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Wenn Hautprobleme im Kopf entstehen

Von Barbara Dötsch (7. November 2008)

Eine Frau rückt ihrer Schuppenflechte mit ultravioletter Bestrahlung zu Leibe. Foto: pa/dpa

Vier Millionen Menschen leiden unter Neurodermitis. Solche Hauterkrankungen können auch durch seelische Faktoren ausgelöst

Jeder fünfte Deutsche hat Hautprobleme. Bei einem Drittel aller Betroffenen sind psychische Störungen eine Folge der Hauterkrankung oder sogar deren Ursache, ist der kommissarische Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Professor Uwe Gieler, sicher. Das würden auch 165 Hautärzte aus fast allen deutschen Kliniken bestätigen, die der Professor in den vergangenen drei Jahrzehnten befragt hat: "Die Fälle von Hauterkrankungen, die von der Psyche beeinflusst werden, wie allergische Reaktionen, Nesselsucht, Akne und Weißfleckenkrankheit haben zugenommen."

"Vor Neid erblassen", "vor Scham erröten". Nicht immer entschlüsseln Redewendungen unsere Hautprobleme. "Sie ist unser größtes Kommunikationsorgan", sagt Gieler, der als Psychodermatologe die "Haut als Spiegel der Seele" erforscht. So führt Gieler den Auslöser für Neurodermitis bei bis zu 40 Prozent seiner Patienten auf seelische Faktoren zurück. Vier Millionen Deutsche leiden unter der häufigsten Allergie-Erkrankung.

Typisch für diese Betroffenen sei eine "große innere Unsicherheit" beim Kontakt mit anderen Menschen, so wie bei einem Mann, der als Kind von den Eltern geschlagen und beschnitten wurde. Gieler hat bei Allergie-Patienten meistens auch eine Angsterkrankung diagnostiziert.

Schuppenflechte als psychosomatische Abwehr

Noch deutlicher sieht der Mediziner aus Gießen den Einfluss der Psyche auf die Haut bei der Psoriasis (Schuppenflechte), an der drei Millionen Deutsche erkrankt sind. Sie sei ein typisches Beispiel für eine psychosomatische Abwehrreaktion. "Die Haut reagiert immer dann, wenn die Betroffenen bei psychosozialen Konflikten nicht auf einer psychischen Ebene reagieren können", beschreibt Gieler. So sei der Krankheit eines freiheitsliebenden Mannes der Zwang vorausgegangen, die Firma des Vaters zu übernehmen und gleichzeitig die schwangere Freundin zu heiraten. Die Krankheit führe Betroffene dann oft in den sozialen Rückzug, in Resignation und Depression.

Wie aber kommt es eigentlich zu dem Teufelskreis, den Psyche und Haut in Gang setzen? "Unsere Nervenenden gehen bis in die Haut. Werden diese durch psychischen Stress aktiviert, senden sie Botenstoffe aus, die Entzündungsreaktionen bewirken können", umreißt Professor Gieler die Wechselwirkungen im Körper.

Psychische Störung als Folge der Hautprobleme

In seiner Klinik versucht er, auf die Zwischentöne im Gespräch mit Patienten zu hören, wie einmal bei einer Frau: "Sie hatte Juckreiz und Hautausschläge ähnlich wie bei Neurodermitis und war fast zehn Jahre erfolglos durch Hautarztpraxen getingelt", erinnert sich Gieler. Schuld waren am Ende Eheprobleme. Nach Trennung und neuer Liebe "heilten" dann sowohl Ausschläge als auch Allergien.

Bei der Akne dagegen sieht der Professor eine psychische Störung eher als Folge der Hauterkrankung. Denn: "Ein Jugendlicher mit Pickeln wird in der Schule fast immer gehänselt." Dazu komme dann auch noch ein Gefühl des Entstelltseins, das in geschwächtem Selbstwertgefühl und sozialem Rückzug enden könnte. Dabei wäre die Hautprobleme bei der jungen Generation schnell zu beheben, sagt Gieler, denn "wir haben heute sehr gute Akne-Medikamente".

Infos: Krankheit und Persönlichkeit

Wechselwirkungen - Meist haben Hautreaktionen organische Ursachen, aber Wechselwirkungen mit psychischen Problemen wurden von vielen Medizinern beschrieben. Bei einigen Krankheiten entdeckten Ärzte immer wieder bestimmte Persönlichkeitsbilder. Drei Beispiele:

Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) ist ein Verlust von Pigmenten, der meist an Händen und Gesicht auftreten kann. Bei vielen Patienten wurden Neurosen diagnostiziert: Ängste, Zwänge, Verstimmungen und hypochondrische Störungen.

Kontaktdermatitis tritt meist als entzündliche Hautrötung auf, die bei Berührung mit einer Substanz auftritt. Oft sind die Betroffenen depressiv, aggressiv und ängstlich. Patienten zeigen meist folgende Persönlichkeitsmuster: zu hoher Leistungsanspruch an sich und damit verbundenes Scheitern, Minderwertigkeitsgefühle.

Periorale Dermatitis tritt als kleine entzündliche Bläschen und gerötete Haut rund um die Mundregion auf. Betroffen sind meist gepflegte Frauen in guter beruflicher und gesellschaftlicher Position zwischen 30 und 45. Die Hautprobleme treten in Zusammenhang mit Dauerbelastungen sowie mit Konflikten in Beruf und Partnerschaft auf.

Quelle: "Angewandte Psychosomatik" von Hans Christian Deter, Thieme Verlag


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Quellen

Gespräch mit Prof. Uwe Gieler, kommissarischer Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Nov. 2008


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