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Psychologie

Gezähmte Männer: Die Rosa-Therapie

Von Barbara Bückmann (7. März 2012)

Besänftigend: Die Farbe Rosa Foto: Getty/Vetta

Rosa sei eine ganz besondere Farbe, sagen Experten. Sie zähme die Gefühle, mache wilde Männer sanft. Jetzt experimentieren Schulen, Kliniken und Gefängnisse mit rosa Zellen

Die Rosa-Phase hat ihre Spuren im Kinderzimmer hinterlassen: Feen-Bettwäsche, Prinzessinnen-Lampe, rosa Schreibtisch, rosa Drehstuhl. Doch die Mutter von Mia ist erleichtert. Die Zweitklässlerin findet die Farbe jetzt "tussihaft". Der Farbton mit der Palette vom zarten Pastell bis zum knalligen Pink fasziniert aber nicht nur kleinere Mädchen, sondern beeinflusst auch schwere Jungs. Schweizer Gefängnisse experimentieren seit einiger Zeit mit pinkfarbenen Zellen, die Häftlinge beruhigen sollen.

Nach wenigen Stunden in der rosa Zelle werden aggressive Gefangene friedlicher, beobachtet das Personal. Es gibt weniger Vandalismus, Decken und Wände werden nicht mit Kot beschmiert, verbale Angriffe gegen die Wachleute bleiben aus. Nach einigen Tagen können die Häftlinge in ihre normalen Zellen zurückkehren. Psychiatrische Kliniken überlegen jetzt, mit einem Rosa-Raum Patienten zu besänftigen. Auch in den Justizvollzugsanstalten Hagen und Dortmund gibt es inzwischen einen rosa Haftraum für besonders gewalttätige Gefangene. Bei den ersten Insassen sei zwar "keine positive Wirkung" festgestellt worden, berichtet die Dortmunder JVA-Leiterin Barbara Lübbert. "Trotzdem glaube ich, dass wir von dem Farbkonzept profitieren werden."

Zelle im Polizeigefängnis ZürichBild: Zelle im Polizeigefängnis Zürich

Farben können unbewusste Reaktionen auslösen, Stimmungen erzeugen und werden bestimmten Gefühlen zugeordnet. Das ist lange bekannt. Blau fördert die Konzentration, Rot regt an. Wie das jedoch genau funktioniert, ist noch nicht erforscht. Die Farbwahrnehmung wird vom Sehnerv an das Zwischenhirn geleitet, das eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Hormonhaushalt und Emotionen spielt. Erst danach gelangen sie ins Großhirn, das fürs Verstehen zuständig ist, erläutert die Schweizer Farbpsychologin Daniela Späth, die den Gefängnis-Farbton entwickelt hat: Cool Down Pink nennt sie ihn, ein kühles Rosa mit Blau-Anteil.

Beruhigender Impuls im Zwischenhirn

Bevor der Gefangene die Farbe erkennt und etwa als "Mädchen- oder Schwulenfarbe" ablehnen kann – das taten einige – wird im Zwischenhirn der entspannende Impuls ausgelöst. Die Wirkung von Pink testete Späth in einem weiteren Versuch: In Einkaufspassagen stellte sie farbige Kabinen auf. Die Passanten konnten sich für eine beliebige Anzahl Kabinen entscheiden und darin verweilen. Vorher und nachher wurden Blutdruck und Puls gemessen. Ein Viertel entschied sich für Pink, bei der Mehrzahl sank der Blutdruck.

Test mit verschiedenen Farb-Zellen in einer Schweizer KlinikBild: Test mit verschiedenen Farb-Zellen in einer Schweizer Klinik

Die ersten Experimente mit Pink unternahmen Forscher in den USA. Pinkfarbene Gefängniszellen gibt es dort seit Ende der 1970er Jahre. Auch in Schulen kam Pink zum Einsatz, komplett pinkfarbene Räume wirkten auf die Schüler aber regelrecht betäubend. Bei einem anderen Versuch erlahmten bei den Probanden die Kräfte, wenn ihnen beim Armdrücken eine pinkfarbene Farbtafel gezeigt wurde.

Psychologen der Uni Basel wollen die These vom beruhigenden Pink nun wissenschaftlich überprüfen und Blutdruck, Puls und Adrenalinspiegel der Häftlinge messen. Auch Experimental-Psychologe Dr. Daniel Oberfeld-Twistel von der Uni Mainz misstraut der Aussagekraft der bisherigen Berichte. Es gäbe zu den rosa Gefängniszellen noch keine kontrollierten Studien. Bei der unsystematischen Beobachtung können Versuchsleitereffekte wie Erwartungen der Beobachter eine Rolle spielen. Oberfeld-Twistel hat nun zwei Tests initiiert, die gerade ausgewertet werden: Im ersten wurde der Erregungspegel von Probanden in roten, blauen und pinken Zellen gemessen. Im zweiten mussten Gymnasiasten in einer pink und einer blauen Farbbox Aufgaben lösen.

Geeignet fürs Badezimmer

In Wohnräumen könne Rosa eine heitere und lichte Atmosphäre schaffen, meint Anna Pfeiffer. Die Architektin und Designerin entwirft Kinder-Mode und -Möbel. Zu viel Rosa an der Wand dürfe aber nicht sein, "das nimmt man dann nicht ernst". Gut geeignet sei es für Räume, die man nicht ständig betritt wie das Bad. Für Sofa oder Bücherregal komme die Farbe nicht in Frage: "Das sind Möbel, die ewig stehen. Das würde man sich satt sehen."

Mit Rosa assoziieren die meisten Menschen Begriffe wie empfindsam, sanft, Charme, Schwärmerei, Träumerei, Romantik, Zärtlichkeit, Naivität, weich, süß, lieblich. Die mit der Farbe verbundenen Assoziationen lassen sich in der Wahl der Kleidung nutzen. Wer Rosa etwa mit Schwarz kombiniert, verbindet den entwaffnenden Effekt mit einer selbstbewussten Geste. "Schwarze Kleidung steht für mächtig, unantastbar, abgegrenzt," so Späth. "Ein rosa Kostüm wäre im Berufsleben ungeeignet. Rosa sagt: Tu mir nichts." Wer es trägt, muss damit rechnen, für wenig kompetent gehalten zu werden.

"Männer fühlen sich von Pink drangsaliert"

Kleidung in knalligem Pink indes wird eher als arrogant empfunden. Der deutsche Farbpsychologe Harald Braem, der die lila Milka-Kuh erfand, meint dazu: "Männer können nicht so viel Pink vertragen, sonst wird ihr normales Maß an Aggression gehemmt und sie fühlen sich drangsaliert."

Rosa Wand in einem Schweizer Schülerhort.Bild: Aufenthaltsraum mit rosa Wand in einer Schweizer Kita.

Bis in die 1920er Jahre hinein war Rosa in Europa die traditionelle Jungen-Farbe, kleine Mädchen trugen hellblau. Durch das Blau von Uniformen und Arbeitskleidung drehte sich die Zuordnung um. Dabei mögen kleine Jungs Rosa: Bis zu vier Jahren rangiert Rosa bei Jungen und Mädchen gleichermaßen als Lieblingsfarbe, untersuchte Späth. Im Kindergarten lernen die Knaben dann oft, dass Rosa eine Mädchenfarbe sei und lehnen es von da an ab.

Die Vorliebe für Rosa bei kleineren Kindern resultiere aus ihrer beruhigenden Wirkung. Kleine Kinder beherrschten noch nicht die "kognitive Selektion" und könnten sich schlecht vor Überreizung schützen. "Rosa hilft Stress besser zu verkraften." Bei Männern löse die Farbe einen Beschützerinstinkt aus, bei Frauen Muttergefühle. Rosa sei eine emotionale Schutzzone, in der sich das Kind frei bewegen könne, erklärt Harald Braem. Die Farbe entspricht also einem inneren Bedürfnis.

Rosa Rausch im Kinderzimmer

Das mag den großen Erfolg der rosa gekleideten Prinzessin Lillifee erklären. Vom Bettzeug bis zum Schulranzen kann das Kind komplett in die mit Blümchen, Herzchen und Schmetterlingen garnierte Welt der Feen-Prinzessin eintauchen, in der es überaus harmonisch zugeht. Auch Barbie, die Disney-Figuren und Hello Kitty tragen zur Rosa-Überdosis in den Mädchenabteilungen einiger Mode- und Spielwarenhäuser bei. Manche Mutter fühlt sich dadurch regelrecht bedrängt. "Man sollte nichts gegen den Rosa-Tick unternehmen, da es völlig normal ist, sich biologische und psychologische Vorteile zu verschaffen", so Braem. Der Rosa-Kult weicht ab acht Jahren meist einem individuelleren Farbgeschmack.

Meinung: Die Sprache der Farbe

Christian Seel

Von Christian Seel

GESUND steht über dieser Seite – nicht Schwarz auf Weiß, sondern in Lindgrün. Glaubt man entsprechenden Befragungen, so denken die meisten Menschen bei dieser Farbe an Gesundheit. Das Grün ist also ebenso wenig zufällig gewählt wie das Blau der "Tagesschau" (Assoziation: Vertrauen) oder das Rot von Coca Cola (Energie, Leidenschaft).Wer ein Magazin, eine Sendung, ein Produkt gestaltet, macht sich heutzutage Gedanken um die Farbe. Experten für sogenanntes Neuromarketing behaupten sogar, sie sei wichtiger als der Markenname selbst. Eine Nivea-Dose in Rot etwa würde ein Fünftel des Umsatzes verlieren, haben Wissenschaftler der Uni-Münster herausgefunden.

Die Wirkung von Farben beschäftigt die Forschung seit langem. Der griechische Philosoph Platon stellte komplizierte Theorien über Sehstrahlen und Feuerteilchen auf. Für Goethe mit seiner 5000 Seiten starken Farbenlehre waren sie "Taten des Lichts, Taten und Leiden", für den Psychoanalytiker C.G. Jung "die Muttersprache des Unbewussten".

Statistiker können heute zwar Zusammenhänge zwischen Farben und Empfindung berechnen. Dem Wirkmechanismus aber kam noch keiner auf die Schliche. In den Farben stecken verborgene Dinge, die man anders nicht ausdrücken könne, schrieb der Maler Vincent Van Gogh. Wer sich auf ihre Wirkung einlassen kann, bereichert damit seine Wahrnehmung.

Cool Down Pink: Rosa als Geschäft

Daniela SpäthDie Schweizer Farbpsychologin Daniela Späth beschäftigt sich seit 2006 mit den beruhigenden Effekten der Farbe Rosa. Ein Justizvollzugsbeamter brachte die 48-Jährige auf das Thema, als er um Informationen dazu bat. Sie suchte daraufhin nach der Farbmischung mit der größten Wirksamkeit – und entwickelte das Cool Down Pink, das sie als Marke schützen ließ. Dazu setzte sie 20 Probanden vor vier mal vier Meter große Tafeln, die in 15 verschiedenen Rosa-Tönen gestrichen waren, die in Helligkeit und Sättigung variierten. Dabei wurde der Blutdruck gemessen und die Testpersonen nach ihrem Empfinden gefragt. Nun verkauft sie die Farbe zum Preis für 171,90 Euro pro Zehn-Liter-Eimer an Gefängnisse, Schulen und psychiatrische Einrichtungen.


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Quellen

Gespräch mit Daniela Späth, Farbpsychologin, Zürich, März 2012
Gespräch mit Barbara Lübbert, Leiterin JVA Dortmund, März 2012
Gespräch mit Dr. Daniel Oberfeld-Twistel, Psychologe, Uni Mainz, März 2012
Gespräch mit Anna Pfeiffer, Designerin, Berlin, März 2012
Gespräch mit Prof. Harald Braem, Designer und Farbpsychologe, Bettendorf, März 2012
"Der psychologische und physiologische Effekt von 'Cool Down Pink' auf das menschliche Verhalten", Daniela Späth, Color Motion GmbH
"Der Marken Optimizer: Ein integriertes Modell zur Imageoptimierung einer bestehenden Markenerweiterung unter besonderer Berücksichtigung der Familienmarke am Beispiel Nivea", Claudia Bünte, Uni Münster, Juli 2005
"Die Auswirkung von Farben auf die Produktassoziation", Prof.Thomas Urban, Manuela Wolf, TU Chemnitz 2011






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