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Psychologie

Schönheit zwischen normal bis ideal

Von Manfred Pantförder (13. Januar 2012)

Schönheit ist normal: Die größte Zustimmung erhielten Durchschnittsgesichter wie dieses einer Frau. Foto: Martin Gründl

Die Attraktivitätsforschung versucht zu entschlüsseln, wie das ästhetische Empfinden bei Menschen geprägt wird. Bevorzugt wird in Sachen Schönheit vorwiegend das Vertraute. Warum eigentlich?

Gibt es eine Vorstellung von Schönheit, die allen Menschen gemeinsam ist? Die Neurobiologie befasst sich zunehmend mit der Frage, wo und wie im Gehirn entschieden wird, was Schönheit ist. Im Laufe der Evolution wurden im menschlichen Gehirn Idealformen vom Körper entwickelt, lautet ein Ansatz. Aber nach welchen Kriterien, nach welchen Erfordernissen der jeweiligen Kultur?

Neurowissenschaftler in London lokalisierten das, was der Mensch als schön empfindet, in Teilen des Fronthirns, genau: im mittleren orbifrontalen Cortex. Diese Region des Gehirns wird auch als Belohnungszentrum betrachtet. Und die Forscher um den Neurobiologen Semir Zeki stellten fest, dass auch jener Teil des Gehirns, der für Liebe wichtig ist, aktiviert wird, wenn wir Schönheit sehen. Finden wir schön, was wir lieben oder lieben wir, was wir schön finden, lauten entsprechend die Optionen.

Schönheit beim Mann: markantes Gesicht

In der Kunst hat sich daraus die Frage abgeleitet, ob es eine objektive Bewertung dessen, was Schönheit ist, überhaupt geben kann. Ist Michelangelos David schön in den Augen der Betrachter, weil die Körperform als schön empfunden wird, oder beeindruckt die Schönheit der Figur nur, weil sie ein anerkanntes Kunstwerk des berühmten Italieners ist?

Bis zu einem gewissen Grad gibt es Übereinkünfte oder gemeinsame Ansichten über Schönheit, dass ein Gesicht beim Mann eher markant, ein Körper der Frau eher mit Rundungen beschaffen sein sollten, damit ein harmonisches Bild im Auge des Betrachters entstehen kann. Ob dies allerdings objektive Kriterien für Schönheit sein können, bleibt zweifelhaft.

Der Begriff objektiv sei ohnehin misslich, formuliert Dr. Martin Gründl, da es "private taste" und "shared taste" gebe, also privaten Geschmack und gemeinsam geteilten. "Extreme Merkmale kommen nicht gut an, aber auch nicht der absolute Durchschnitt", sagt der Psychologe an der Universität Regensburg in Sachen Schönheit.

Unverwechselbare Zeichen kommen gut an

Gründl hat umfangreiche Befragungen und Studien zu Attraktivität und Schönheit unternommen und als Ergebnis dabei die abgebildeten Durchschnittsgesichter herausgefunden, welche die meiste Zustimmung erhielten, aber nicht das Maß aller Dinge sind. Es ist die Schnittmenge dessen, was als Schönheit gesichtet wurde, Durchschnitt also nicht im ästhetischen, sondern im mathematischen Sinn. Für die abgebildeten Durchschnittstypen hieße dies: In den Gesichtern fehlt quasi ein I-Tüpfelchen, etwas, das sie unverwechselbar macht oder prägt.

Bild: So sieht das Duchschnittsgesicht eines Mannes aus, das die meiste Zustimmung der Studienteilnehmer fand. Foto: Martin Gründl

Vom Tisch ist indessen die These, wonach Gesichter symmetrisch sein müssten, wenn ihnen Schönheit attestiert werden sollte. "Die Symmetrie des Gesichts spielt keine nennenswerte Rolle", nennt Psychologe Gründl als ein wichtiges Resultat der neueren Attraktivitätsforschung. Die hat weitere Details und Hinweise ergeben. Danach spielen weder Augen- noch Haarfarbe eine herausragende Rolle bei der Schönheit. Blaue Augen, blonde Haare schnitten nicht besser ab. Aber: "Alles, was ein Auge jung macht, wirkt", sagt Martin Gründl.

Das männliche Gesicht hat ein klares Merkmal, das Schönheit kennzeichnet: "Ein markanter Unterkiefer und ein markantes Kinn sind wichtig", sagt Gründl. Je männlicher ein Männergesicht, desto attraktiver, diese Formel gelte allerdings nicht, so der Forscher, auch eher weibliche Merkmale im Gesicht des Mannes seien durchaus attraktiv. Beim Frauengesicht, so eine Erkenntnis der Regensburger, ist eine Note Kindgesicht attraktiv.

Im jeweiligen Kulturkreis scheint es eine evolutionäre Anschauung über Schönheit und wie denn ein Mensch auszusehen hätte, zu geben, und dabei scheint das Vertraute am ehesten zustimmungsfähig. Die Psychologen in Regensburg hatten mittels digitaler Bildbearbeitung Fotos von Mann und Frau mit den jeweils beliebtesten Merkmalen geschaffen. Das umfasste Augenabstand, Mundgröße, Lippenfülle, Nasenlänge, Form der Augenbrauen, Kopf- und Gesichtsform.

In Sachen Liebe wird mancher Makel übersehen

Ähnliches "Mittelmaß" entwarfen sie am Bildschirm zur männlichen und weiblichen Körperform. Fazit: Das Normale ist schön, so der breite Konsens der Psychologen um Gründl, die nach eigenen Angaben mehrere zehntausend Probanden umfassend zu Gesicht- und besonders zu Körpervorlieben befragten, um der Schönheit auf die Spur zu kommen.

Wenn es allgemeine Kriterien für Schönheit gäbe, hätten manche Menschen wesentlich schlechtere Aussichten, auf dem Partnermarkt überhaupt fündig zu werden. In Sachen Liebe jedoch kann vielfach die Beobachtung bestätigt werden, dass selbst mancher Makel akzeptiert oder übersehen wird, wenn es denn zwischen zwei Menschen "funkt". Anziehungskraft, Attraktivität, speist sich nicht nur aus Äußerlichkeit.

Schönheit und Attraktivität

Bei der Frage, welchen Sinn Schönheit und Anziehung haben, gibt es in der Forschung je nach Sichtweise diverse Erklärungen, evolutionäre oder kulturelle und psychologische. Biologen denken zuallererst an die Weitergabe guter Gene, an Fortpflanzung und Gesundheit, wenn es darum geht, warum sich bestimmte Menschen anziehen und zueinander finden.

Die kulturelle Erklärung sieht eher gesellschaftliche Faktoren, welche Schönheitsideale bestimmen oder einfordern. "Wie viel ist genetisch, wie viel ist kulturell bedingt oder nur eine bloße Modeerscheinung, das ist die Gretchenfrage", sagt Psychologe Gründl. Da bleibt viel Spielraum für die eigene Interpretation von Schönheit.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Martin Gründl, Institut für Psychologie der Universität Regensburg, Jan. 2012
Attraktivitätsstudie am University College London, in PLoS One, Juli 2011, doi:10.1371/journal.pone.0021852






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