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Psychologie

Narziss oder die Angst vor der Liebe

Von Prof. Ulfried Geuter (24. Oktober 2012)

Narzissten wähnen sich großartig, größer als sie sind, oder aber auch klein und minderwertig. Kann ein früher emotionaler Mangel noch ausgeglichen werden?

Europa verdankt den Griechen viele Mythen. So den von Narziss, dem jungen Mann, der sich erst verlieben konnte, als er im Wasser sein Spiegelbild sah. Narziss war so von sich eingenommen, dass er alle zurückwies, die seine Zuneigung wünschten. Als eine Nymphe daher die Götter anrief, er möge niemals glücklich sein, erhörte sie die Rachegöttin Nemesis und strafte Narziss mit dem Fluch der Selbstliebe.

Heute ist unsere Gesellschaft narzisstisch, diagnostiziert der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz ("Die narzisstische Gesellschaft, Ein Psychogramm", Verlag Beck, 2012): Sie lenkt sich ab mit Konsum, giert nach Bewunderung und will eigenes Unglück nicht sehen.

Von einer narzisstischen Störung sprechen wir Psychotherapeuten, wenn sich bei einem Menschen Streben nach Großartigkeit mit Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, Selbstbezogenheit und Mangel an Einfühlung in andere paart.

Narzissten und der Liebesmangel

Bekommt ein Kind nicht die Anerkennung, die es braucht, kann es keinen gesunden Narzissmus, kein Selbstwertgefühl entwickeln. Narzissten, meint Buchautor Maaz, haben Liebesmangel erlebt und wollen an ihn nicht erinnert werden. Daher sperren sie sich zu fühlen und haben Angst vor der Liebe. Sie wähnen sich großartig, größer, als sie sind, oder auch klein und minderwertig.

Um ihr schwaches Selbstwertgefühl zu stärken, streben Narzissten nach Perfektion. Sie versuchen, andere Menschen dazu zu bringen, sie zu bewundern, und durch Erfolg, Schönheit, Macht die lebensnotwendige Aufmerksamkeit zu erlangen. Gelingt ihnen dies, bringen sie es leicht zu großer Anerkennung, während die innere Leere bleibt. US-Popstar Michael Jackson ist ein tragisches Beispiel.

Beschäftigt mit sich selbst, sieht der Narzisst die Mängel der anderen, nicht die eigenen. Er entwertet andere Menschen und wertet sich selbst auf. Er kritisiert, aber darf nicht kritisiert werden. "Die Kränkbarkeit ist die Achillesferse der narzisstischen Störung", schreibt Maaz. An Politikern beobachtet er, dass sie Kränkungen abwehren, indem sie alles, was sie tun, zum Erfolg erklären und andere Parteien abwerten.

Den frühen Mangel des Narzissten können heilsame Beziehungen ausgleichen, zum Beispiel wenn eine aufopfernde Frau ihren narzisstischen Mann erträgt. Zur Therapie kommt dieser nur, wenn er von seinem Gefühl von Grandiosität in eine Depression kippt oder wenn er leidet, weil andere sich ihm entziehen.
Ein Narzisst hat es äußerst schwer, ehrlich zu sich selbst sein. Denn dazu muss er seiner Wut und seinem Schmerz begegnen. Und Milde und Einfühlung gegenüber sich und anderen Menschen lernen.

Autor: Prof. Ulfried Geuter

GESUND-Kolumnist Prof. Ulfried Geuter (Foto) ist Psychologischer Psychotherapeut in Berlin und lehrt in Marburg.


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