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Lohnt für Patienten das Hausarztmodell?

Von Barbara Bückmann (9. September 2014)

Der Hausarzt soll alle Behandlungen koordinieren. Foto: pa/Keystone

Eine AOK-Studie sieht Vorteile für Patienten, wenn sie stets vom gleichen Arzt betreut werden. Dennoch bieten andere Krankenkassen das Hausarztmodell nur zögerlich an.

Die Hausarzt-Praxis zur Schaltstelle im Gesundheitssystem auszubauen, ist Ziel der Hausarzt-Verträge, die die Krankenkassen laut Gesetz anbieten müssen. Für Versicherte, die mitmachen, ist ihr Hausarzt – meist ein Allgemeinmediziner – dann stets erster Anlaufpunkt. Er überweist an die Fachärzte, bei ihm laufen die Berichte über Befunde, Therapien und verordnete Medikamente zusammen. Für die intensivere Betreuung bekommt er mehr Geld.

Dass die Patienten vom Hausarztmodell profitieren, zeigt eine aktuelle Untersuchung unter AOK-Versicherten in Baden-Württemberg. Laut der in Berlin vorgestellten Studie konnten mit der intensiveren Behandlung 4.500 Krankenhauseinweisungen vermieden werden. Besonders chronisch Kranke und ältere Menschen hätten einen Vorteil von der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV), so die Wissenschaftler Prof. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt/Main und Prof. Joachim Szecsenyi von der Universität Heidelberg.

Hausarztmodell: Weniger überflüssige Arztbesuche

Patienten mit festem Hausarzt hätten im Jahr durchschnittlich drei Arztkontakte mehr als nicht teilnehmende Versicherte. Überflüssige Behandlungen nähmen dafür ab, unkoordinierte Facharztkontakte lägen um mehr als 20 Prozent unter dem Schnitt. Es würden um ein Drittel weniger Medikamente verschrieben, die Arzneikosten seien wesentlich geringer, heißt es in der Studie.

Auftraggeber der Studie sind die AOK Baden-Württemberg, der Hausärzteverband und der Ärzteverband Medi, also die Partner, mit denen die regionale AOK das Hausarztmodell vereinbart hat. Sie investierte 2013 rund 300 Millionen Euro in die Hausarztverträge.

Die zusätzlichen Kosten werden aber ausgeglichen, weil die Kasse weniger für Facharzthonorare, Medikamente und Krankenhausaufenthalte zahlen muss. Das betonte Baden-Württembergs AOK-Vorstandsvorsitzender Christopher Hermann bereits 2012, als die Forscher die ersten Ergebnisse ihrer Hausarzt-Untersuchung vorlegten.

Hausarztmodell: Vorteile für den Patienten

Für die Patienten hat das Hausarztmodell auch einige praktische Vorteile, die sich im Detail von Kasse zu Kasse unterscheiden. Sie haben Anspruch auf eine Extra-Sprechstunde für Berufstätige, werktags bis 20 Uhr oder sonnabends. Sie müssen höchstens eine halbe Stunde warten, zudem gibt es einen jährlichen Gesundheits-Check-up. Verschreibt der Hausarzt rabattierte Medikamente, entfällt oft die Rezeptgebühr. Disease-Management-Programme (DMP) für Patienten mit chronischen Erkrankungen können seit April 2014 in den Hausarzt-Vertrag integriert werden.

Hausarztmodell: Auflagen und Vorteile für den Arzt

Die teilnehmenden Hausärzte verpflichten sich, regelmäßig Weiterbildungen zu besuchen und nach den aktuellen ärztlichen Leitlinien zu behandeln. Sie sorgen für die Dokumentation aller Patienten-Daten und müssen das IT-System in ihrer Praxis umstellen, weil die Honorare für Hausarztmodell-Teilnehmer über die Hausarztverbände und nicht wie üblich über die kassenärztlichen Vereinigungen (KV) abgerechnet werden.

Dafür werden sie besonders honoriert: Für einen HzV-Teilnehmer, der viermal im Jahr zum Hausarzt geht, erhält der Arzt 185 Euro, dazu kommen Zuschläge von 25 Euro im Quartal für chronisch Kranke, ergebnisabhängige Zuschläge beispielsweise für eine bestimmte Grippeimpfungs-Quote sowie für spezielle Angebote wie Sonografie oder Einzelleistungen wie Krebsfrüherkennungsuntersuchungen.

Hausarztmodell bieten noch nicht alle Kassen an

Nach wie vor bieten nicht alle Kassen die Hausarztmodelle an. Haupteinwand: Kostet mehr, bringt aber nichts. "Die Hausarztverträge müssen einen spürbaren Nutzen/Mehrwert für die Patienten enthalten, der eventuelle Mehrkosten rechtfertigt", sagte Barmer GEK-Sprecher Thorsten Jakob 2012. Mittlerweile können sich Barmer GEK-Versicherte in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bremen und Bayern bei der HzV einschreiben.

Auch DAK-Sprecher Jörg Bodanowitz vermisste den "Beleg für eine qualitativ bessere Versorgung", als der erste Teil der baden-württembergischen Hausarztstudie erschien. Mittlerweile hat auch die DAK in einigen Regionen ihr Angebot um Hausarzt-Verträge erweitert, zuletzt in Rheinland-Pfalz.

Hausarztmodell: Gesetzliche Hürde weggefallen

Eine wichtige Hürde für die weitere Verbreitung der hausarztzentrierten Versorgung ist gefallen: Die von der schwarz-gelben Bundesregierung 2011 eingeführte Klausel, die Hausarzt-Verträge müssten "kostenneutral" sein, wurde mit dem im April 2014 in Kraft getretenen 14. Gesetz zur Änderung des Sozialgesetzbuches V wieder abgeschafft.

Damit wurde eine Forderung des Deutschen Hausärzteverbandes erfüllt. Nach seiner Ansicht hätte die Klausel bedeutet, dass die Ärzte das zusätzliche Honorar durch Sparen an anderer Stelle erwirtschaften müssten. Der Verbands-Vorsitzende Dr. Ulrich Weigeldt kritisiert aber, viele Kassen würden Vertragsabschlüsse mit den regionalen Hausarztverbänden nach wie vor "blockieren".

Infos: Wer bietet das Hausarztmodell an?

Überbick Um einen Hausarzttarif anbieten zu können, muss die Krankenkasse einen Versorgungsvertrag mit einem regionalen Hausärzteverband abschließen. Derzeit ist die Lage bundesweit noch unübersichtlich und Änderungen unterworfen. Wer ins Hausarztmodell wechseln will, fragt am am besten bei der eigene Kasse nach, ob oder ab wann sie einen Hausarzt-Tarif anbietet und zu welchen Konditionen. Wenn die Kasse kein Angebot machen kann, bleibt nur der Kassenwechsel, um in einen Hausarzttarif zu kommen. Eine Übersicht der Verträge mit Arztsuche gibt es beim Deutschen Hausärzteverband unter www.hausarzt-suche.de. Bei Auswahl einer Region erscheinen die verfügbaren Kassen.


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Quellen

Besser betreut - Wissenschaftliche Studie zum Hausarztvertrag, AOK Baden-Württemberg, Stuttgart, September 2014
Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender AOK-Baden-Württemberg, Stuttgart, Juli 2012
Thorsten Jakob, Sprecher der Barmer-GEK, Berlin, Juli 2012
Jörg Bodanowitz, Sprecher DAK, Hamburg, Juli 2012
Dr. Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, Köln, August 2014


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