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Psychologie

PTBS: Traumafolgen und kein Ende

Von Prof. Ulfried Geuter (9. November 2012)

Die Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, trifft Menschen nach Haft, Folter, Geiselnahme oder Vergewaltigung. Betroffene leiden unter Albträumen, Depressionen oder Schlaflosigkeit. Was der Seele helfen kann!

1994 untersuchten die Psychologen Andreas Maercker und Matthias Schützwohl ehemalige politische Gefangene der DDR. Über ein Viertel litten an Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Davon spricht man, wenn Menschen nach Haft, Folter, Geiselnahme oder Vergewaltigung von Bildern und Gefühlen überschwemmt werden oder schreckhaft auf Reize reagieren, die an das Trauma erinnern. Betroffene versuchen entsprechende Orte, Gerüche oder Geräusche zu vermeiden und leiden unter Albträumen, emotionaler Taubheit, Übererregung, Depressionen, Schlaflosigkeit und Ängsten.

2008 untersuchten Maercker (Universität Zürich) und Schützwohl (Technische Universität Dresden) die damals Befragten erneut. 85 Prozent der noch Lebenden trafen sie an. Ihre Ergebnisse, die das Fachblatt "Der Nervenarzt" publiziert (doi: 10.1007/s00115-012-3646-y): Demnach leidet noch etwa ein Drittel an einer PTBS, obwohl die Haft viele Jahre zurückliegt. Weitere ehemalige Häftlinge haben einzelne der genannten Symptome oder andere wie eine Depression. Bei 15 Prozent der einstigen Gefangenen kam es zu einem späten Ausbruch einer PTBS, vielleicht weil altersbedingt traumabezogene Schlafstörungen oder erhöhte Wachsamkeit zunehmen. Ein anderes Symptom, die Klaustrophobie, die sich aufgrund der Aufenthalte in Gefängniszellen einstellt, nahm hingegen im Laufe der Jahre ab.

PTBS oder verständliche Reaktionen einer überforderten Seele

Zum Glück nimmt die Psychiatrie das Leiden der Opfer heute zur Kenntnis. Nach dem Krieg verwarfen deutsche Psychiater noch fast alle Anträge auf Wiedergutmachung von KZ-Opfern, die unter ähnlichen Symptomen litten, weil diese angeblich konstitutionell bedingt seien. Dass Haft die Seele krank machen kann, wurde geleugnet. Erst nach dem Vietnamkrieg nahm die US-Psychiatrie 1980 die "Posttraumatische Belastungsstörung" in ihr Diagnosenschema auf, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zog später nach.

In der DDR schulte die Stasi ihre Mitarbeiter, Opfer, wie es hieß, zu "zersetzen". Als Franziska Groszer, Mitglied der "Kommune I, Ost", verhört wurde, kündigte ihr der Vernehmende an, ihren Sohn zu befragen, falls sie die Auskunft verweigere. Der war damals drei Jahre alt.

Angst und Verfolgungswahn waren durchaus angemessene Reaktionen auf Verfolgung und Bespitzelung. Auch Traumafolgen sind verständliche Reaktionen einer überforderten Seele. Vor ihnen schützen emotionale Unterstützung durch andere und soziale Integration. Und etwas, das der Psychotherapeut Viktor Frankl aufgrund eigener Erfahrungen im KZ betont: dass man dem Leiden einen Sinn gibt und das Geschehene einordnet.

Autor: Prof. Ulfried Geuter

Kolumnist Prof. Ulfried Geuter (Foto) ist Psychologischer Psychotherapeut in Berlin und lehrt in Marburg.


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