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Psychologie

Was Träume über uns verraten

Von Torsten Wendlandt (16. Februar 2012)

Das grafische Profil zeigt, wie die Träume in die Phasen des Schlafes eingebettet sind Grafik: Kluger

Was Menschen am Tag erleben, wird im Schlaf zu verwirrenden Reisen durch Fantasiewelten. Forscher versuchen, die Bedeutung der Träume zu entschlüsseln

Wer sein müdes Haupt zur Ruhe bettet, muss mit allem rechnen. Die nächtliche Reise ins bizarre Reich der Träume nämlich ist von höchster Überraschung, sie ist unglaublich, fantastisch und zugleich reell, ein ungewisser Trip fern von Logik und Verstand, ein allzu flüchtiger Gedankenwirrwarr, der alles Mögliche und Unmögliche ist, nur eines kaum: langweilig. Denn das private Actionkino in Farbe und Schwarzweiß, das für beste Unterhaltung der grauen Zellen sorgt, setzt häufig seinen eigenen Willen durch.

Dabei haben wir unseren Hirnfilm ja irgendwie selbst gedreht, denn bei allen Rätseln um den Traum steht fest: Er ist aus unseren individuellen, emotionalen Erlebnissen gebaut.

70 Prozent unserer Träume sind negativ belegt

150.000 Träume hat ein Durchschnittsleben und sie alle sind in den Schlaf eingebettet (siehe Schlafprofil). Rund 70 Prozent unserer Träume sind negativ belegt, was jene Theorie (siehe Kasten unten) stützt, welche den Sinn von Träumen als Resultat der menschlichen Evolution begreift. Nur etwa ein Drittel der irrlichternden Geschehnisse beschäftigt sich tatsächlich mit gewissen Erfolgen, mit Lust und Erotik.

All das Schöne und Hässliche, das Gute und Böse der Träume kann indes erst geschehen, weil die höheren Hirnfunktionen stark abgeschwächt, das Bewegungszentrum blockiert und der paralysierte Traum-Mann beziehungsweise die Traum-Frau nicht länger vom wachen Verstand herumkommandiert werden. Und fast immer befindet sich der Träumer in so genannten REM-Stadien (rapid eye movements/schnelle Augenbewegungen), das erste beginnt rund 90 Minuten nach dem Einschlafen.

"Lediglich einer von 500 Träumern zeigt keine Augenbewegungen im Traumschlaf", sagt der Schlafforscher Prof. Ingo Fietze. Der Somnologe an der Berliner Charité weiß auch nicht, warum genau der Mensch eigentlich träumt. Fietze glaubt, aus Platzmangel: "Die Menge an Informationen, die wir in 16 Stunden tagsüber aufnehmen, kann schließlich nur begrenzt behalten werden. Einiges müssen also die Träume im Schlaf verwerfen." Außerdem: Jemand, der viel träume, komme besser im Leben zurecht, weil er insgesamt ausgeglichener und ausgeruhter sei, findet Fietze.

Träume kann man auch riechen, schmecken, fühlen, hören

Nicht alle Menschen sehen ihre Träume. Ungefähr 20 Prozent schmecken, riechen, fühlen oder hören sie. Ganz so träumen offenbar auch Blinde. Eine von Fietzes Team untersuchte Probandin, von Geburt an blind, berichtete kürzlich von einem einarmigen Banditen, einem Glücksspielgerät, das ihr im Traum erschien: "Ich hörte massenhaft die Münzen klirren." Die Szene mag den Wunsch der Frau nach einem Spielgewinn symbolisieren.

Je unbegreiflicher die Inhalte, desto größer der Deutungseifer der Psychoanalyse. Die Branche der Traumdeuter lebt von Unerklärbarem, der Erleuchtung des Dunkels der Nacht. Für die amerikanische Traumexpertin Patricia Garfield etwa bedeuten Baumblätter immer eine wachsende Beziehung, ist ein länglicher Gegenstand ein Penis, eine Brücke stets eine Übergangssituation. "Traumdeutungen sind unwissenschaftlich", sagt Prof. Fietze. Das kann sich ändern, wenn wir eines Tages vom Traum des anderen genau wissen, also Zugang zum geheimen Reich der Träume haben. Aber wollen wir das wirklich?

Topologie der Träume

Träume lokalisiert im Kernspin

Blick ins Gehirn Träumen ist reine Privatsache. Dennoch ist es im Jahr 2011 Forschern vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München erstmals gelungen, in jene verborgene Welt einzudringen und zumindest einfache Trauminhalte sichtbar und zugänglich zu machen. Das Team fand heraus, dass das Gehirn im Traum mitarbeitet. Bei Bewegungen, die im Schlaf nur im Kopf ablaufen, zeigt die Hirnrinde die gleichen Aktivitätsmuster wie bei Bewegungen, die im Wachzustand tatsächlich ausgeführt werden. Für die Studie sollten Probanden in einem luziden Traum imaginär die Hände ballen und schließlich im wachen Zustand Fäuste machen. In beiden Fällen waren die gleichen Hirnareale aktiv, wie die Kernspinbilder zeigen (oben). Dass sich eines Tages die hoch komplexen, sehr individuellen Träume von Menschen bis ins Detail lesen lassen, glauben die Münchener Wissenschaftler allerdings nicht. 

TraumbilderTraumbilder können Kreativität befördern. Dali sah surrealistische Bilder, Bergmann, Saura, Fellini träumten Filmsequenzen, Paul McCartney hörte die Melodie von "Yesterday" im Traum. Neben dem Teebeutel und dem Insulin soll auch die Nähmaschine aus einem Traum stammen. Der Amerikaner Elias Howe trat in einem seiner Träume barfuß einen Nagel in ein Brett und beim Versuch, ihn herauszuziehen, fielen ihm Nadelöhr und Faden ein. 1846 ließ Howe seine Erfindung patentieren.

 

AlbträumeAlbträume Sie führen mit oft Panik auslösendem Inhalt häufig zum Erwachen. Charakteristisch ist – wie bei allen Träumen – die völlig erschlaffte Muskulatur des gesamten Körpers. Der Träumer ist bewegungslos, wie paralysiert. Tritt dennoch ein Muskeltonus (z. B. periodische Beinbewegungen) auf, weist das auf eine Schlafstörung hin.  

KlarträumeLuzide Träume Diese Klarträume bewegen sich an der Schwelle zwischen Wachsein und Traum. Dem Schlafenden ist bewusst, dass er träumt und er kann das Geschehen steuern. Wie im Kopfkino: Kurz nach dem Traumerwachen möchte man wissen, wie der "Film" weitergeht und strebt zurück in den Traum. Allerdings darf man den Inhalt nicht eine Sekunde loslassen, sonst ist er "gelöscht".  

 SchnarchenSchnarchen Meist ist dies eine harmlose Schlafstörung. Sie tritt auch im Traumstadium auf, denn die erschlaffte Rachenmuskulatur begünstigt das Schnarchen. Längere Atemaussetzer können indes gefährlich werden. Zähneknirschen schädigt das Gebiss.

Erotische TräumeSexträume Sie zählen zu den positiven Trauminhalten. Doch ganz egal, ob die Träume angstbesetzt oder erotisch sind, immer treten in allen Traumphasen des Schlafes Penis- beziehungsweise Klitoriserektionen auf.

TiefschlafTiefschlaf Er wirkt neben dem Traumschlaf besonders erholsam, stärkend und regenerativ für den Körper und ist für die Gedächtniskonsolidierung von großer Bedeutung. Außerdem fördert er das bewusste Lernen. Im Laufe der Nacht wird der Schlaf flacher, die Phasen der Träume werden länger.

Traumtheorie: Der Weg zum Unterbewusstsein

TraumtheoriePsychoanalytiker Sigmund Freud, Pionier der Traumforschung, sah den Traum als den "Königsweg des Unbewussten", als "Hüter des Schlafs", der Tagesreste löschen und Triebwünsche erfüllen soll. Für den britischen Traumforscher Allan Hobson ist er schlicht "eine Form des Wahnsinns". Die Wissenschaft ist bislang vor allem deshalb nicht hinter die biologische Funktion des Traumes gekommen, weil Zutritt zu ihm nur über das Wachsein gestattet ist.

Eine Reihe von Experten begreift den Traum als Nutzen für die Evolution, um das Überleben zu sichern. Quasi als Gefahrensimulation, Fluchttraining gegen das Gefressenwerden und die Zerfleischung der Steinzeit. Der südafrikanische Neuropsychologe Mark Solms, der zwei Traumzentren im Gehirn entdeckte (knapp über den Ohren, direkt hinter den Augen), glaubt, dass der Traum durch die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Hirn den Menschen motiviere, bestimmte Bedürfnisse virtuell im Schlaf zu befriedigen: Essen, Trinken, Sex, Anerkennung, Erfolg.


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Quellen

Gespräch mit Prof. Ingo Fietze, Schlafmediziner an der Charite Berlin, Jan. 2012
Allan J. Hobson: Dreaming, Oxford University Press, 2011
Sigmund Freud: Über den Traum, Fischer, 2005
www.zns-portal.de






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