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Psychologie

Die schnurrenden Psychologen

Von Ela Dobrinkat (10. Mai 2012)

Diplom-Psychologin Regina Lessenthin mit zwei ihrer "Ko-Therapeuten", die sich zwanglos in der Praxis bewegen. Foto: Seel

Psychologin Regina Lessenthin lässt sich bei ihrer therapeutischen Arbeit von 13 Katzen helfen. Das verkürzt die Behandlung der Patienten, sagt sie

 In der Praxis geht es manchmal hektisch zu. Ruhe und Gelassenheit findet Regina Lessenthin bei ihren 13 Katzen. "Ihre Gegenwart hat eine ausgesprochen beruhigende Wirkung", sagt die Psychotherapeutin aus dem Neckarstädtchen Benningen bei Stuttgart. Sie möchte, dass auch ihre Patienten von dieser tierischen Eigenart profitieren. Die Diplom-Psychologin lässt sich in ihrer Praxis für psychisch kranke Menschen von Vierbeinern helfen. Ihre Katzen sind eine Art Hilfstherapeuten.

"Tiergestützte Therapie" nennt man das im Fachjargon. Die zur alternativen Medizin rechnende Behandlungsmethode wurde in den USA entdeckt und wird hierzulande seit den 80er-Jahren praktiziert. Als wichtigste Eigenschaft von Tieren zählt dabei ihr authentisches Verhalten. Sie verstellen sich nicht und reagieren auf Menschen vollkommen vorurteilsfrei. Inzwischen gibt es Kaninchen und Hamster in Kinder- und Altenheimen, bei psychischen und physischen Störungen werden Delfine, Hunde, Pferde, Kamele oder Lamas eingespannt. Meist fungieren die Tiere als Medium. Die als sehr eigenwillig geltenden Katzen sind in Therapiepraxen selten, obwohl Ärzte und Patienten auf Kinderstationen und in Hospizen erste positive Erfahrungen mit ihnen gesammelt haben.

Mit Katzen können sich Patienten schnell identifizieren

"Aufgrund ihrer ausgeprägten Individualität bieten die Katzen meinen Patienten eine Projektionsfläche", sagt Lessenthin. "Ich habe sehr scheue, ehemals verwahrloste oder traumatisierte Tiere, mit denen sich manche Patienten schnell identifizieren." Zudem habe das Schnurren der Katzen eine wohltuende Wirkung auf Menschen und eine wissenschaftlich nachgewiesene Heilkraft.

Wie Katzen das merkwürdige Vibrieren, dieses sanft knatternde Brummen produzieren und für ihre Kommunikation nutzen, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sie schnurren bei Wohlbefinden, aber auch bei Stress – um sich selber und andere zu beruhigen. Bioakustische Forschungen in den USA und Europa haben ergeben, dass der Heilungsprozess von menschlichem Knochengewebe durch das vibrierende Schnurren von Katzen im Frequenzbereich von 25 bis 40 Hertz beschleunigt wird. Die Katzen in Benningen haben allerdings nur psychologische Aufgaben.

"Die Tiere beenden in der Therapie das Schweigen"

Die Praxistiere der Psychotherapeutin gehorchen ihr recht gut, doch sind sie im strengen Sinn nicht "abgerichtet". Je nach Fall erledigen sie aber "auf Befehl" kleine Aufgaben. Sie apportieren zum Beispiel kleine Bälle. Sie verhalten sich während der Therapiestunden zu den Patienten völlig unterschiedlich. Das reicht von völliger Ignoranz bis zu gesteigertem Interesse an Patienten. "Die Tiere beenden das Schweigen", sagt Lessenthin. "Sie sind Eisbrecher oder Katalysatoren, die eine Brücke zwischen Therapeut und Patient bauen." Das verkürze die Dauer der Psychotherapie.

Katzen mischen sich zwanglos ein

Dass sie in der Praxis einmal mit Tieren zusammenarbeiten würde, hat Regina Lessenthin in ihrem Berufsleben nicht geplant. "Das hat sich so ergeben", sagt die Psychologin, deren Behandlungsmethode von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt wird. Die Katzen hätten sich völlig ungebeten und freiwillig selber in die Therapie eingemischt.

Zunächst gab es nur zwei Tiere aus dem Tierheim, die sich die Therapeutin zu ihrer privaten Freude angeschafft hatte. Die Katzen scherten sich wenig darum, ob Patienten im Haus waren oder nicht. Sie liefen während der Therapiestunden durch das Sitzungszimmer, wollten dann in den Garten, wieder zurück ins Haus und dann wieder in den Garten. "Manchmal haben Patienten die Aufgabe des Türöffners übernommen", erzählt Lessenthin.

Katzen verstärkt in die Therapie einbezogen

Sie habe aufgehorcht, als die Patienten im Gespräch über die Katzen auf einmal ihre Probleme offenbarten. Auch ihr Verhalten gegenüber den Tieren sei für sie als Therapeutin sehr aufschlussreich gewesen. Da habe sie systematisch Bücher über tiergestützte Therapien gelesen und mehr und mehr die Katzen in die Therapie "einbezogen".

Ein Fall ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: Eine überforderte Mutter, die von ihrem Ehemann verlassen worden war, saß inmitten der Praxiskatzen und versuchte, die Tiere zu füttern. Durch eine ungeschickte Bewegung rutschte ihr eine Katze vom Schoß, worauf die anderen Katzen sich erschreckten und schließlich alle davon stieben. Die Patientin habe daraufhin völlig die Fassung verloren, sei in Tränen ausgebrochen und habe gesagt: "So geht es mir immer: Ich gebe mir so viel Mühe, aber am Ende verlassen mich alle." Ohne die Katzen wäre es nicht so schnell zu dieser Selbsterkenntnis, einem Durchbruch in der Therapie gekommen, sagt Lessenthin.

"Ohne Tiere könnte ich das Arbeitspensum nicht schaffen"

Ihre Praxis brummt. Auf ihrer Warteliste stehen 150 Patienten. Die Katzen streifen weiter durchs Haus und um die Beine der Patienten. "Ohne die Tiere könnte ich mein Arbeitspensum nicht schaffen", sagt die Therapeutin. Neben der Betreuung der Patienten muss sie täglich 30 Katzenklos und den kleinen, umzäunten, mit einem Netz versehenen Garten säubern.

Nachts schlafen fast alle Katzen bei ihr im großen Bett. "Das Schnurren ist wie autogenes Training", sagt Lessenthin. Es sei die perfekte Einschlafhilfe: "Ich bin sofort weg."

Zur Person: Diplom-Psychologin Regina Lessenthin

Die 1958 in Gelsenkirchen geborene Regina Lessenthin studierte in Bielefeld, Bochum und Düsseldorf Psychologie. Sie baute Praxen in Düsseldorf und Erlangen auf und blieb schließlich in Benningen. 1999 erhielt sie die Zulassung der Krankenkassen. Ihr Schwerpunkt: Verhaltenstherapien für Kinder und Erwachsene und Tiefenpsychologie für Erwachsene. Sie ist Spezialistin für Entspannungstechniken, führt Partnertherapien durch und erstellt gerichtliche Gutachten. Seit den 90ern arbeitet sie mit den Katzen. Theoretisch beruft sie sich dabei auf Boris Levinson, Aubrey H. Fein, Sylvia Greiffenhagen und Carola Otterstedt.
 
 


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Quellen

Gespräch mit Diplom-Psychologin Regina Lessenthin, April 2012
Marianne Hahsler, Katzen - Seelenfreunde und therapeutische Helfer, Verlagshaus der Ärzte, Wien 2011






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