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Psychologie

Sexualtherapie gegen die Beziehungskrise

Von Katrin Machowski (26. März 2012)

Gestörte Beziehung: In einer langen Partnerschaft drückt Sexualität auch Bindung und Vertrauen aus. Foto: pa/Marks

Viele Paare werden sich mit der Zeit fremd im Bett. Eine Sexualtherapie soll helfen, sich wieder über Grundbedürfnisse in der Beziehung zu verständigen

Manchmal läuft es einfach nicht im Bett. Dann ist die Lust nicht da oder zu schnell wieder weg; dann funktioniert der Körper nicht so, wie der Kopf das gerne hätte. Probleme und Stress in Alltag, Job und Partnerschaft belasten die Sexualität innerhalb einer Beziehung. Und Schwierigkeiten mit der Sexualität belasten wiederum die Beziehung. Diesen Kreislauf zu erkennen und zu durchbrechen ist schwer. Und dauerhafter Frust im gemeinsamen Bett hat schon manche Beziehung beendet, die ansonsten gut funktionierte. Eine Sexualtherapie kann Wege eröffnen aus Krisen mit sexuellen Funktionsstörungen.

Als Teilbereich der Sexualmedizin ist die Sexualtherapie ein wirksames Instrument, um möglichst ohne Medikamente oder gar chirurgische Eingriffe sexuelle Störungen zu behandeln. Anders als in anderen Psycho- oder Paartherapien steht hier die Wiederherstellung der Sexualkontakte innerhalb – oder bei Singles gegebenenfalls auch außerhalb – einer Paarbeziehung im Mittelpunkt. Die Erfolge dieser Behandlungsmethode sind beachtlich, sagt einer, der sich seit Jahrzehnten mit der Sexualtherapie befasst und sie in seiner Praxis regelmäßig anwendet: Dr. Gerhard Perchalla ist Sexualmediziner und Psychoanalytiker, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Neurologie.

Sexualtherapie bei dauerhaftem Leidensdruck

Bei der Sexualtherapie geht es um die Behandlung von Problemen, die zu sexuellen Störungen führen, also einen dauerhaften Leidensdruck erzeugen. Nach Schätzungen sind zehn bis 20 Prozent der Erwachsenen davon betroffen. Symptome reichen von Erektionsstörungen und Lubrikationsmangel, vorzeitige Ejakulation oder Vaginismus bis zur Not jener, die ihr biologisches Geschlecht nicht als ihr psychisch-soziales empfinden, die quasi "im falschen Körper" sind. In den Bereich der sexuellen Störungen gehören aber auch die Probleme von Singles, die darunter leiden, keinen (Sexual-)Partner zu finden.

Bei Paaren liegen die Ursachen für sexuelle Probleme oft in enttäuschten Erwartungen, Vertrauensbrüchen, Entfremdung. Unterschiedliche Vorlieben, gar Fetische oder der einseitige Konsum von Pornografie, Seitensprünge, ein nicht geteilter Kinderwunsch oder auch das übertriebene Aufgehen in der Rolle als Mutter oder Vater – all das kann eine sexuelle Beziehung stark belasten und eine Sexualtherpie hilfreich erscheinen lassen. "Wenn sich das Paar der Probleme bewusst wird und eine gemeinsame Konfliktlösung anstrebt, ist schon viel gewonnen", sagt Perchalla. "Wenn aber einer der beiden partout nicht will – dann sind die Ressourcen dieser Beziehung vermutlich einfach aufgebraucht."

Diabetes kann Sexualorgane beeinflussen

Die Symptome der sexuellen Funktionsstörungen treten bei Frauen und Männern gleichermaßen häufig auf. "Die Diagnose muss mit besonderer Sorgfalt gestellt werden, denn organische und psychische Ursachen sind bei sexuellen Störungen sehr oft verbunden", sagt Perchalla. Deshalb müssen vor einer Sexualteraie organische Erkrankungen erkannt und gegebenenfalls parallel behandelt werden. Diabetes oder Gefäßerkrankungen beispielsweise können die ohnehin höchst störanfällige Funktionsweise der Sexualorgane negativ beeinflussen.

Die große Stärke der Sexualtherapie liege genau hier, sagt der Therapeut aus Berlin: "Wenn die zugrunde liegenden seelischen Probleme erkannt und bestenfalls sogar gelöst werden konnten, sind die körperlichen Symptome meist gar nicht mehr so belastend." Viel vom selbst erzeugten Leistungsdruck schwinde, wenn sich ein Paar im geschützten Raum der Therapie über Grundbedürfnisse austauschen kann.

"Vor allem jüngere Menschen trauen sich nicht zu sagen, wenn sie einfach mal keine Lust haben", erlebt Perchalla in seinem Praxisalltag. "Ältere Paare haben mit körperlichen Veränderungen zu kämpfen. Und manchmal geht die gemeinsame Sprache verloren." Genau diese gilt es, in der Therapie zu finden.

Frauen fällt es oft leichter, Emotionen zu zeigen

Der Zugang zu den eigenen Emotionen und der Ausdruck derselben dem Partner gegenüber fallen Frauen manchmal leichter als männlichen Patienten. Aber mit Hilfe intensiver Gespräche und Übungen in der Praxis und zu Hause finden die Paare einen Weg, sich über ihre Grundbedürfnisse zu verständigen.

Als Wegbereiter der modernen Sexualtherapie gelten Masters und Johnson aus den USA. Sie entwickelten in den 60er-Jahren Übungen, die sich direkt auf das Sexualverhalten des Betroffenen bezogen. Daran angelehnte Kommunikations- und Körper-Übungen sind neben intensiven Gesprächen heute der Kern der Sexualtherapie. Und diese kann durchaus unterschiedlich ablaufen. Perchalla sagt: "So individuell wie der Mensch sind auch seine Bedürfnisse. Mit ein bisschen Hilfestellung gelingt es Paaren, diese aufeinander abzustimmen – vor allem, wenn die Liebe noch da ist."

Statt Sexualtherapie nach eigenen Lösungen suchen

Sein Tipp für den Alltag: "Eine experimentelle Grundhaltung ist immer gut!" Auch klassische Ratschläge, wie das Ausprobieren von Reizwäsche oder einer neuen Umgebung seien vielversprechend – wenn es denn tatsächlich den Vorlieben der Betroffenen entspricht. "Bevor Sie den Experten zu Rate ziehen, versuchen Sie es ruhig mit Hausmitteln: Überraschen Sie einander, seien Sie offen und vor allem: Werden Sie konkret in Ihren Wünschen!" Dann könne ein Paar die Krise nicht nur überstehen, sondern gestärkt daraus hervorgehen.

Infos: Wo es Hilfe gibt

Therapie "Sexualtherapeut" ist keine gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung. Meist spezialisieren sich Mediziner oder Psychologen durch Fort- bzw. Weiterbildung. Die Sexualtherapie ist keine medizinische Fachrichtung, sondern eine Zusatzkompetenz, die in Seminaren erworben werden kann. Als Abschluss gibt es ein Zertifikat, kein staatliches Diplom. Entsprechend ist Achtsamkeit angeraten bei der Wahl eines Therapeuten.

Adressen Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung hat Therapeuten-Listen zum Download auf ihrer Homepage bereitgestellt, alphabetisch sortiert, nach Bundesland oder Postleitzahl.
Sexualtherapeuten nach Postleitzahlen oder auch Schwerpunkt-Stichworten suchen kann man auch online beim Netzwerk Sexualtherapie. Dort sind außerdem Veranstaltungen und Artikel zum Thema verzeichnet.
Die wissenschaftliche Vereinigung sexualmedizinisch und sexualtherapeutisch tätiger Ärzte, Psychologen und anderer akademischer Berufsgruppen in diesem Bereich ist die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie. Vor kurzem fusionierte diese Akademie für Sexualmedizin zur Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW) mit Sitz in Dortmund.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Gerhard Perchalla, Sexualmediziner, Neurologe und Psychoanalytiker, März 2012
"Ein neues Institut für Sexualwissenschaft - Ideal und Wirklichkeit", Erwin J. Haeberle in: "Sexualwissenschaft heute", Deutsche Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Düsseldorf






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