Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Psychologie

Sehnsucht: Ein bittersüßes Gefühl

Von Manfred Pantförder (16. September 2011)

Eine große Sehnsucht vieler Menschen ist die nach einer gelungenen Liebesbeziehung. Foto: pa/Beyond

Das Gefühl der Sehnsucht kann belebend sein. Wenn die Sehnsucht jedoch in unerfüllbaren Träumen oder Fantasien endet, kann dieses Gefühl lähmen.

Sehnsucht ist ein schönes Wort. Obwohl Sucht in anderem Zusammenhang doch negativ besetzt ist. Vielfältig ist das, wonach Menschen sich sehnen. Nach Geborgenheit, Wärme und Liebe, nach etwas Neuem oder nur nach Erholung. Wenn die Sehnsucht auf einen anderen Menschen gerichtet ist, mit Erwartungen und Hoffnungen verknüpft, kann sie Quell der Lebendigkeit sein, aber auch Grund für maßlose Enttäuschung, wenn sie nicht erfüllt wird. Wann ist Sehnsucht schädlich?

"Sehnsucht beinhaltet Gefühle, Gedanken oder auch Überzeugungen von einem besseren Leben. Sehnsucht als Gefühl ist in der Regel ambivalent, bittersüß, weil positive und negative Komponenten immer gleichzeitig wirken: Das Ersehnte löst positive Gefühle und Fantasien aus, weil es jedoch abwesend oder sogar unerreichbar ist, erzeugt es gleichzeitig negative Gefühle", sagt Prof. Astrid Riehl-Emde, stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Sehnsucht ist ein ambivalentes Gefühl

Da Sehnsucht oft mit Leid verbunden ist, wird dieses Grundgefühl des Menschen auch aus psychotherapeutischer Sicht betrachtet. Das Sehnen nach einem Idealzustand kann in einen Zustand der Untätigkeit führen, Streben nach dem Unerreichbaren als Entschuldigung missbraucht werden dafür, dass realistische und naheliegende Lebensziele gar nicht erst gesetzt werden. In der romantischen Literatur stehen Protagonisten wie der junge Werther bei Goethe für ein Lebensgefühl, das sich mit nicht weniger als einem paradiesischen Zustand von Harmonie und Glück zufriedengeben will.

Wenn die lähmende oder depressive Seite der Sehnsucht überwiegt, kann eine psychotherapeutische Hilfestellung notwendig sein. "Sehnsucht wird auch als lustvolles Leiden oder als verzehrendes Verlangen beschrieben, weil sowohl positive Erregung, Hoffnung, Vergnügen als auch Frustration, Verlustschmerz und Trauer dazu gehören. Diese Ambivalenz oder Zweiseitigkeit zeigt sich auch in der Bedeutung der Sehnsucht für die persönliche Entwicklung", erläutert Riehl-Emde. "Eine zu intensive Sehnsucht, die unerfüllbar erscheint, kann beispielsweise dazu führen, dass Menschen melancholisch werden oder in Nostalgie versinken." Besonders in Paarbeziehungen zeigt sich das Spaltpotenzial, das der Sehnsucht nach Verbundenheit innewohnt. Man möchte sich nicht mehr einsam fühlen, beschreibt die Psychotherapeutin das, was Menschen sich am meisten unter einer Paarbeziehung vorstellen. Wenn der oder die andere eigenen Wünschen nicht entspricht, droht ein Scheitern.

Wenn Sehnsucht zum Stressfaktor wird

Die Sehnsucht führt dann die Unzulänglichkeit vor Augen und schafft eine Unzufriedenheit, die der andere, die andere nicht ausgleichen kann. Manchmal sind Erwartungen sehr hoch. "Aus der Psychotherapie mit Patienten kenne ich auch die Sehnsucht, der Partner oder die Partnerin möge zum Verheilen früher seelischer Wunden beitragen. Die Sehnsucht im Sinn einer Vision oder Utopie spielt untergründig in jeder Liebesbeziehung eine wichtige Rolle, lässt sich aber meist nur annäherungsweise realisieren", sagt Riehl-Emde, die auch als Paartherapeutin arbeitet. "Wenn Menschen mit dieser Begrenzung nicht zurechtkommen, wenn sie zum Beispiel nicht aufhören, den anderen nach ihrem Sehnsuchtsbild formen zu wollen, kann Sehnsucht Stress auslösen.

Ganz allgemein wird Sehnsucht dann zum Stressfaktor, wenn die Sehnsüchte der Einzelnen nicht zu den vorhandenen Möglichkeiten passen und auch nicht veränderbar sind." Die Sehnsucht gibt eine vage Vorstellung dessen, was erstrebenswert ist. "Es ist eine große Lebensaufgabe, den Unterschied zwischen einer ersehnten Beziehung und der realen Beziehung zu bewältigen", sagt die Paartherapeutin. "Aus meiner therapeutischen Perspektive beinhaltet diese Aufgabe aber auch eine große Chance zur individuellen und zur gemeinsamen Entwicklung des Paares." Denn die Sehnsucht ist eigentlich eine Kraft, die der Einzelne nutzen kann, um seinem Leben eine Richtung zu geben. Vorausgesetzt: Man denkt über sich nach.

Die irrationale Seite der Sehnsucht

Wenn Sehnsucht jedoch nur auf den Mangel hinweist, wenn immer etwas im Leben fehlt, ohne dass daraus Handlung entsteht, ist sie ein Lebensgefühl, das blockiert. Und wird Sehnsucht mit der Suche nach Glück gleichgesetzt, ist die Gefahr groß, einer Illusion nachzulaufen. "Sehnsüchte beinhalten immer auch irrationale Elemente. Dadurch unterscheiden sie sich von Lebenszielen, die in der Regel mehr rational gesteuert sind", sagt Prof. Riehl-Emde. Sehnsucht versus Lebensziele: "Beides kann vereinbar sein", so Riehl-Emde, "muss es aber nicht."

Einer irrational geprägten Sehnsucht liegt dann der Trugschluss zugrunde, dass man wüsste, wie die Welt zu sein hat. Diese Sehnsucht kann nicht gestillt werden. Daher hat eine überbordende Sehnsucht neben der melancholischen oft eine tragische Seite.

Abenteuerlust und Sicherheit

Sehnsucht ist ambivalent, sie sucht Bindung sowie Selbstbehauptung und Entdeckergeist. Psychotherapie müsse diese Ambivalenz managen, sagt Prof. Bernhard Strauß, der Psychotherapieforschung an der Universität Jena betreibt. "Wir leiden unter unseren Sehnsüchten, wenn wir sie nicht kontrollieren können." Der Mensch will entdecken und dabei immer wieder zu seiner sicheren Basis zurückkehren können. Wer eine sichere Bindung hat, wagt sich also auch hinaus. Solche Menschen, sagt Strauß, kämen mit ihren Sehnsüchten gut zurecht.


Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Gefühle

Quellen

Gespräch mit Prof. Astrid Riehl-Emde, stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie, Universitätsklinikum Heidelberg
Gespräch mit Prof. Bernhard Strauß, Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, Universität Jena






Anzeige