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Rat und Service

Einmal am Steuer sitzen: Fahrschule für Blinde

Von Dieter Weirauch (21. August 2009)

Dr. Detlef Friedebold (links) mit Fahrlehrer Rainer Sperling. Foto: DW

Dr. Detlef Friedebold organisierte Fahrstunden, Hörzeitungen und vieles mehr für Blinde und erhielt das Bundesverdienstkreuz. GESUND traf ihn einige Zeit vor seinem unerwarteten Tod.

Mit 180 Stundenkilometern rast ein schwarzer BMW über den einstigen Flugplatz Groß Dölln in der Schorfheide. Am Steuer des Wagens sitzt der blinde Arzt Dr. Detlef Friedebold. Neben ihm Rainer Sperling, der Beauftragte der Fahrlehrerverbände Berlin-Brandenburg. Beide organisieren seit einigen Jahren Veranstaltungen, bei denen blinde Menschen einmal probieren können, wie es sich anfühlt, selbst ein Auto zu lenken.

1993 organisierte Dr. Friedebold die erste Fahrstunde für Blinde auf dem damals noch von der britischen Armee genutzten Militärflugplatz in Berlin-Gatow. Aus der ganzen Republik kommen seitdem alle zwei Jahre fahrbegeisterte Blinde mit Begleitern und setzen sich ans Steuer.

Die Ralleys fanden schon vor dem Brandenburger Tor, am Berliner Olympiastadion und im brandenburgischen Werneuchen statt. 2009 sind rund 400 Teilnehmer nach Groß Dölln gekommen, etwa 100 Fahrlehrer aus Berlin und Brandenburg begleiten die Aktion ehrenamtlich und stellen ihre Fahrzeuge zur Verfügung.

Gedankenlosigkeit der Autofahrer

Auf dem Gelände des Driving Centers werden Fahr- und Lenkübungen, Beschleunigungs- und Bremsmanöver geprobt. "Blinde und Sehbehinderte leiden im Straßenverkehr insbesondere unter der Unkenntnis oder Gedankenlosigkeit der Autofahrer", sagt Dr. Friedebold. Blinden-Kennzeichen wie ein weißer Stock, ein Führhund oder eine Armbinde würden oft übersehen.

Auch das rücksichtslose Parken auf Gehwegen stelle für blinde und sehbehinderte Fußgänger eine häufige Unfallquelle dar. Mit dem Blindenfahrtag will man die Fahrlehrer auch für die Probleme der Blinden im Straßenverkehr sensibilisieren. "Wir haben die Hoffnung, dass die Fahrlehrer das dann an ihre Fahrschüler weitergeben", sagt er.

Probleme im Alltag nehmen für Blinde zu

Die blinden Fahrschüler lernen im Gegenzug die Gefahren des Straßenverkehrs von der Seite der Autofahrer aus kennen, wenn z. B. mit einem Gurtschlitten die Wirkung einer Vollbremsung simuliert wird oder sie im Simulator einen Überschlag erleben können.

Die Probleme im Alltag nehmen für Blinde zu, sagt Friedebold. "Der Trabi war das blindenfreundlichste Auto der Welt, den hat man gehört und gerochen." Dagegen sind die Autos mit Elektro- oder Hybridmotoren fast lautlos. "Wir sind mehr denn je auf eine sichere Straßenüberquerungsmöglichkeit angewiesen, das heißt Ampeln mit Zusatzeinrichtungen für Blinde." Hier erfährt der Blinde, wann grün ist, und wird auf dem kürzesten Weg über die Straße geleitet.

Seine Frau unterstützt ihn in seinen Ehrenämtern

Als spät Erblindeter kannte Friedebold das Autofahren schon aus eigenem Erleben. Mit 30 Jahren verlor er seine Sehkraft. Ursache war eine schleichende Krankheit, eine Sehnervenverkümmerung. Seitdem bezieht er eine Rente. Aber er wollte nicht untätig zu Hause sitzen, sondern anderen helfen, selbstbestimmt mit ihrem Schicksal umzugehen, und engagiert sich in zahlreichen Ehrenämtern.

Ehefrau Frohmut, ebenfalls Ärztin, stand von Beginn an ihrem Mann bei der Betreuung der Blinden und Sehbehinderten zur Seite. Legendär sind seit 1983 die "Berlin-Freizeiten für Blinde". Sie ermöglichen sehbehinderten und blinden Berlinbesuchern einen neuen Zugang zur Stadt und den Sehenswürdigkeiten. "Ob im Technikmuseum bei der Herstellung von Papier oder im Zoo beim Elefantenstreicheln – wir erleben durch Befühlen und Ertasten eine für uns sonst verschlossene Welt", sagt Friedebold.

Im Keller-Studio entsteht das Hörmagazin

Seit mehr als 25 Jahren entsteht im kleinen Studio im Souterrain des Friedeboldschen Hauses in Berlin-Kladow das Hörmagazin "Das Wartezimmer". Kräftige Herztöne sind das Erkennungssignal. In ungezählten Beiträgen hat das Arztehepaar über Krankheiten und medizinische Fortschritte informiert, Zeitschriftenartikel vorgelesen, Fachvorträge mitgeschnitten und Interviews geführt.

Ein großer Tag war für das Ehepaar, als ihnen 1992 Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr ehrenamtliches Engagement überreichte.

Zur Person:

Der 1947 geborene Dr. Detlef Friedebold studierte an der Freien Universität Berlin Medizin. Während eines Praktikums auf Sylt lernte er seine Frau Frohmut kennen. Tochter Anika und Sohn Alexander sind heute ebenfalls Ärzte, Tochter Anabell Erzieherin. Mit 30 Jahren verlor Friedebold sein Augenlicht. Seitdem engagierte er sich in der Blindenbewegung.

Er war stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin e.V. (ABSV) und leitete die Ortsgruppe Spandau. Mit seiner Frau betreute er ehrenamtlich die Hörzeitung "Das Wartezimmer" und die Hörillustrierte "Der Regenbogen". Sie werden über den Verein atz Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde (ATZ) vertrieben, dessen Vorsitz er innehatte.

Dr. Detlef Friedebold verstarb am 1. Februar 2013 im Alter von 65 Jahren. Seine Aktion "Autofahren für Blinde und Sehbehinderte" wird vom ABSV fortgeführt, auch 2013 ist ein Termin geplant.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Detlef Friedebold, Arzt und Blindenhelfer, Aug. 2009






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