Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Rat und Service

Hamburger Modell: Rückkehr in den Job

Von Sylke Heun (24. Januar 2012)

Wer nach langer Krankheit wieder an den Arbeitsplatz kommt, muss sich meist erst wieder neu orientieren. Foto: pa/dpa

Wer lange krank war, fängt stufenweise an seiner Arbeitsstätte wieder an. Bei psychischen und körperlichen Erkrankungen greift das Hamburger Modell.

Drei Menschen, drei Schicksale: LKW-Fahrer Paul H. (53) hat chronische Rückenschmerzen und einen Bandscheibenvorfall, Grafikdesigner Timo S. (25) stürzte mit dem Fahrrad und lag mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen wochenlang im Koma. Geschäftsführer Uwe W. (42) arbeitete und arbeitete, bis er sich mit der Diagnose Burn-Out in stationärer Behandlung wieder fand. Drei Menschen, ein Weg. Ihnen allen geht es heute wieder gut. So gut, dass sie arbeiten können. Vollzeit sogar. Möglich machte es ihnen das "Hamburger Modell", die stufenweise Rückkehr in das, was früher einmal ihr Alltag war und was es wieder wurde.

"Wer schwer erkrankt und im Beruf längere Zeit ausfällt, ist häufig verunsichert, wenn es darum geht, wieder zur Arbeit zurückzukehren", sagt Diplom-Psychologe Dr. Wolfgang Bürger vom Institut forschung & beratung im gesundheitswesen (fbg) in Karlsruhe. Wer wegen einer Erkrankung sehr lange aus dem Arbeitsleben ausgeschieden ist, traut sich manchmal überhaupt nicht mehr zu, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Werde ich den Arbeitsbelastungen standhalten? Wird sich meine Erkrankung wieder verschlimmern? Was denken die Kollegen? Wer macht jetzt meine Arbeit? Wolfgang Bürger: "Je länger dieser Prozess andauert, umso schwieriger wird die Rückkehr." Denn es ist nicht nur der Kopf, der Probleme bereitet. Rund um den Arbeitsplatz hat sich ja tatsächlich meistens etwas verändert. Plötzlich sitzt ein anderer auf dem gewohnten Stuhl. Das wichtige Projekt hat ein Kollege übernommen. Und im Dienstplan taucht der eigene Name schon gar nicht mehr auf.

Arbeitgeber muss dem "Hamburger Modell" zustimmen

In solchen Fällen, bei psychischen wie auch körperlichen Erkrankungen, greift bereits seit mehr als vierzig Jahren das "Hamburger Modell". Dabei können Versicherte zunächst für eine geringere Stundenzahl als bisher arbeiten. Auch Umfang und Schwierigkeitsgrad der Aufgaben können reduziert werden. "Mit der allmählichen Wiederaufnahme der Berufstätigkeit erhalten arbeitsunfähige Versicherte die Möglichkeit, wieder Vertrauen in ihre berufliche Belastbarkeit zu gewinnen und die Angst vor Überforderung und einem Krankheitsrückfall abzubauen", sagt John Hufert, Sprecher der Techniker Krankenkasse in Hamburg. Bedingung: Nicht nur der Arbeitnehmer, auch der Arbeitgeber muss sich mit der schrittweisen Rückkehr einverstanden erklären. Was in den meisten Fällen aber geschieht.

John Hufert: "Unsere Erfahrungen mit dem Modell sind positiv, es wird gut angenommen." Denn weil der Arbeitnehmer in dieser Zeit, die von wenigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten dauern kann, als arbeitsunfähig gilt, kostet er seinen Arbeitgeber keinen Cent. Auch bei der Deutschen Rentenversicherung Nord, einem weiteren Kostenträger von Stufenweisen Widereingliederungen, ist man vom Nutzen des "Hamburger Modells" überzeugt. Eine fbg-Studie von 2008 ergab, dass die stufenweise Wiedereingliederungen "im Wesentlichen zielgenau indiziert werden, erfolgreich zu einer Reintegration ins Erwerbsleben und zur Verhinderung von Frühberentungen beitragen und auch ökonomisch sinnvoll sind". Dementsprechend stieg die Zahl der auf diese Weise unterstützten Berufsrückkehrer bei der DRV Nord in nur zwei Jahren von 839 Versicherten (2008) auf 1920 (2010).

Es gibt keinen Rechtsanspruch auf das "Hamburger Modell"

Ein Rechtsanspruch auf diese Form der Rückkehr besteht allerdings nicht. Und manchmal ist sie auch unmöglich, weil der Mensch den Anforderungen am Arbeitsplatz einfach nicht mehr gewachsen ist. John Hufert: "Problematisch ist eine Rückkehr beispielsweise für Menschen mit Burn Out oder Erschöpfungssyndrom, wenn ihre Erkrankung durch Überforderung bei der Arbeit entstanden ist." Gerade bei psychischen Erkrankungen hat sich das "Hamburger Modell" in der Vergangenheit bewährt, allerdings nur, wenn die Bedingungen am Arbeitsplatz grundsätzlich gut oder zum Positiven hin veränderbar sind. Erwarten den Versicherten jedoch Spannungen, Konflikte und Drucksituationen, ist das Rückfallrisiko hier am größten und ein Wechsel des Arbeitsplatzes manchmal hilfreicher als die Rückkehr dorthin. Schwierig gestalte sich ein Wiedereinstieg außerdem bei Menschen, die früher körperlich schwere Arbeit leisteten und das nun nicht mehr können. John Hufert: "Ein bisschen heben geht eben nicht." Was bleibt? Im optimalen Fall ein Wechsel von der Werkstatt/der Fabrikhalle/dem Außendienst ins Büro.

So unterschiedlich die Menschen und ihre Erkrankungen sind, so verschieden sind auch ihre Wege zurück in den Beruf. Wer das "Hamburger Modell" nutzt, bekommt in Absprache mit seinem behandelnden Haus- oder Facharzt einen Wiedereingliederungsplan erstellt. Der mit dem Fahrrad verunfallte Grafikdesigner Timo S. beispielsweise begann zunächst mit zwei Stunden am Tag. Das ging zwei Wochen lang und wurde dann auf vier Stunden erhöht. Nach weiteren 3 Wochen konnte er schon sechs Stunden täglich arbeiten. Von dort auf die gewohnten acht Arbeitsstunden zu springen, fiel ihm nicht mehr schwer.

Ärztliche Betreuung wird oft als unzureichend empfunden

Tim S. hatte einen Hausarzt, den er wöchentlich traf und der ihn mit viel Aufmerksamkeit auf seinem Weg begleitete. "Das ist aber nicht immer so", sagt Gesundheitsforscher Wolfgang Bürger. Die ärztliche Begleitung gilt bis heute als eine der Schwachstellen des Modells. Zu volle Wartezimmer, zu kurze Gespräche, zu wenig Betreuung. Laut einer Studie seines Institutes bemängelten viele Versicherte mit "Hamburger Modell"-Erfahrung die ärztliche Begleitung als "unzureichend". Die Rentenversicherung Rheinland-Pfalz, neben den Krankenkassen ein Kostenträger der Maßnahme, reagierte darauf und bietet inzwischen spezielle Fallbegleiter an, die den steten Kontakt zum Versicherten, dem Arbeitgeber und dem Arzt suchen. Auch das nach dem Orthopäden Horst Danner von der RehaKlinik Hamburg benannte "Danner-Modell" ermöglicht einen intensiveren Kontakt zum behandelnden Arzt. Die Idee: Der Versicherte geht in einer Woche drei Tage voll zur Arbeit und kommt an zwei Tagen zur ambulanten Reha.

Orthopädin Anya Regener, ebenfalls von der RehaKlinik Hamburg, hat in den vergangenen drei Jahren rund 100 Menschen betreut, die das "Hamburger Modell" nutzten und sagt: "Unserer Erfahrung nach ist es am sinnvollsten, dass die Menschen schon während der Reha oder direkt im Anschluss daran wieder in die Arbeit einsteigen, weil dann ihre Beweglichkeit und Motivation am größten sind."

Antrag: So geht es

Der Antrag auf eine Stufenweise Wiedereingliederung nach dem "Hamburger Modell" wird vom Patienten zusammen mit seinem behandelten Haus- oder Facharzt erstellt. Das doppelseitige Formular gibt es bei den Ärzten oder über die Krankenkasse oder Rentenversicherung. Spätestens zwei Wochen vor Arbeitsbeginn muss der Arbeitgeber dem Antrag zustimmen.


Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Patientenrechte

Quellen

Dr. Wolfgang Bürger, Dipl.-Psychologe, Institut forschung & beratung im gesundheitswesen (fbg)
John Hufert, Techniker Krankenkasse, Hamburg
Anya Regener, Orthopädin, RehaKlinik Hamburg






Anzeige