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Psychologie

Vergessen: Leerlauf im Gehirn

Von Manfred Pantförder (14. Januar 2011)

Das Gehirn braucht Zeit, sich zu erholen. Dazu zählt auch das Tagträumen. Foto: pa/Moodboard

Durch die digitale Datenflut sind wir mehr denn je geistig gefordert. Dabei ist Vergessen lebenswichtig. Gedanken werden in einem speziellen Ruhezustand sortiert. Kann Unangenehmes auch gelöscht werden?

Vergesslichkeit ist ein Gräuel. Weil der Blackout meist im unpassenden Moment wie etwa in einer Prüfung eintritt. Durch die digitale Datenflut sind junge und alte Menschen mehr denn je geistig gefordert. Vergessen ist eigentlich aber eine elementare Leistung des Gehirns und lebensnotwendig. Ohne diese Fähigkeit, Erlebtes einzuordnen und abzuspeichern, liefe es Gefahr, schweren Schaden zu nehmen. 

Das Gehirn braucht Erholung. Die wichtigste ist der Schlaf. Weil Babys extrem lernfähig sind und dementsprechend viele Synapsen bilden, ist auch ihr Ruhe- und Schlafbedürfnis sehr groß, mitunter bis zu 20 Stunden von 24.

Für Erwachsene können aber auch Meditation, Pausen oder einfach Nichtstun aktive, ganz und gar nicht passive Phasen der Erneuerung oder Auffrischung sein. Neurowissenschaftler sprechen dabei vom Default Mode, einem Leerlauf-Prozess: Das neuronale System läuft und verarbeitet, neue Reize bleiben indes aus.

Eine Löschtaste gibt es nicht

Ein Delete, ein Löschen oder Formatieren wie beim Computer gibt es allerdings nicht. Man kann sein Gehirn quasi von Datenmüll nicht radikal befreien. "Eine ?Taste' für aktives Vergessen gibt es leider nicht", sagt der international renommierte Gehirnforscher Prof. Hans J. Markowitsch. "Wenn man etwas vergessen will, kann man nicht sicher sein, dass man es auch vergessen wird. Im Gegenteil: Es beschäftigt einen oft sogar dann viel mehr. Vergessen geschieht mehr über Interferenz, also Überschreiben."

Vielfach sind Daten und Fakten nur verschüttet

Neurowissenschaftler gewinnen mit Gehirn-Scans zunehmend Bilder, welche Regionen bei Lern-, Denk- und Wahrnehmungsvorgängen aktiviert werden. Die verschiedenen Hirnareale sind jedoch nicht voneinander abgegrenzt, sondern arbeiten vernetzt, so eine der Erkenntnisse. Das gilt auch für das Leerlauf-Netzwerk, wie Prof. Kai Vogeley von der Uniklinik Köln feststellte. Es sei vermutlich besonders deshalb wichtig, weil in diesem Ruhezustand über Beziehungen reflektiert werde. Offenheit und soziale Wahrnehmung seien so möglich.

An jeder Hirntätigkeit sind eine Fülle von Nervenzellen beteiligt. Und dies ist zudem individuell verschieden. Daher ist die entscheidende Frage, wie das Gehirn arbeitet oder wie die zahlreichen neuronalen Wechselwirkungen zustande kommen, noch weitgehend unbeantwortet. Wie Gedanken in das Gehirn kommen, welche warum eher wieder aussortiert oder überschrieben werden, ist also noch nicht entschlüsselt, dementsprechend ebenso wenig die Frage, wie sie wieder abgerufen werden können. "In der Regel vergessen wir wenig, wenngleich wir aktuell an vieles nicht aktiv ran kommen", sagt Prof. Markowitsch. "Durch Hypnose oder Tiefenentspannung käme man aber möglicherweise noch an die Telefonnummer von der vorletzten Wohnung."

Nervenzellen gehen verloren

Angesichts der Informationsflut scheint es, dass das Gehirn vor allem Daten aufnimmt. Dabei fühlen sich viele Menschen überfordert und fürchten eher das Vergessen. Das Gehirn ist aber nicht nur Speicher, sondern produktiv und kreativ. Diese Seite gilt es aktiv zu halten, wenn das Gehirn nicht stark an Leistung verlieren soll. Wie der Körper so altert auch das Hirn, gehen Nervenzellen und Verknüpfungen verloren. Ein älterer Mensch besitzt nur etwa die Hälfte der Synapsen, wie er sie als junger Erwachsener besaß.

Entsprechendes Training, neudeutsch auch Gehirn-Jogging genannt, kann helfen, den Verschleißprozess zu verlangsamen. Man kann auch versuchen – altmodisch und effektiv – ein Gedicht auswendig zu lernen. Oder Vokabeln. Noch ein Versuch gegen das Vergessen: Geben Sie nach einer Nachrichtensendung im Radio oder Fernsehen die Meldungen möglichst detailliert einem Gesprächspartner wieder. Denn aufgenommen ist nicht gleich verstanden. Erst die Wiedergabe mit eigenen Worten zeigt an, inwieweit ein Thema durchdrungen wurde.

Denken ist anstrengende Arbeit

Aufnehmen, durchdenken, wieder abrufen: Die Tätigkeit des Gehirns, der Kampf gegen das Vergessen ist eine Anstrengung. Prüfungskandidaten spüren dies besonders deutlich, wenn sie nach dem Test körperlich völlig ermattet sind. Elektronische Speichermedien können dem Gehirn die Arbeit nicht abnehmen, die immense Verknüpfungsleistung nicht übernehmen. Sie sind nur Dienstleister für das menschliche Denkvermögen.

Erkenntnisse in der Hirnforschung sind vergleichsweise jung

Als Pionier der Hirnforschung, der die besondere Funktion und Arbeitsweise des Default Mode erforschte, gilt Prof. Marcus E. Raichle von der Washington University School of Medicine in St. Louis, USA. Homepage unter www.nil.wustl.edu/labs/raichle/

In den 90er-Jahren war Raichle durch Gehirn-Scans darauf gestoßen, dass das Gehirn auch im vermeintlichen Ruhezustand, wenn also keine Tätigkeit aktiv abverlangt wurde, durchaus nicht passiv war. Dieses Leerlauf-Netzwerk erstreckte sich auf diverse Teile des Gehirns.

Nach Raichles Entdeckung widmeten sich etliche Neurologen diesem Default Mode Network. Hierin sehen einige die entscheidende Vernetzung, die identitätsbildend ist. In diesem Ruhezustand finden Tagträume statt, wird frei assoziiert, entstehen Ideen, entwickelt sich Kreativität und werden Entscheidungen vorbereitet. Und: Hier bildet sich die soziale Kompetenz, indem andere wahrgenommen werden, auch nonverbal. Der Leerlauf sei daher für das Selbst und dessen Stellung in sozialen Gefügen wichtig.

Schwere Störungen dieser besonderen Hirntätigkeit wurden bei Alzheimerpatienten und Autisten festgestellt. Störungen lagen auch bei Patienten vor, die ein schweres Trauma in der Kindheit erlitten hatten.

Einen Einblick in die Grundlagenforschung gibt Prof. Raichle in der US-Zeitschrift "Scientific American" unter www.scientificamerican.com/article.cfm?id=the-brains-dark-energy

Eine Erläuterung über den neuronalen Zusammenhang des menschlichen Selbstbewusstseins gibt der Neurowissenschaftler Prof. Kai Vogeley, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Köln arbeitet, unter www.presse-archiv.uni-wuppertal.de/tdf/Vogeley1.pdf

Meinung: Was einen Menschen ausmacht

Von Manfred Pantförder

Vergessen meint nicht verdrängen. Eigene Fehler oder Niederlagen und Belastungen auszublenden, gelingt vielleicht eine Weile. Eine Spur der Erinnerung und der Druck sich zu rechtfertigen aber bleiben. Oder anders ausgedrückt: Das Gewissen hört nicht auf zu plagen, wenn etwas dauerhaft im Argen liegt, besonders wenn es sich dabei um soziale Beziehungen handelt. So jedenfalls wird es wohl den allermeisten Menschen gehen.

Gewissen und auch Vernunft, Verantwortung, Mitgefühl und andere soziale Kompetenzen sind das, was jeden Einzelnen als unverwechselbar kennzeichnet. Das Gehirn ist die Stelle, wo die entscheidenden Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt werden können. Diese Verknüpfungen sind individuelle Leistungen, die nicht nur von Fakten, sondern auch von Gefühlen geprägt sind. Daraus Schlüsse zu ziehen, bildet die eigene Identität. Wir haben stets die Wahl und einen Willen, selbst wenn der nicht unbedingt frei ist. Ein Mensch ist schließlich kein Automat, der per Schaltung funktioniert.

Daher lässt sich auch das eigene Gedächtnis nicht überlisten. Was uns belastet, muss erledigt werden, durch Auseinandersetzung, Gespräche, eine Therapie oder andere Formen der Selbsterkenntnis. Das fällt schwer. Nachdenken und Schlüsse ziehen ist aber auch das Spannendste, was uns Menschen eigen ist. Was wir erinnern, macht unsere Persönlichkeit aus – und ebenso das, was wir vergessen.


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Quellen

Interview mit Prof. Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler am Institut für Physiologische Psychologie, Universität Bielefeld, Jan. 2011
Veröffentlichung: "Die neuralen Grundlagen menschlichen Selbstbewusstseins", Prof. Kai Vogeley, Uniklinik Köln, 2008
Veröffentlichung:"The brain's dark energy", Prof. Marcus Raichle, Washington University School of Medicine, St. Louis, USA, Feb. 2010






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