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Psychologie

Handysucht: Bin ich gefährdet?

Von Manfred Pantförder (13. November 2009)

Handysucht ist schwer zu fassen: Mit dem Handy in der Hand fühlen sich manche Menschen offenbar sicherer. Foto: picture alliance/Eyecandy Image

Wie moderne Kommunikationstechnologie das Verhalten beherrscht und zu neuen Abhängigkeiten führen kann. Wo die Grenze zur Handysucht verläuft. Wann beginnt die Handysucht?

Ein Mobiltelefon eröffnet viele Möglichkeiten. Weil das Handy aber nicht nur zum Telefonieren benutzt wird, ergeben sich weitere Fragen. Ist es noch ein Tick, wenn Jugendliche, aber auch Erwachsene, ständig "simsen", den Short Message Service (SMS) nutzen und Mitteilungen jedweden Gehalts verschicken? Oder ist es schon Handysucht, weil es ohne für viele gar nicht mehr geht?

Psychologen sehen Ansätze einer Verhaltenssucht oder einer Störung der Impulskontrolle. In den anerkannten Diagnoseverzeichnissen ICD-10 und DSM-IV ist Handysucht, wie auch andere Verhaltenssüchte, aber noch nicht als eigenständige Störung aufgenommen.

Hinweise auf Handysucht

Bei derartigen Verhaltensauffälligkeiten mit Suchtpotenzial handelt es sich um Handlungen, die von den Betroffenen schwer zu steuern sind. Hinweise auf Handysucht können sein: ständiges Nachsehen, ob eine Mail eingegangen ist, auf Schritt und Tritt Mitteilungen schreiben und senden, das Handy wird gepflegt wie vergleichsweise vielleicht ein Haustier.

Handysucht und Entzugserscheinungen

Nicht das Handy selbst ist die Ursache der psychischen Störung, diese drückt sich vielmehr in unkontrollierter Nutzung aus. Vergleichbar ist dies mit Störungen wie übertriebene Gewissenhaftigkeit, Kaufsucht oder auch pathologischem Spielen. Dies sind jeweils Ersatzhandlungen, stellen Suchtexperten fest, mit denen die Abhängigen sich einen Kick verschaffen, ein Gefühl, dazuzugehören, nicht allein, sondern beliebt und lebendig oder auch perfekt zu sein.

Die Sucht ist quasi eine Verbindung zur Welt, obwohl sie nur suggeriert, dass man Teil eines sozialen Geflechts ist. In Wahrheit bleibt man – etwa ein Spielsüchtiger – allein mit sich und seinem zwanghaften Verhalten. Das wird besonders deutlich, wenn das Spiel aus ist.

Das soll auch für Handysucht gelten, wenn es via SMS, Spielmöglichkeiten oder Internet-Verbindung als Brücke zur Außenwelt benutzt wird? Zeichen einer beginnenden Handysucht müssten denen anderer, schon klassifizierter Suchtbilder entsprechen. Etwa Entzugserscheinungen. Wie weit gehen Unruhe und Nervosität, wenn das Handy einmal vergessen worden, der Akku leer oder das Gerät verloren oder gestohlen ist? Kreisen die Gedanken immer ums Handy: Soll ich es in den Urlaub mitnehmen, soll ich es in der Freizeit eingeschaltet lassen, auch nachts?

Japaner stellten Handysucht fest

Der Grad der Beschäftigung mit dem Gegenstand ist ein wichtiger Indikator für eine schleichende Abhängigkeit. Als die japanische Regierung eine Untersuchung zum Thema Handysucht in Auftrag gab, fasste ein Mitglied des Expertengremiums mit Blick auf die jugendlichen Handy-Nutzer zusammen: "Sie bewegen ihre Daumen sogar, während sie essen oder fernsehen." Viele fühlten sich ohne ihr Lieblingsgerät unsicher. Ein Studienleiter resümierte, dass er um die Kommunikationsfähigkeit der jungen Menschen fürchte. Viele benutzten ihr Handy als emotionale Krücke, um Probleme im Elternhaus oder in der Schule zu überwinden.

Handysucht und normaler Gebrauch

Es geht hier nicht um Fälle, bei denen das Gerät beruflich gebraucht wird. Sondern: Wenn das Mobiltelefon Maskottchen ist, Sprachrohr und Briefkasten, ohne dass der Besitzer in reale Beziehungen eintritt. Wenn die Attraktion so stark ist, dass ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellbar ist.

Forscher in Florida sind dem Phänomen schon länger auf der Spur. Eine Krankheit wie bei den stoffbezogenen Süchten – Alkohol, Drogen, Nikotin – sehen sie im Fall Handy nicht. Sie versuchen, die Grenze zu definieren: Was ist normaler Gebrauch des Mobiltelefons, wann ist der Einsatz sinnvoll, wann beginnt eine abhängige Nutzung, die krankhaft sein kann, wann kann man von Handysucht sprechen?

Weil die Technik per se nicht gut oder schlecht ist, sehen die Forscher sich das Nutzungsverhalten genau an. Zwanghaftes Checken des Eingangs von Nachrichten oder Anrufen "in Abwesenheit" ist für sie der wichtigste Indikator für eine problematische Nutzung.

Entzugserscheinungen beim Verlust des Statussymbols

Doch erst, wenn diese Abhängigkeit zu Ängsten oder Depressionen führt, wenn etwa erwartete, erhoffte Botschaften nicht eingehen, wenn die Nutzung eher Enttäuschungen einbringt, ist nach Ansicht von Wissenschaftlern Vorsicht geboten.

Handysucht und Chancen

Studien zum Handy-Verhalten von Kindern und Jugendlichen weisen zudem darauf hin, dass allein der Besitz eines möglichst neuen Geräts schon Glücksgefühle auslösen kann, weil damit ein sozialer Status ausgedrückt werde. Das Haben sei Zweck ("Nicht ohne mein Handy"), die eigentliche Bestimmung, nämlich zu telefonieren, sei gar nicht mehr vorrangig.

Der Verlust des Statussymbols könne gewisse Entzugserscheinungen wie Unruhe bewirken, so die Einschätzung, auch wenn diese mit harten körperlichen und psychischen Merkmalen bei den stoffbezogenen Süchten Alkohol und Drogen nicht vergleichbar seien.

Neben dem Suchtpotenzial, das neuen Medientechnologien offenbar innewohnt, weisen Experten immerhin auch auf Chancen hin. So könne das Handy durchaus auch dazu dienen, Vereinzelung überwinden zu helfen. Der Gebrauch des Mediums bestimmt letztlich seinen Charakter. Der Handy-Nutzer hat es buchstäblich selbst in der Hand.

Handysucht bei Kindern

Jüngere Kinder benutzen das Handy überwiegend wie ein Spielzeug. Mediziner und Psychologen empfehlen Eltern daher, den Gebrauch bei Anzeichen von Abhängigkeit zeitlich zu begrenzen. Bestimmte Regeln wie Handy nicht bei Tisch oder die Einführung von handyfreien Tagen sollen die Gewöhnung aufbrechen. Verbote gelten schließlich auch schon im öffentlichen Raum, so meist in Schulen.

Ein weiteres Mittel kann die Kostenregulierung bei jungen Nutzern sein. Besonders der Versand von sms, Kurzmitteilungen, kann sehr teuer werden, wenn keine flat rate, der Einheitstarif, besteht. Von diesem ist bei Kindern indes eher abzuraten, wenn der massenhafte Gebrauch nicht noch befördert werden soll.


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Quellen

Lisa Merlo: Studie am College of Medicine, University of Florida, 2007, www.news.ufl.edu/2007/01/18/cell-addiction
KIM-Studie, Kinder und Medien, 2008, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Stuttgart
JIM-Studie, Jugendliche und Medien, 2008, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Stuttgart
Umfrage des japanischen Erziehungsministerium unter Schülern, 2007






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