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Wie gut ist der ärztliche Bereitschaftsdienst?

Von Christian Seel (12. Oktober 2015)

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist in manchen Regionen wie hier in Berlin mit eigener Autoflotte unterwegs. Foto: dpa/Burgi

Der ärztliche Bereitschaftsdienst in Deutschland gilt als reformbedürftig. Was muss sich ändern? Ein Gespräch mit dem Versorgungsforscher Dr. Dominik Graf von Stillfried.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst scheint überlastet, das Vertrauen der Patienten schwindet. Was läuft falsch im Notfall-System? Darüber sprach Christian Seel mit Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung.

GESUND: Es scheint, als würde der ärztliche Bereitschaftsdienst vor allem in Ballungsräumen kaum noch genutzt. Warum?
Dr. Dominik Graf von Stillfried. Foto: ZIDr. Dominik Graf von Stillfried: Diese Wahrnehmung ist falsch. Nach unseren Daten werden bundesweit rund 70 Prozent der ambulanten Notfallpatienten vom ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt, der kleinere Teil also in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser. Allerdings ändern sich die Gewohnheiten der Patienten vor allem in größeren Städten. Dort sind die Menschen mobiler, vor allem jüngere haben oft keinen Hausarzt und kommen selbst dann in die Ambulanz, wenn die Arztpraxen geöffnet sind. Auch ein hoher Zuwanderungsanteil führt zur stärkeren Nutzung der Krankenhäuser, weil die Menschen das aus ihren Herkunftsländern gewohnt sind. Einen Anstieg gab es vor allem nach dem Wegfall der Praxisgebühr. In ländlichen Räumen können andere Gründe relevant sein, etwa die zeitliche und räumliche Verfügbarkeit fachärztlicher Versorgung.

GESUND: Aber eigentlich könnte man doch auch dort den von Ärzten oft ungeliebten Bereitschaftsdienst ganz abschaffen und die Notfallversorgung ganz den Krankenhäusern überlassen.
Von Stillfried: Die gesamte Versorgung dort zu anzusiedeln, wo sie am teuersten ist, nämlich im Krankenhaus, würde das Gesundheitswesen nicht verkraften. Die Kliniken würden es auch nicht schaffen. Allerdings stehen vielerorts Krankenhäuser im massiven Wettbewerb, um ihre Betten zu füllen. Notfallambulanzen sind für diese Krankenhäuser ein wichtiges Patientenreservoir. Oft werden Patienten dort kurz stationär aufgenommen, wobei vor allem Diagnostik durchgeführt wird, die auch ambulant erbracht werden könnte. Diese vermeidbaren Aufnahmen kosten das Gesundheitswesen Milliarden, denn in der Klinik ist die Behandlung fünf bis zehn Mal teurer als ambulant.

Keine Garantie, von Fachärzten betreut zu werden

GESUND: Vielleicht ist sie ja fünf bis zehn Mal besser? Für Bereitschaftsdienste fahren schließlich auch Gynäkologen und Psychiater zu Herzattacken und Koliken. Gibt es keinen Mindeststandard?
Von Stillfried: Auch in der Krankenhausambulanz sind Sie keineswegs sicher, von erfahrenen Fachärzten betreut zu werden. Viele Häuser können das gar nicht leisten; da können Sie auch auf einen Berufsanfänger treffen. Zur Qualität der Notfallversorgung ist keine einheitliche Aussage möglich, weil das jede Klinik und jede Kassenärztliche Vereinigung (KV) anders organisiert. Wo der ärztliche Bereitschaftsdienst reformiert wurde, wie in Schleswig-Holstein, gibt es eine besondere Bezahlung für qualifizierte Ärzte. Diese Ärzte machen das gut und gern und es sind auch Klinikärzte beteiligt. Die übrigen Niedergelassen werden dadurch entlastet.

GESUND: Trotzdem scheint das Vertrauen von Patienten in den medizinischen Standard der Krankenhäuser höher zu sein.
Von Stillfried: Vermutlich erwarten sie eine bessere Leistung. Aber es fehlen Studien über die Beweggründe der Patienten und die Angemessenheit ihrer Inanspruchnahme. Bemerkenswert ist, dass Patienten auch dort, wo Bereitschaftspraxen direkt am Krankenhaus existieren, daran vorbei in die Notaufnahme gehen. Zweifelhaft ist, ob sie dort besser behandelt werden und ob die hohe technische Ausrüstung des Krankenhauses für viele Patienten überhaupt erforderlich ist.

GESUND: Kommen Patienten oft nur mit Bagatell-Problemen?

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