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Psychologie

Asperger-Syndrom: Wie eine Autistin die Welt sieht

Von Barbara Bückmann (20. Juni 2012)

Viele Menschen, viele Wege: Der Anblick eines Einkaufszentrums kann autistisch veranlagte Menschen überlasten. Foto: Preißmann

Erst mit 27 Jahren wurde bei Christine Preißmann das Asperger-Syndrom erkannt, das den Umgang mit anderen Menschen und unbekannten Situationen schwer macht. Sie hat gelernt, ihre Ängste zu besiegen, und ist heute Patientin und Ärztin zugleich.

 Sie behandelt täglich Patienten – und weiß nicht so recht, wie man neue Kleidung kauft. Sie schreibt Ratgeber und fährt als Vortragsreisende durch ganz Deutschland – und braucht mehrere Anläufe, um ein Schwimmbad zu besuchen. Dr. Christine Preißmann ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie – und Asperger-Autistin. Mit Hilfe einer Psychotherapie hat die 41-Jährige viele Barrieren, die Aperger-Syndrom setzt, überwunden. Mit ihren Büchern und Vorträgen macht sie nachvollziehbar, wie ein Asperger-Patient die Welt sieht und erlebt.

Alltägliche Handlungen sind für Menschen mit Asperger-Syndrom ein Problem, auch wenn sie nicht selten überdurchschnittlich begabt sind. Oft sind sie motorisch ungeschickt. Das soziale Miteinander ist für sie ein Rätsel, ihnen fällt es schwer, Gedanken und Gefühle anderer Menschen zu erkennen und die eigenen zu formulieren. Christine Preißmann möchte Eltern und vor allem Lehrer, Ärzte, Erzieher für das Krankheitsbild sensibilisieren und praktische Tipps für den Umgang mit autistischen Menschen geben.

Der Lehrer las ihre Aufsätze als abschreckendes Beispiel vor

"Die Schulzeit war für mich schrecklich", erzählt die Medizinerin mit der sympathischen Stimme. Mit ihren Klassenkameraden konnte sie nicht viel anfangen. In der Pause stand sie allein auf dem Schulhof oder ging in die Toilette, um nicht aufzufallen. Sie fehlte häufig, wegen ungeklärter Kniebeschwerden durfte sie Ausflüge und Klassenreisen schwänzen. Der Deutschlehrer hielt sie schlicht für faul. "Er hat manchmal als abschreckendes Beispiel meine Aufsätze vorgelesen." Texte zu verstehen fällt Betroffenen mit Asperger-Syndrom schwer, weil sie stärker Details wahrnehmen und Zusammenhänge und Bezüge nur unzureichend erkennen.

Vom Asperger-Syndrom sind bis zu ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Es ist die leichteste Form des Autismus, der in seiner extremsten Ausprägung zur geistigen Behinderung führt. Da bei Asperger die Übergänge zur Normalität fließend sind, erhalten viele die Diagnose erst im jungen Erwachsenenalter. Einige haben da bereits eine quälende Zeit hinter sich, in der ihr "Anderssein" ihnen unerklärlich war.

Betroffene mit Asperger-Syndrom können Witze nicht verstehen

Bei Christine Preißmann wurde das Asperger-Syndrom erst mit 27 Jahren erkannt. Für sie eine Befreiung. Heute kann sie sogar manchmal über ihre Krankheit lachen. Als eine Kollegin schimpfe, sie "könne in die Luft gehen", nahm sie an, es ginge um eine Flugreise. Asperger-Autisten können Redewendungen und Witze nicht verstehen, sie nehmen alles wörtlich. Christine Preißmann hat deshalb 1000 Sprichwörter auswendig gelernt.

Das Lernen für das Medizinstudium, fiel ihr leicht. Schwerer war die Ausbildung in der Praxis. "Ich habe Patienten, die zu spät zum Termin kamen, einfach nach Hause geschickt". Das gab Ärger. Auch konnte sie sich nicht auf so viele Menschen mit unterschiedlichen Beschwerden einstellen. Die Gruppensitzungen, die sie bei ihrer Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin absolvieren musste, bewältigte sie mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe, in der sich Menschen mit Asperger-Syndrom trafen. "Da habe ich gelernt, mich in einer Gruppe zu bewegen." Heute arbeitet sie in einer psychiatrischen Klinik mit Suchtpatienten, die einen Entzug machen. "Die Problematik ist meist ähnlich".

Rituale und feste Regeln helfen beim Asperger-Syndrom

Rituale, klare Abläufe und feste Regeln geben auch Menschen mit Asperger-Syndrom Sicherheit in einer als undurchschaubar und oft bedrohlich erlebten Außenwelt. Die Störung hat vermutlich genetische Ursachen. Im Gehirn arbeiten die Bereiche für Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis und Emotionen schlechter zusammen. Betroffene können etwa die Mimik anderer Menschen nicht deuten. Mangelt es ihr da nicht an dem für eine Ärztin nötigen Einfühlungsvermögen? "Ich muss einfach anders fragen, um die nötigen Informationen zu erhalten, aber ich komme auf die gleiche Diagnose."

Durch ihre Knieprobleme war sie als Kind häufig Gast in Krankenhäusern – und begann so, sich für Medizin zu interessieren. Trotz ihrer schlechten Abinote bekam sie einen Studienplatz. Im sogenannten Medizinertest, den es damals noch gab, war sie unter den zehn Prozent Besten. Ihre Mitstudenten trafen sich, lernten zusammen – aber sie blieb allein, wusste nichts von ihrem Asperger-Syndrom, das ihr Anderssein erklärt. Gegen Ende des Studiums entwickelte sie eine Depression, begann eine Psychotherapie, die ihr bis heute sehr hilft. "Ich weiß nicht, wer zu mir passt, worüber man redet und wie man eine Freundschaft pflegt", sagt Christine Preißmann. Auch leidet sie darunter, wohl nie ein Kind zu haben.

Vortragsreisen kosteten große Überwindung

Ihre Vortragsreisen haben sie anfangs "wahnsinnige Überwindung" gekostet, mittlerweile hat sie das im Griff. "Ich werde flexibler." Wichtig ist für Menschen mit Asperger-Syndrom jeden Tag ein klarer Ablaufplan. Wenn sich Christine Preißmann nicht so gut fühlt, fällt er umso detaillierter aus. Nach wie vor kann sie nicht gut mit kurzfristigen Änderungen umgehen. Wenn etwa die Eltern, bei denen sie noch lebt, später zum Abendessen kommen. "Da gibt es immer noch Streit".

Eine Ergotherapeutin unterstützt sie bei praktischen Dingen. Etwa beim Einkauf von neuen Kleidern wie vor drei Jahren, als sie in kurzer Zeit vierzig Kilo abnahm. "Hunger, Durst, Müdigkeit, das fühlt sich für mich alles gleich an. Im Zweifel habe ich etwas gegessen." Sie begann sich bewusst zu ernähren und Sport zu treiben. In dieser Zeit wollte sie ins Schwimmbad. "Gehen Sie da links rein, dann sehen Sie schon", sagte die Frau an der Kasse. Sie ging wieder. Im nächsten Bad erklärte die Kassiererin genau, in welchem Gang die Umkleiden sind, wo die Schließschränke, wo die Duschen. Diese Anleitung brauchte sie, um den Eintritt zu wagen.

Traum vom eigenen Appartement

Inzwischen weiß sie, was sie sich zumuten kann. Ihr großes Ziel: eine eigene Wohnung. Auch ein Wohnprojekt könnte es sein, mit einem eigenen, abgeschlossenen Appartement.
Menschen mit Asperger-Syndrom wirken zuweilen schroff und unhöflich. Die  Kollegen von Christine Preißmann wissen von ihrer Krankheit. Seitdem ist der Umgang leichter. Sie können es besser einschätzen, wenn sie andere wieder darauf hinweist, dass sie zu spät gekommen sind. "Mir fällt manchmal nichts anderes ein, um ein Gespräch zu beginnen."
 

Download: Fotobuch "Autismus in Bildern dargestellt"

Download PDF

Dieses Fotobuch hat Dr. Christine Preißmann zusammengestellt, um das Wesen von Menschen mit autistischen Störungen zu illustrieren und um Berührungsängste abzubauen. Download als PDF (2,1 MB)

Zur Person: Dr. Christine Preißmann

Dr. Christine PreißmannDr. Christine Preißmann wurde 1970 in Südhessen geboren, wo sie bis heute lebt. Sie hat zwei jüngere Brüder, studierte Medizin in Frankfurt/M. und ein Semester in Uganda. Nach der Facharztausbildung in Allgemeinmedizin bildete sie sich zur Psychotherapeutin weiter. Das Asperger-Syndrom wurde bei ihr erst mit 27 Jahren diagnostiziert. Seit 2005 hält sie Vorträge über Autismus und hat drei Bücher veröffentlicht (u.a. "Asperger – Leben in zwei Welten", Trias Verlag, 2012, 19,99€). Derzeit arbeitet sie an einem Buch über Autismus bei Mädchen und Frauen. In ihrer Freizeit fotografiert sie.


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Quellen

Gespräch mit Dr. Christine Preißmann, Darmstadt, Juni 2012






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