Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Psychologie

Computersucht - das virtuelle Leben

Von Angelika Friedl (13. Februar 2012)

Begeisterte Fans feiern ein neues Computer-Rollenspiel. Foto: PA/dpa

Nicht jeder, der stundenlang im Internet surft, ist süchtig. Aber mancher verliert die Kontrolle. Vor allem jüngere Menschen werden vom Computer magisch angezogen.

Sie spielen und spielen und spielen. Wer bei World of Warcraft erfolgreich sein will, braucht viel Zeit. Denn die Helden in der Welt Azeroth müssen Dutzende von Quests bestehen. So gewinnen sie verzauberte Ringe und mächtige Schwerter, kämpfen gegen Magier oder finden einen "Tank", einen starken Beschützer. World of Warcraft ist noch immer eines der beliebtesten Rollenspiele. Das Computermagazin Chip bescheinigt ihm die höchste Suchtgefahr, dicht gefolgt von "Mass Effect 2", einem Krieg-der-Sterne-Spiel. "Herr der Ringe" dagegen steht nur auf Platz zehn der Computersucht-Liste.

Studie: Computersucht betrifft 560 000 Deutsche

"Exzessives Computerspielen oder ständiges Surfen im Internet kann zur Sucht werden", sagt Klaus Wölfling, der psychologische Leiter der Ambulanz für Spielsucht am Klinikum der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Seit 2008 können sich in der Ambulanz auch Betroffene von Computersucht und Internetabhängige beraten lassen und eine Gruppentherapie machen. "Computerspielsucht ist leider nicht extrem selten, wie vor einiger Zeit fälschlicherweise gemeldet wurde", betont Wölfling. Kürzlich ermittelte die erste repräsentative Studie zur Häufigkeit der Internetabhängigkeit (PINTA I) die wahren Zahlen. Danach haben 560000 Menschen in Deutschland jedes Maß verloren, wenn sie am Computer sitzen. Bei den 14- bis 24-Jährigen ist die Gefahr am größten.

Nicht jeder, der stundenlang im Internet surft, ist schon süchtig. Bedenklich sind jedoch folgende Anzeichen: In Gedanken ständig bei den letzten Online-Aktivitäten sein; die Surfzeiten werden immer länger; man wird gereizt, depressiv oder ruhelos, wenn man nicht online ist oder jemand versucht, den Computer auszuschalten. "Das zentrale Kriterium für eine bestehende Sucht ist aber das unwiderstehliche Verlangen, am Computer zu spielen", sagt Klaus Wölfling. Zwar ist die "Internet addiction disorder" bislang nicht als Suchterkrankung anerkannt. Die Forschung ist sich auch noch nicht einig, ob die pathologische Computernutzung eher den Zwangsstörungen oder den Abhängigkeitserkrankungen zuzurechnen ist. Doch Verhaltenstherapeut Wölfling glaubt, dass die Aufnahme der Computersucht in den DSM Katalog (Diagnostisches und Statistisches Handbuch psychischer Störungen) nur eine Frage der Zeit ist.

Computersucht: Das Gehirn verändert sich

Forscher der Berliner Charité haben bereits vor einigen Jahren mit hirnphysiologischen Untersuchungen nachgewiesen, dass exzessive Computerspieler ähnlich intensiv auf Spieleszenen reagieren wie Alkoholiker, wenn sie Bilder von Wein- und Schnapsflaschen sehen. In einer neuen Studie zur Computersucht berichten chinesische Wissenschaftler über Veränderungen an der weißen Hirnsubstanz. Die Leitungsbahnen im Gehirn sollen, so die Forscher, ähnliche Merkmale zeigen wie sie schon bei Kokain- und Marihuanasüchtigen nachgewiesen wurden.

Die Folgen für Menschen, die ganz in virtuelle Welten abtauchen, können gravierend sein. Sie kaufen z. B. nur noch das allernötigste ein, um den Rest des Tages am PC zu verbringen. "Der Schlafrhythmus ist völlig verschoben, weil es ja keine normalen Tag- und Nachtzeiten mehr gibt", meint Klaus Wölfling. Je stärker die Computersucht, desto stärker wird auch die soziale Isolation in der realen Welt. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach. Computersüchtige riskieren sogar eine Partnerschaft oder ihre Arbeitsstelle.

In der Therapie gegen Computersucht die Kontrolle gewinnen

Die Therapie gegen Computersucht verfolgt zwei Ziele: zu erkennen, warum und wann das Verlangen nach dem Computer nicht mehr kontrollierbar ist und wieder zu lernen, den Computer sinnvoll für Beruf und Alltag zu nutzen. "Den Patienten werden zunächst die problematischen Verhaltensmuster bewusst und sie lernen in der Verhaltenstherapie zum Beispiel, wie er oder sie am besten mit Frustrationen umgeht. Im Kompetenztraining üben sie dann Fähigkeiten wie Selbstsicherheit, Kontakt schließen und Nein sagen können", erklärt Wölfling. Um an der Mainzer Gruppentherapie teilnehmen zu können, schließen die Teilnehmer einen "Abstinenzvertrag". Fünf bis sechs Wochen lang müssen sie sich von Internet und Computer fernhalten. Später notieren sie in Wochenprotokollen, wie oft sie gespielt und was sie dabei gefühlt haben. Schritt für Schritt sollen die Patienten die Kontrolle über den Computer gewinnen. Ein Mittel um Dauersurfen einzugrenzen wäre, sich vor dem Einschalten aufzuschreiben, welche Seiten man besuchen will – und sich dann genau an diesen Plan zu halten.

Internetabhängigkeit und Computersucht geht durch alle Schichten, sagen Experten. In die Mainzer Ambulanz kamen in den ersten Jahren vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17 und 25 Jahren. Nun melden sich vermehrt auch Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. Junge Männer verfallen meist Online-Spielen, junge Frauen führen ein virtuelles Leben vorwiegend in sozialen Netzwerken.

Meinung: Kontrollverlust

Von Manfred Pantförder

Computersucht ist ein großes Wort. Die Nutzung der schnellen und pragmatischen neuen Speicher- und Kommunikationsmedien erleichtert Arbeitsprozesse ernorm. Wer will daran zweifeln? Das negative Image rührt indessen daher, dass Computer als Spielzeug ge- und auch missbraucht werden.

Exzessives Spielen ist dann ein Kontrollverlust, wie er auch in anderem Zusammenhang auftreten kann, etwa beim Glücksspiel an Automaten. Eine ähnliche Debatte ist schon über den Berieselungseffekt, den übermäßiges Fernsehen hervorrufen kann, geführt worden. Aus Akteuren werden dabei stets passive Beteiligte, weil wichtige Merkmale fehlen, die Spielen eigentlich ausmachen: soziale Interaktion, Empathie, sich gemeinsam freuen oder auch erbittert miteinander konkurrieren. Dieses Defizit betrifft natürlich vor allem Kinder und Heranwachsende, aber auch jüngere Erwachsene, die den Sprung ins echte Leben nicht gelernt haben.

Aufklärung über drohende Abhängigkeiten bleibt der einzige probate Weg, um einen sinnvollen Gebrauch der Medien einzuüben. Das muss in Elternhaus und Schule stattfinden. Verteufelung der Hardware ist indes nicht klug, sondern der sichere Weg, um den Anschluss an technologische Entwicklungen zu verlieren.

Nutzen wir vielmehr das kommunikative und kreative Potenzial, das Computer unzweifelhaft besitzen, wenn die Dosis stimmt und wir über Zeit und Dauer selbst entscheiden. Und reden wir in den krassen Fällen von Kontrollverlust präzise von Computerspielsucht.

Selbsttest:

Psychologen der Universität Mainz haben Fragen erarbeitet, mit deren Hilfe man die eigene Gefährdung erkennen kann:

Haben Sie ein unwiderstehliches Verlangen, am Computer spielen zu müssen?
Können Sie Beginn, Beendigung und Ausmaß des Computerspielens nicht mehr kontrollieren?
Haben Sie schon öfters vergeblich versucht, das Computerspielen einzuschränken oder aufzugeben?
Fühlen Sie sich unwohl, wenn Sie den Computer nicht nutzen können?
Vernachlässigen Sie wegen des Computerspielens Ihre schulischen, beruflichen und sozialen Pflichten?
Spielen Sie trotzdem noch weiter, auch wenn sie schon einige Male negative Konsequenzen erfahren mussten?

Rat und Hilfe:

Die interaktiv aufbereiteten Informationen  auf der Seite www.ins-netz-gehen.de von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung richten sich besonders an Jugendliche
www.fv-medienabhaengigkeit.de (Fachverband Medienabhängigkeit e.V.)
Broschüre: Internet- und Computerspielabhängigkeit – klicksafe Tipps für Eltern (EU Initiative klicksafe), zu bestellen unter www.klicksafe.de
Broschüre "Online sein mit Maß und Spaß", Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ,zu bestellen unter http://www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung/
Ambulanz für Spielsucht, Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin., Universitätsmedizin Mainz, Tel. 06131 17-6064, Mo bis Fr 12 bis 16 Uhr
Behandlungskonzept Pathologischer Computergebrauch der Schön Klinik Bad Bramstedt, Tel. 04192 504-644, www.schoen-kliniken.de


Lesen Sie auch

Weitere Beiträge zum Thema Sucht

Quellen

Informationen auf www.fv-medienabhaengigkeit.de (Fachverband Medienabhängigkeit e.V.)
Studie Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA I), Pressemitteilung unter http://drogenbeauftragte.de/presse/pressemitteilungen/2011-03/pinta-studie.html
Gespräch mit Klaus Wölfling, Ambulanz für Spielsucht, Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin., Universitätsmedizin Mainz, Januar 2012






Anzeige