 2014 dürften sie sich nahezu verdoppeln, schätzt AOK-Bundesverbandssprecher Dr. Kai Behrens.

Höhere Anforderungen an die Hörgeräte-Technik

Zugleich sind auch die Anforderungen an erstattungsfähige Hörgeräte strenger geworden. Als technischen Mindeststandard verlangen die Krankenkassen ein Gerät mit Digitaltechnik, dass mindestens vier getrennt regelbare Frequenzbereiche besitzt. Es muss außerdem Rückkopplungen ("Pfeifen") sowie Störgeräusche unterdrücken können und über mindestens drei Programme für verschiedene akustische Situationen verfügen.

Ohrenärzte sehen vor allem in den neuen Qualitätsanforderungen einen erheblichen Nutzen für die Patienten. "Mit den neuen Festbeträgen bekommt man etwa 80 Prozent der Betroffenen ordentlich versorgt. Es ist nicht der totale Luxus, aber es sind wirklich gute Durchschnittsgeräte", sagt Dr. Jan Löhler vom Wissenschaftlichen Institut für angewandte HNO-Heilkunde des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte. Dass viele jetzt zum Kassengerät ohne Zuzahlung greifen, bestätigt Behrens: "Die ,Nulltarifquote ist erheblich gestiegen." Bislang lag sie laut Schätzungen nur bei etwa sieben Prozent. Auch der GKV-Spitzenverband empfiehlt  den Versicherten, beim Hörgeräteakustiker auf jeden Fall nach einem Modell zu fragen, dass keine Eigenleistung des Patienten erfordert.

Jeder fünfte Deutsche hat Hörproblem

Bislang scheint Schwerhörigkeit in Deutschland ein unterschätztes Problem zu sein, das keineswegs nur ältere Semester betrifft. In Umfragen des Robert-Koch-Instituts gibt im Durchschnitt jeder Fünfte Hörprobleme zu, ab 65 jeder Dritte, bei den unter 30-Jährigen immerhin rund sieben Prozent. Gemessen daran klafft eine gewaltige Versorgungslücke. Laut Schätzungen haben nur drei bis fünf Prozent der Deutschen auch ein Hörgerät, die allermeisten Schwerhörigen wurschteln sich ohne durch den Alltag.

Audiologen weisen darauf hin, dass Abwarten das Problem verschärft. Im Durchschnitt komme ein Schwerhöriger erst zehn Jahre nach Eintritt des Hörverlustes zum Arzt, sagt Dr. Annette Limberger, Professorin für Augenoptik und Hörakustik an der Hochschule Aalen. Das Gehirn habe sich dann längst an die Schwerhörigkeit gewöhnt. Ein Hörgerät wird dann oft auch als Belastung empfunden. Um Hören wieder zu trainieren, müsse das Gerät vom Aufstehen bis zum Schlafengehen getragen werden, sagt Prof. Limberger. Es reiche nicht, es nur in Situationen anzuziehen, bei denen es aufs gute Hören besonders ankommt. Je früher der Hörverlust ausgeglichen werde, umso besser.

Inzwischen liegen die Versorgungsverträge der einzelnen Kassen vor mit dem Ergebnis, dass tatsächlich keine einzige den vollen Preis von 784,94 Euro pro Hörgerät an den Akustiker überweist. Vielmehr haben sich die Kassen mit Verbänden auf folgende Tarife geeinigt:

  • AOKs Erstes Hörgerät 700 Euro, für beide Ohren 1247 Euro. Reparaturpauschale: 150 Euro.
  • BIG Erstes Hörgerät 710 Euro, für beide Ohren 1267 Euro. Reparaturpauschale 140 Euro.
  • BKKs Erstes Hörgerät 741 Euro, für beide Ohren 1326 Euro. Reparaturpauschale: 150 Euro.
  • Ersatzkassen (Barmer-GEK, TK, DAK u.a.)  Erstes Hörgerät 710  Euro, für beide Ohren 1267  Euro. Reparaturpauschale 140 Euro.
  • IKK Classic Erstes Hörgerät 715  Euro, für beide Ohren 1267  Euro. Reparaturpauschale 140 Euro.
  • IKKs Erstes Hörgerät 710  Euro, für beide Ohren 1247  Euro. Reparaturpauschale: 150 Euro.
  • Knappschaft / LKK Erstes Hörgerät  650 Euro, für beide Ohren 1144  Euro. Reparaturpauschale: 120 Euro.

Mit diesen Preisen sollte nach Ansicht der Kassen die komplette Versorgung gewährleistet sein. Die Reparaturpauschale bekommt der Hörgeräteakustiker pro Ohr für Wartungsarbeiten innerhalb von sechs Jahren, der angenommenen Lebensdauer eines Hörgeräts.

 

Für Betroffene bedeutsam ist an der neuen Regelung vor allem, dass (gegenüber der Krankenkasse!) ein Anspruch auf ein solches Hörgerät besteht, welches die individuelle Hörbehinderung im Alltag bestmöglich ausgleicht. Den gesetzliche Versicherten sollte es also gar nicht interessieren, welche Hörgeräte-Preise tatsächlich entstehen, weil dies zwischen Hörgeräteakustiker und Kasse abgerechnet wird. Braucht ein Versicherter zum guten Hören ein Hörgerät, das deutlich teurer ist als die oben genannten Summen, so hat der Akustiker dieses Problem mit der Kasse zu klären, nicht mit dem Kunden. Theoretisch.

Hörgeräte-Kunden mit Mehrkostenerklärung ausgetrickst

In der Praxis berichten allerdings Betroffenenverbände wie der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB)  von marktüblichen Methoden, Hörgeräte-Preise oberhalb der Festbeträge an die Betroffenen abzuwälzen (siehe GESUND-Interview mit Vizepräsidentin Renate Welter). Oft wird der Versicherte dann mit einer sogenannten Mehrkostenerklärung ausgetrickst, die er beim Hörgeräteakustiker unterschreiben soll, damit die Kasse vom tatsächlichen Hörgeräte-Preis wenigstens den Festbetrag zahlt. Darin erkennt er an, vor dem Kauf eines teureren Hörgeräts ein für ihn kostenloses Systeme ausprobiert zu haben oder es nicht zu wollen.

In den Gründen für die erhöhten Hörgeräte-Preise werden dann listig nur solche genannt, die tatsächlich von der Kasse nicht bezahlt werden müssen:

  • berufliche Gebrauchsvorteile (hier wäre die Rentenversicherung zuständig)
  • Funktechnik (z.B. besondere Streaming-Möglichkeiten von der Stereoanlage)
  • mehr Hörprogramme oder Tonkanäle als notwendig
  • Komfort, Ästhetik, Bequemlichkeit

Zwangslage bei der Hörgeräte-Versorgung

Weil man ohne die Unterschrift nicht an ein kassenfinanziertes Hörgerät kommt, hält der DSB solche Erklärungen allerdings für sittenwidrig. Wenn die Kasse sich weigert, den Preis für das nötige Hörgerät zu erstatten, rät der Verband, die Erklärung unter diesem Zwang tatsächlich zu unterschreiben. Dabei sollten allerdings nicht die  vorgegebenen Möglichkeiten angekreuzt werden. Stattdessen solle man unter "sonstige Gründe" einen Vermerk ergänzen wie "Sprachverständnis im Umgebungsgeräusch und in größeren Gruppen". Diese Eigenschaft sei zweifelsfrei eine Kassenleistung, so dass man später mit hohen Erfolgsaussichten die Rechnung für das teurere Hörgerät erstattet bekommt. Im Streitfall vor Gericht seien die Erfolgsaussichten ebenfalls besonders hoch. Aber Achtung,  warnen Sozialverbände: Bevor man diesen Weg beschreitet und eventuell eine Mehrkostenerklärung unterschreibt, muss man bei der Kasse die Kostenerstattung des höherwertigen Geräts beantragen, möglichst mit Gutachten des Akustikers, und den ablehnenden Bescheid der Kasse abwarten.

Ohrenarzt muss das Hörgerät nicht mehr kontrollieren

Auch die HNO-Ärzte sind nicht nur begeistert von den neuen Hörgeräte-Regelungen. Sie befürchten Qualitätseinbußen bei der ärztlichen Versorgung, weil offenbar einige Krankenkassen die erhöhten Hörgeräte-Preise bei den Arztausgaben kompensieren wollen.  In den Einzelverträgen mit den Hörgeräteakustik-Verbänden wird künftig auf die Verpflichtung verzichtet,  Patienten nach der Erstverordnung des Hörgeräts beim Facharzt zur Kontrolle vorbeizuschicken. In der Praxis heißt das: Wer einmal als Schwerhöriger vom Arzt ein Hörgerät verordnet bekommen hat, kann sich künftig komplett  (jedenfalls bei AOK und BKK) vom Hörgeräteakustiker versorgen lassen, auch wenn das Gerät nach sechs Jahren ausgetauscht wird.

"Die meisten Hörverluste treten schleichend ein, und man merkt nicht, wie es schlimmer wird", warnt Dr. Löhler vom HNO-Berufsverband. "Dabei können verschiedene Gründe hinter dem Symptom stecken, im schlimmsten Fall sogar ein gutartiger Tumor, der unbemerkt bliebe." Er rät Hörgeräte-Trägern, auch künftig mindestens alle zwei Jahre zum HNO-Arzt zur Kontrolle zu gehen.

Meinung: Sozial isoliert

GESUND-Redakteur Christian Seel

Von Christian Seel

Wenn mehr als drei Leute am Tisch saßen, pflegte meine Großmutter ihr pfeifendes Hörgerät auszuschalten. "Das schrappelt mir zu sehr", sagte sie und schwieg dann den ganzen Abend lang, während sie mit altersmildem Lächeln darüber hinwegzutäuschen versuchte, dass sie nichts mehr mitbekam. Der Verlust des Hörens ist mehr als ein unvermeidliches Zipperlein. Es ist die schleichende Reise in eine soziale Isolation.

Moderne Hörgeräte "schrappeln" und pfeifen nicht mehr. Sie können Hörverluste frühzeitig ausgleichen und verhindern, dass das Gehirn langsam das Hören verlernt. Aber Betroffene müssen sich zum Hörverlust bekennen, zum Arzt gehen, sich ein Gerät verordnen lassen, es tragen, trainieren. Das fällt vielen schwer. Schwerhörigkeit gilt als Gebrechen des Alters, wenngleich immer mehr jüngere Menschen (oft durch überlaute Kopfhörer selbst verschuldet) darunter leiden. Ich hör doch noch gut, sagen viele, die längst nicht mehr gut hören.

Auch Krankenkassen haben es den Schwerhörigen bislang nicht leicht gemacht, ihre Behinderung angemessen auszugleichen. Hörgeräte sind teuer, die Anpassung ist aufwendig. Der Eindruck, man bekäme ohne hohe Zuzahlung kein ausreichendes Hilfsmittel, ist weit verbreitet. Richtig ist er spätestens seit der Neuregelung der Erstattung nicht mehr, sagen die Fachleute. Inzwischen dürften die meisten mit Standardgeräten gut bedient sein. Es gibt für Betroffene keinen Grund mehr, den Gang zum Ohrenarzt aufzuschieben.

 


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Quellen

Gespräch mit Dr. Kai Behrens, AOK-Bundesverband, Berlin, April 2014
Gespräch mit Dr. Jan Löhler, Wissenschaftliches Institut für angewandte HNO-Heilkunde des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, Bad Bramstedt, April 2014
Mitteilung des GKV-Spitzenverbandes zur Versorgung für Schwerhörige, Berlin, 23.7.2013
"Beratungsrichtlinie zur Kostenübernahme bei Hörgeräten", Deutscher Schwerhörigenbund, Vers. 3.0
Gespräch mit Prof. Annette Limberger, Hochschule Aalen, Augenoptik und Hörakustik, Aug. 2011


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